Interview

"Leben retten ist moralische und rechtliche Verpflichtung"

Für private Rettungsschiffe ist die Lage im Mittelmeer derzeit extrem schwierig. Was macht eigentlich die "Aquarius", die 2016 in Bremerhaven gestartet ist?

Das Rettungsschiff "Aquarius" liegt im Hafen von Marseille.
Seit mehreren Wochen liegt die "Aquarius" im Hafen von Marseille. Bild: SOS Mediterranee

Die Crew des Rettungsschiffs "Aquarius" der Organisation SOS Mediterranee hat seit 2016 mehr als 25.000 Flüchtlinge gerettet. Jetzt ist die Situation für private Rettungsschiffe schwierig geworden. Momentan ist kein einziges Schiff mehr im Mittelmeer unterwegs. Die "Aquarius" harrt derweil in Marseille aus. Wie es weitergehen soll, erklärt Hanna Krebs, Pressesprecherin von SOS Mediterranee.

Wie ist die aktuelle Lage der "Aquarius"?
Die Aquarius befindet sich derzeit noch im Hafen von Marseille, wohin wir am 29. Juni zum Crewwechsel kommen mussten, da weder Italien noch Malta uns in den Hafen ließen. An Bord sind momentan Besatzungsmitglieder von SOS Mediterranee und Ärzte ohne Grenzen, und die Marine-Crew, also die Schiffsbesatzung inklusive Kapitän. Die aktuellen politischen Entwicklungen verhindern das Retten von Menschen im Mittelmeer für NGOs. Wir sind deswegen gezwungen, zuerst die Lage zu prüfen, bevor wir zurück auf See gehen. Momentan ist kein einziges humanitäres Schiff im Mittelmeer, um die Menschen zu retten und in Sicherheit zu bringen.


Hanna Krebs, Pressesprecherin der Organisation SOS Mediterranee, im Porträt.
Pressesprecherin Hanna Krebs. Bild: SOS Mediterranee
Wie geht es jetzt weiter?
Eine Rückkehr in die Such- und Rettungszone ist geplant, sobald die Auswertung der Situation abgeschlossen ist. Da wir davon ausgehen müssen, bei der nächsten Rettung im Zweifelsfall erneut mehrere Tage mit Hunderten Menschen an Bord verbringen zu müssen, statten wir uns mit zusätzlichen Nahrungsvorräten aus und bessern auch die sanitären Gegebenheiten an Bord aus.
Was entgegnen Sie Kritikern, die sagen, die private Seenotrettung würde die Migration und das Geschäft der Schleuser befördern? Einige Politiker bezeichnen die Rettungsschiffe als "Shuttle-Service".
Angesichts der Tatsache, dass die EU bisher keine Alternative zu der tödlichen Flucht über das Mittelmeer geschaffen hat, ist die einzige Alternative zu proaktiven Such- und Rettungseinsätzen, dass die Menschen ertrinken. Das halten wir für inakzeptabel. Alle unsere Einsätze während der letzten 28 Monate haben wir unter Koordination der italienischen Behörden durchgeführt. Sogar als wir mit den 630 Geretteten bis nach Valencia fahren mussten, haben uns zwei italienische Schiffe begleitet. Wenn wir nicht vor Ort sind, sterben noch mehr Menschen.
Die Todesfälle in den letzten Wochen zeigen darüber hinaus, dass die Menschen vor ihrem entsetzlichen Schicksal in Libyen fliehen, ganz unabhängig davon, ob Rettungsschiffe vor Ort sind oder nicht. 

Verspüren Sie gesellschaftlichen Rückhalt für die Seenotrettungsaktionen?
Gerade jetzt in den jüngsten Wochen scheint es einen Kristallisierungsmoment in der Zivilgesellschaft zu geben, in dem es heißt: "Jetzt erst recht!" Viele Berühmtheiten wie Jan Böhmermann oder Klaas Heufer-Umlauf haben sich für Spendenkampagnen stark gemacht, separat haben wir letzte Woche eine eigene Spendenaktion "SpendeMenschlichkeit" mit Prominenten wie Jan Delay gestartet. Und zur Demonstration vor etwa 10 Tagen, von der Initiative Seebrücke – die ja auch neu ins Leben gerufen wurde – kamen allein in Berlin über 12.000 Menschen zusammen. Gerade zu diesen schwierigen Zeiten sehen wir also das ermutigende Zeichen, dass sich Öffentlichkeit stark für die im Mittelmeer ertrinkenden Menschen engagiert.
Auch haben wir beobachtet, dass sich in Italien eine Reihe an Bürgermeistern öffentlich bereit erklärt hat, Rettungsschiffe aufzunehmen, wenn der Innenminister das zulässt. Auch in Deutschland hat sich eine Reihe von Städten und Bundesländern, darunter auch Berlin, bereiterklärt, im Mittelmeer gerettete Flüchtlinge aufzunehmen.
Was entgegnen Sie denjenigen, die sagen: Wir können nicht alle Menschen retten?
Die Alternative wäre dann, die Menschen ertrinken zu lassen. Dies ist absolut inakzeptabel. Leben zu retten ist eine moralische und rechtliche Verpflichtung. 
  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 17. Juli 2018, 23.22 Uhr