Interview

Wenn der Hund wichtiger als das eigene Wohlbefinden ist

Obdachlose Bremer schrecken oft zurück, wenn ihnen ärztliche Hilfe oder ein warmes Bett angeboten wird. Bertold Reetz von der Inneren Mission Bremen erklärt, warum.

Obdachloser Mann mit Hund auf dem Bremer Bahnhofsvorplatz
Obdachloser Mann mit Hund auf dem Bremer Bahnhofsvorplatz. Bild: DPA | Ingo Wagner
Herr Reetz, bei der Inneren Mission in Bremen leiten Sie die Wohnungslosenhilfe. Ab welchen Außentemperaturen schrillen bei Ihnen die Alarmglocken?
Die schrillen jetzt schon. Allerdings gilt auch: Zwei knackige Nächte mit minus 8 oder 9 Grad sind nicht so gefährlich wie vierzehn Tage mit 0 Grad und Regen. Denn das zermürbt. Und das merken wir dann auch bei den Menschen, die zu uns kommen. Sie sehen krank aus und leiden unter der Belastung, im Freien zu leben.
Vor einigen Wochen haben wir in einem sozialen Netzwerk vom Tod einer Obdachlosen in Bremen gelesen. "Conny ist tot", hieß es dort. Sagt Ihnen der Name etwas?
Nein, leider nicht.
Conny lebte im Viertel. Sie hat dort im Winter am Sielwall in einer kleinen Parkanlage gezeltet. Jetzt ist sie an einer Krankheit gestorben, nachdem sie sich zuvor lange geweigert hatte, einen Arzt aufzusuchen. Hören Sie häufiger von solchen Fällen?
Ja, das kommt bei Obdachlosen häufiger vor. Sie leiden unter Bluthochdruck, Diabetes oder die Leber funktioniert nicht mehr. Oft sterben sie dann im Krankenhaus. Gleichzeitig ist es schwer, sie davon zu überzeugen, zur Notversorgung zu gehen. Dabei haben wir in Bremen sogar Praxen, in denen Ärzte sich kostenfrei um diese Menschen kümmern.
Warum nehmen Obdachlose diese Hilfe mitunter nicht an?
Sie verlieren mit der Zeit das Gefühl für ihren Körper. Sie verdrängen den strengen Geruch, sind nicht mehr in der Lage, sich zu pflegen. Das Verdrängen geht so weit, dass wir immer wieder Menschen bei uns haben, die mit offenen Beinen zu uns kommen. Diese Menschen spüren das dann gar nicht mehr. Dies gilt auch für Erfrierungen. Manche leiden auch an Alkoholsucht und haben Angst, im Krankenhaus keinen Alkohol trinken zu dürfen. Der Alkohol trägt im Übrigen seinen Teil dazu bei, dass sich Obdachlose um Schmerzen nicht mehr kümmern, so wie Sie und ich es tun würden.
Auch Notunterkünfte sind für viele Obdachlose in Bremen keine Option. Trotz des Kälteeinbruchs haben Sie zahlreiche freie Betten. Wie lässt sich das erklären?
Da gibt es mehrere Gründe. Wir hatten beispielsweise im Jakobushaus mal einen Hundezwinger gebaut. Da waren aber niemals Hunde drin. Denn es gibt Wohnungslose, die würden ihre Hunde niemals draußen lassen, während sie drinnen im Warmen sitzen. Sie gehen nur dort hin, wo ihr Hund hin darf. Wir arbeiten daher daran, in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt zumindest einige Zimmer so einzurichten, dass da ein Hund mit rein darf.
Gibt es auch Gründe, die sich nicht "technisch" lösen lassen?
Es gibt Wohnungslose, die haben einen eigenen Stolz oder Ethos. Sie sagen, auch wenn es 15 Grad Minus ist, bleiben sie auf ihrer Platte.
Eine obdachlose Person liegt schlafend auf dem Bürgersteig, eine Person läuft vorbei (Archivbild).
Nicht für jede Obdachlose ist vermeintliche Hilfe willkommen. Bild: DPA | Roland Mühlanger/APA/picturedesk.com
Platte?
Ja, eine Platte ist ein geschützter Ort, wo die Obdachlosen übernachten. Dies können Arkaden oder Tunnel sein, Hauseingänge oder Brücken. Diese Orte sind begehrt. Weshalb oft die Angst besteht, dass die Platte bei der Rückkehr durch einen anderen Obdachlosen belegt sein könnte.
Auch Diebstahl ist ein Thema, heißt es.
Ja, es gibt Wohnungslose, die sagen, sie würden bei uns immer beklaut. Die Dinge, die sie besitzen, sind für sie sehr wertvoll – egal ob es Plastiktüten, Koffer oder Rauchwaren sind. Dabei kann bei uns jeder seine Wertsachen am Empfang abgeben. Außerdem haben wir Stahlspinde, die mit Vorhängeschlössern gesichert sind. Dennoch hält sich das Diebstahlgerücht hartnäckig. Ich habe das Gefühl, es ist bei vielen auch eine Ausrede.
Wofür?
Es gibt einige Menschen, die es nicht aushalten, mit einem anderen in einem Zimmer zu schlafen. Andere wollen die Hausregeln nicht akzeptieren, weil sie bei uns keinen Alkohol trinken dürfen oder Gewaltandrohungen tabu sind, also Sätze wie: "Ich schlag dir gleich eins in die Schnauze, wenn du das nicht machst!".
Was machen Sie mit jenen, die sich so verweigern?
Wir können keinen zwingen. Wir halten den Kontakt durch die Streetworker. Sie versorgen sie auch zumindest mit warmem Essen, Kleidung oder Schlafsäcken. Außerdem haben wir Orte wie das Café Papagei oder das Frauenzimmer, wo Obdachlose willkommen sind.
Wie viele Menschen kommen dort täglich hin?
Ins Café Papagei kommen täglich so 200 bis 250. Da gibt es auch eine Poststelle. Auch Wohnungslose müssen ja Post bekommen, zum Beispiel, wenn sie Hartz-IV erhalten. Wenn man Platte macht, hat man ja sonst keine Adresse.

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  • Kristian Klooß

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 23. Januar 2019, 14:15 Uhr