Interview

Bremer Ärztin in Sorge: So etwas wie in Italien will ich nicht erleben

Immer mehr Corona-Patienten liegen im Klinikum Bremen-Mitte. Geht es so weiter, wird es laut Oberärztin Piepel schwer, alle zu versorgen. Und die Dunkelziffer an Infizierten sei hoch.

Infektiologin Dr. Christiane Piepel mit Mundschutz im Vordergrund auf dem Stationflur der Isolierstation. Pflegekräfte im Hintergrund.
Die Zahl der Corona-Kranken im Klinikum Bremen-Mitte ist wieder wie im März und April. (Symbolbild) Bild: Gesundheit Nord gGmbH | Kerstin Hase
Frau Piepel, aktuell steigt die Zahl an Corona-Neuinfektionen wieder stark an. Was kommt da gerade auf uns zu?
Die Zahlen steigen wieder an, das kann ich klar bestätigen. Auch hier im Krankenhaus haben wir immer mehr Menschen, die positiv auf das Virus getestet werden. Deshalb sind wir jetzt gerade dabei, unsere Kapazitäten wieder weiter hochzufahren, um dem Versorgungsanspruch überhaupt gerecht werden zu können, das heißt, alle Patienten gut versorgen zu können. 
Was genau bedeutet das?
Wir werden noch eine weitere Station aufmachen. Im Moment haben wir im Klinikum Bremen-Mitte eine Station mit 18 Zimmern, auf der wir ungefähr 26 Patienten betreuen können. Die genaue Anzahl hängt davon ab, inwiefern man die Patienten zu zweit in einem Zimmer versorgen kann. Zum Beispiel kann ich nicht die Verdachtsfälle oder die Kontaktpersonen zusammen in einem Zimmer unterbringen, die müssen alle einzeln liegen. Aktuell merken wir, dass wir mit diesen 18 Zimmern an die Grenze kommen. Daher sollen noch einmal 17 bis 18 Zimmer auf einer zweiten Station dazukommen. 
Wie stellen sich die Krankheitsverläufe der an Corona erkrankten Patienten dar, die momentan bei Ihnen in der Klinik sind?
Vor ein, zwei Wochen hatten wir eher jüngere Patienten mit leichteren Verläufen, die wir zügig entlassen konnten. Jetzt sind es zunehmend ältere Menschen, über 80 Jahre, Menschen, die Sauerstoff brauchen.
Gibt es hinsichtlich der Krankheitsverläufe eine Veränderung, wenn Sie die aktuelle Situation mit der im März und April vergleichen?
Es wird wieder wie im März und April. Damals hatten wir ja ziemlich viele Patienten bei uns in der Klinik. In den Monaten danach wurde es dann deutlich weniger, an einigen Tagen hatten wir auch mal gar keine Patienten. Aber jetzt sind wir von der Anzahl her wieder auf dem gleichen Niveau wie im März und April. Auf der Intensivstation müssen meines Wissens nach zwar aktuell nicht so viele Corona-Patienten betreut werden, aber das kommt dort erwartungsgemäß auch erst ein bisschen später an. Die Patienten kommen in der Regel ja erst einmal auf die normale Station und dort beobachtet man dann, ob sich der Zustand verbessert oder verschlechtert. 
Das heißt, wir sehen gerade nur die Spitze des Eisbergs? Die schweren Erkrankungen zeigen sich erst in einigen Tagen?
Ich hoffe, dass es die Spitze ist - im Sinne eines Höhepunkts. Gerade sehe ich nur, dass die Zahlen steigen und nicht fallen. Und ich befürchte, dass der Anstieg auch so rapide weitergeht. Das ist im Moment meine große Sorge.
Konnten Sie aus den vergangenen Monaten denn auch etwas lernen, zum Beispiel, was die Behandlung des Coronavirus betrifft?
Ja, es gibt mittlerweile einige Daten, die zeigen, dass gerade für sehr schwere Krankheitsverläufe bestimmte Medikamente eingesetzt werden können. Dafür müssen aber immer verschiedene Kriterien erfüllt sein. Wir können natürlich nicht sagen, dass wir mit diesem oder jenen Medikament den Patienten heilen können. Das sind Medikamente, die den Krankheitsverlauf lediglich verbessern sollen. Fest steht: Auch wenn wir jetzt mehr Daten haben als im Februar oder März, würden wir uns insgesamt noch viel bessere Kenntnisse von den Medikamenten den Faktoren, die den Krankheitsverlauf beeinflussen können, wünschen.
Gibt es auch im intensivmedizinischen Bereich neues Wissen?
Ja, auch die Intensivmediziner haben Erfahrungen gesammelt. Denn auch in diesem Bereich gibt es mittlerweile viel mehr Daten als noch im Februar oder März. Letztendlich ist es aber so, dass man sich immer wieder neu informieren muss, bei jedem einzelnen neuen Fall.
Gehen Sie von einer hohen Dunkelziffer an Corona-Infektionen aus?
Auf jeden Fall. Das merken wir in der Klinik schon alleine daran, dass wir momentan alle Patienten testen, die bei uns stationär aufgenommen werden, und dass bei einigen Menschen, die wegen ganz anderer Erkrankungen kommen, der Test positiv ausfällt, sie selbst aber überhaupt gar nichts von der Erkrankung gemerkt haben.
Worauf kommt es jetzt an?
Es kommt dringend darauf an, die Anzahl an Erkrankten zu reduzieren. Wenn sich das Virus so weiter ausbreitet wie bisher, dann denke ich, dass es für die Kliniken sehr, sehr schwierig wird, alle Patienten gut zu versorgen. Und davor habe ich natürlich große Sorge, dass dann Menschen, die schwer krank sind, Probleme haben, einen Platz im Krankenhaus oder auf der Intensivstation zu bekommen. So etwas wie in Italien möchte ich nicht erleben: Entscheiden zu müssen, wer an die Beatmungsmaschine kommt und wer nicht.

Autorin

  • Catherine Wenk Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 8. Oktober 2020, 19:30 Uhr

Archivinhalt