Merkel auf der Bühne: Was die Zuschauer bei Angela I. erwartet

Ein Leben ohne die "ewige Kanzlerin" – geht das? Diese Frage stellt das Theaterstück Angela I. heute bei der Uraufführung in Bremen. Unser Autor Marcus Behrens hat es schon gesehen.

Angela I.
Silke Buchholz (rechts) spielt im Theaterstück Angela Merkel. Bild: Bremer Shakespeare Company | Marianne Menke

Das Theater am Leibnizplatz in der Neustadt ist das Zuhause der Bremer Shakespeare Company. Vor Jahrzehnten mit dem Ziel gegründet, Shakespeare-Werke auf Deutsch, aber "etwas anders" aufzuführen, hat sich das Ensemble schon vor Jahren auch vielen anderen Themen und Texten geöffnet. Heute Abend kommt ein Stück von Katja Hensel zur Uraufführung, das den Titel "Angela I" trägt.

Dass es um Angela Merkel geht, liegt auf der Hand. Aber dieses Stück ist weder Biografie noch Kabarett. Die Autorin hat sich fiktiv mit der Zeit auseinandergesetzt, in der Angela Merkel nicht mehr Bundeskanzlerin ist. Auf der Theaterbühne plötzlich und überraschend – ungefähr so, wie sie im realen Leben ihren Rückzug vom Parteivorsitz angekündigt hatte – nur dass sie hier dann bereits ganz von der politischen Bildfläche verschwunden ist.

Der Charakter "Angela" taucht nur selten auf

Angela Merkel tritt als Figur selbst gar nicht so oft auf, wie der Titel des Stücks vielleicht vermuten lassen mag – es geht ja auch um die Zeit, in der sie allenfalls noch mal auf der Besuchertribüne des Bundestags platznehmen würde. Das Werk bewegt sich zwischen Tatsachen, Träumen und Trivialität.

Was hätte William Shakespeare aus diesem Stoff gemacht? Diese Frage schwebt im Bremer Theater am Leibnizplatz immer über den Inszenierungen anderer Autorinnen und Autoren. Hensel kennt diese Herausforderung noch aus vergangenen Zeiten: "Zum einen war ich selber mal Schauspielerin an der Shakespeare Company, das ist schon etwas her. In sofern kenne ich dieses Spielen – mit sechs Schauspielern spielt man alle Rollen und muss gucken, dass das irgendwie hinhaut, also ganz pragmatisch", sagt die Autorin. "Das andere, das ich bei Shakespeare immer ganz toll finde, dass es für Menschen, die sich unterhalten lassen wollen etwas ist, es ist für Menschen, die sich philosophisch interessieren, die ein bisschen tiefer gehen und sich für Poesie interessieren – es ist eigentlich für jeden etwas dabei. Das finde ich an Shakespeare ganz toll."

Das Leben nach der großen Politikkarriere

Ein Leben ohne die ewige Kanzlerin. Geht das überhaupt? Das Ensemble der Bremer Shakespeare Company verkörpert eine ganze Reihe potenzieller ehemaliger Weggefährten an diesem Abend – Menschen, die zum Alltag der Kanzlerin gehörten – vor und hinter den Kulissen. Und diese müssen sich nun mit ihrem Leben "danach" auseinandersetzen. Einem Leben, dem plötzlich nicht nur Sinn sondern auch Inhalt zu fehlen scheint.

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Sind in ihren Rollen Merkel und ihre Weggefährten: Die Schauspieler der Shakespeare Company. Bild: Bremer Shakespeare Company | Marianne Menke

Für Regisseur Stefan Otteni, der auf dieser Bühne vor einigen Jahren bereits die deutsche Erstaufführung von Mike Bartletts "King Charles III" in Szene gesetzt hatte, ist "Angela I" eine logische Fortsetzung. Wieder geht es um eine prominente Person die mittels Theater in einen Zustand versetzt wird, den sie im wirklichen Leben ziemlich sicher nicht erreichen wird.

"Was wir machen ist – finde ich – viel mutiger, weil wir uns erstens in einen Bereich begeben, der sonst immer nur vom Kabarett abgedeckt wird. Wir versuchen zwar auch, mit Humor zu arbeiten", erklärt Otteni. "Aber mit Humor, der tiefer geht und böser ist, der wehtut, der vielleicht aus der Not geboren ist, weil die Politik in einem so desaströsen Zustand ist, dass man ja nur noch mit Humor beikommen kann.

Episoden-Schauspiel "Angela I."

Ungewöhnlich an diesem Werk ist nicht nur der Ansatz – der Blick in ein Land, unser Land, zum Zeitpunkt X in der gar nicht mehr so weit entfernten Zukunft, wenn etwas inzwischen gar nicht mehr so Überraschendes tatsächlich passiert ist.

Katja Hensels Werk ist weder kritische Abrechnung, noch Biographie – noch ein kabarettistisch-lustiger Abend. Die Texte haben Tiefe und der tiefsinnige Humor ist zuweilen gut auch versteckt. Ein Theaterstück – oder vielleicht eher eine Aneinanderreihung von Szenen – eine Art Episoden-Schauspiel, das den Zuschauerinnen und Zuschauern einiges abverlangt – Grundkenntnisse der Ära Merkel sind absolut von Vorteil, um alles zu verstehen, was aufgegriffen und angesprochen wird. Was wäre, wenn die echte Angela Merkel im Publikum sitzen würde?

"Ich glaube, sie wäre zum Teil überrascht, weil es ein sehr subjektiver Blick auf sie ist und wir interpretieren Entscheidungen und Pläne in sie hinein, die sie so wahrscheinlich nie gehabt hat, aber von denen wir uns vorstellen, dass es möglich wäre", überlegt Hensel, die sich über einen Theaterbesuch der Kanzlerin freuen würde. "Ich hätte keinen Bammel, wenn sie käme. Mich würde es total interessieren. Vielleicht wäre sie an manchen Stellen ein bisschen irritiert, aber eigentlich wäre es glaube ich für alle Seiten ganz interessant."

Pragmatismus statt großer Überraschungen

Was diesem Land wirklich fehlt – und ob diesem Land etwas fehlt, wenn die Ewigkeit der Bundeskanzlerin Angela Merkel Geschichte geworden ist – werden wir erst wissen, wenn der Tag gekommen ist. Die Raute ist bereits jetzt als Symbol für Pragmatismus verewigt.

Hochintelligentes Theater, sehr sauber inszeniert und von überzeugenden Schauspielerinnen und Schauspielern dargeboten an diesem Abend, wenige Tage vor der Premiere – trotzdem bleibt bei mir am Ende das Gefühl aus, in dieser Hauptprobe etwas Umwerfendes oder wirklich Überraschendes gesehen zu haben. Das mag auch daran liegen, dass das Thema – also die Person Angela Merkel – für Beständigkeit und Pragmatismus steht und nur selten für eine Überraschung gut war in ihrer bisherigen Amtszeit. Die Inszenierung in Bremen bewegt sich genau in dieser Welt und passt somit zum Thema…

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  • Marcus Behrens

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 28. Februar 2019, 08:20 Uhr