Die Lebensader für 5G: Breitband-Verkabelung stockt

Ohne ordentliches Breitband-Kabel in der Erde kommt der Mobilfunk nicht auf Touren. Doch Niedersachsen ist noch längst nicht flächendeckend erschlossen.

Arbeiter verlegen Glasfaserkabel
In vielen Teilen Norddeutschlands gibt es noch immer kein schnelles Internet. Bild: DPA | Oliver Berg

Der weiße Fleck ist nicht wegzukriegen. Kurzfristig jedenfalls nicht. Wer ihn ausradieren will, tippt auf den Kalender 2025. Bis dahin wird es in Niedersachsen immer noch Gebiete geben, in denen kein oder zumindest kein heutigen Standards und Anforderungen genügender Internet-Anschluss verfügbar ist. Das ist nicht nur eine Frage von Unwilligkeit von Netzbetreibern oder Kommunen – das ist teilweise ganz banal eine Frage von Kapazitäten bei Tiefbauern.

160.000 Haushalte nicht ausreichend angebunden

In der Gemeinde Anderlingen im Landkreis Rotenburg etwa sind schon äußerst bescheidene Download-Raten von 6 Megabit (Mbit) pro Sekunde für ein knappes Fünftel der Bevölkerung eine Wunschvorstellung. Ähnlich in Stinstedt östlich von Bremerhaven im Kreis Cuxhaven. In Frankenfeld im Heidekreis können gerade mal vier Prozent der Haushalte eine Leitung von 16 oder mehr Mbit nutzen, in Maasen im Kreis Diepholz sind es drei Prozent. Was vor allem angesichts dieses vor Jahren vom Bund abgegebenen Versprechens bemerkenswert wird: Ende 2018 sollt es in Deutschland ein flächendeckendes 50-Mbit-Netz geben. Schön wär's gewesen.

Peer Beyersdorff vom Breitband-Netzwerk Niedersachsen-Bremen (BZN) kennt die gesamt-niedersächsische Zahl: 160.000 Haushalte gelten als nicht oder nicht ausreichend angebunden. Und die Aussicht auf Besserung ist eher bescheiden, denn trotz aller Ausbau-Fortschritte wissen und sagen auch alle Beteiligten: Die letzten zehn Prozent sind die, die richtig zäh werden. Das sind Höfe und Ortsteile weit abseits der vorhandenen Leitungen, zu denen im Zweifel über mehrere Kilometer Glasfaser verlegt werden müssen, an die sich am Ende vielleicht nur eine Hand voll Nutzer anschließt. Wirtschaftlich darstellbar ist das natürlich unter keinen Umständen.

Überall in Niedersachsen gibt es weiße Flecken

Raupenbagger mit der Kabelrolle vorn und einem Pflug hinten
Vor allem in ländlichen Regionen haben die Menschen häufig kein schnelles Internet.

Das ist bekannt und daher gibt es öffentliche Förderungen für den Ausbau. Entweder können Landkreise und Gemeinden den Netzausbau in eigener Verantwortung vornehmen und mit finanzieller Unterstützung Netzbetreiber werden. Oder aber sie schreiben das Füllen der weißen Flecken aus und der Netzbetreiber, der es macht, bekommt einen dauerhaften Zuschuss. Der Hauptgeschäftsführer des Niedersächsischen Landkreistages, Hubert Meyer, weiß zu berichten, dass in allen 36 niedersächsischen Landkreisen und der Region Hannover solche staatlich vorangetriebenen Breitband-Ausbauprogramme in dem einen oder anderen Modell laufen. Was eben auch bedeutet: Die weißen Flecken sind keine bedauerlichen Einzelfälle – es gibt sie überall.

Das bleibt nicht ohne Folgen: Denn nebenbei läuft ja auch noch die generelle Glasfaser-Verkabelung Deutschlands, der Tiefbau-Markt ist entsprechend überlastet. Viele Projekte, berichten Meyer und Beyersdorff, werden daher wegen Kapazitäts-Engpässen im Tiefbau deutlich teurer, als ursprünglich geplant. Wenn sie denn überhaupt zu vergeben sind und nicht schon die Suche nach einem Betrieb, der Rohr und Kabel unter die Erde befördert, beim Versuch endet. Denn solche Lückenschlüsse abseits der großen Routen seien für viele Tiefbauer auch weniger attraktiv als die großen Massen-Programme, erläutert Beyersdorff.

Tiefbau wird zum Flaschenhals

Schaltkasten mit vielen Kabeln
In solchen Schaltkästen laufen haarfeine Glasfasern zusammen, die eine um ein Vielfaches höhere Datenmenge transportieren können als Kupferkabel.

Besserung könnte eine neue Initiative des "Breko" bringen, des eigenen Angaben zufolge größten von drei Branchenverbänden der Breitband-Firmen. Die "Breko-Tiefbaubörse" soll gerade solche Klein- und Kleinst- Aufträge beschleunigen, mit denen Tiefbauer auch kurzfristig noch mal eine Auftragslücke von nur wenigen Tagen bis zur nächsten Dauer-Baustelle überbrücken können. Ein Versuch der Beschleunigung, immerhin.

Besserung könnte aber vielleicht auch einfach eine bessere Kooperation der Netzbetreiber sein: Laut Breko geht rund ein Drittel des gesamten Investments in den Breitband-Ausbau in den Aufbau von Doppelstrukturen. Das heißt: In den attraktiven Gebieten liegt unter dem einen Bürgersteig die Glasfaser des einen Betreibers und auf der anderen Straßenseite die des Konkurrenten. Um solchen Wahnsinn zu unterbinden, kooperieren jetzt beispielsweise die Telekom und der regionale Netzbetreiber EWE-Tel, stimmen ihre Ausbauprogramme ab und räumen dem Konkurrenten Kapazitäten auf dem eigenen Kabel frei, sodass nur eines versenkt werden muss.

Wie viel Bandbreite soll es sein?

Dann bleibt aber immer noch die Frage: Wie viel Bandbreite bitteschön soll es denn sein? Für viele Branchenkenner ist das alte 50-Mbit-Ziel bereits überholt. Das Wort von der Gigabit-Leitung macht die Runde. Datenintensive Anwendungen in Privathaushalten wie auch der Wirtschaft machten das schon bald erforderlich, so die fast durchgängige Meinung. Nicht wirklich ganz, findet allerdings Günter Meier, Leiter Vertrieb Infrastruktur Nord der Deutschen Telekom: "Die einzigen Anwendungen, die das brauchen, ist Fernsehen. Pro Kanal 16 Mbit. Vier-Kanal-Fernsehen kommt mit 40 aus. In einem Vier-Personen-Haushalt sind sie bei 160 Mbit." Andere Anwendungen bräuchten gar keine nennenswerten Bandbreiten. Maschinensteuerungen und ähnliches laufe alles mit ein bis zwei Megabit: "Da kommt nichts zusammen."

Stehen Sie beim Kunden und legen ihm einen Glasfaser-Anschluss, nehmen 50 Prozent derzeit nur 50 Mbit und sind glücklich.

Günter Meyer, Leiter Vertrieb Infrastruktur Nord Deutsche Telekom

Daher steht Meier auf der Position, dass ein Netzaufbau mit dem Ziel 250 Mbit auf Sicht vollkommen ausreichend sei. Unterstützt wird das durch seine Vertriebs-Erlebnisse: "Stehen Sie beim Kunden und legen ihm einen Glasfaser-Anschluss, nehmen 50 Prozent derzeit nur 50 Mbit und sind glücklich." Gerd Stallmeyer, der bei dem regionalen Netzbetreiber EWE-Tel den Breitband-Ausbau leitet, sieht das anders: "Das Ziel ist eine Landkarte ohne weiße Flecken und Gigabit-Anschlüsse für alle."

Das Ziel ist eine Landkarte ohne weiße Flecken und Gigabit-Anschlüsse für alle.

Gerd Stallmeyer, Leiter Breitbandausbau EWE-Tel

Milchkannen und Mobilfunk

Schaltkasten mit vielen Kabeln
Zig Kabel laufen in einem Schaltkasten zusammen. Die Münze macht deutlich, wie fein das alles ist.

Bei politisch Verantwortlichen wie dem niedersächsischen Wirtschafts-Staatssekretär Stefan Muhle ruft Telekom-Vertriebler Meier mit solchen Aussagen ähnlichen Widerspruch hervor wie Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU). Die sagte in einem mittlerweile zum Standard-Zitat gewordenen Interview "nicht jede Milchkanne braucht 5G." 5G ist der nächste Mobilfunk-Standard und das Zitat inzwischen Monate alt. Und doch steht es nach wie vor für den Kern einer hitzigen Diskussion. Muhle: "Die Bundesnetzagentur bescheinigt uns, bei der Netzabdeckung die Nummer drei der Flächenländer zu sein. Aber das kann nicht zufriedenstellend sein. Wir brauchen mehr. Daher würden wir uns wünschen, dass der Bund auch den Mobilfunk-Ausbau finanziell fördert."

Wir brauchen mehr. Daher würden wir uns wünschen, dass der Bund auch den Mobilfunk-Ausbau finanziell fördert.

Stefan Muhle, Wirtschafts-Staatssekretär Niedersachsen (CDU)

Muss 5G sein?

Wobei auch hier wieder der Streit tobt, wie weit verbreitet 5G überhaupt sein muss. Denn der neue Standard bringt zwar auch deutlich mehr Bandbreite, also höhere Datenmengen, als die aktuelle Top-Technik 4G/LTE. Vor allem aber – und das ist der wirklich entscheidende Fortschritt – ist 5G um ein Vielfaches schneller, de facto geht es um Echtzeitkommunikation, also Frage/Antwort ohne nennenswerte Verzögerung. Das brauchen etwa Systeme zum autonomen Fahren bei starkem Verkehr. Aber in der Fläche sei die Datenmenge wichtiger als die Geschwindigkeit, weshalb 4G oftmals ausreichend sein könne, wie Skeptiker und selbst Bandbreiten-Befürworter Stallmeyer finden: "Man braucht aus heutiger Sicht nicht 5G auf dem Acker."

Gleichzeitig bringt es die Technik mit sich, dass 5G-Sendemasten einen Radius von allenfalls etwas über einem Kilometer haben. 4G-Sendeanlagen decken bis zu knapp zehn Kilometer im Umkreis ab. Das lässt erahnen, welche Funkmast-Dichte ein geschlossenes 5G-Netz bräuchte. Und diese Funkmasten in dem äußerst engmaschigen Netz bräuchten einen entsprechend leistungsfähigen Anschluss – womit es wieder um das Thema Glasfaser-Verkabelung in jeder noch so entlegenen Ecke des Landes ginge. Gleichwohl sagt etwa Hubert Meyer vom Niedersächsischen Landkreistag: "Wo früher Milchkannen standen, brauchen wir heute den Mobilfunk. Die Landwirtschaft braucht das.  Das ist eine Infrastrukturfaktor ersten Grades."

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  • Karl-Henry Lahmann

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 5. September 2019, 19:30 Uhr