Infografik

Kritik an Studie zu Klinik-Anzahl: Krankenhäuser nicht überflüssig

Auch in Bremen sollten Krankenhäuser laut Bertelsmann-Stiftung schließen. Das Ziel: Die Patientenversorgung verbessern. Jetzt gibt es harsche Kritik an der Studie – auch aus Bremen.

Drei Krankenschwestern schieben ein Bett durch einen Krankenhausflur.
Die Betten der Bremer Krankenhäuser seien aktuell laut Geno voll ausgelastet, deshalb könne auch keins davon geschlossen werden. Bild: Imago | Westend61

In Niedersachsen und Bremen gibt es einer aktuellen Studie zufolge deutlich zu viele Krankenhäuser. Bundesweit würde eine starke Verringerung der Klinikanzahl von aktuell knapp 1.400 auf deutlich unter 600 Häuser die Versorgungsqualität für Patienten verbessern und bestehende Engpässe bei Ärzten und Pflegepersonal mildern, teilte die Bertelsmann Stiftung mit.

Jetzt gibt es harsche Kritik als Reaktion auf die Studie. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft DKG spricht von einer Zerstörung der sozialen Infrastruktur. DKG-Präsident Gerald Gaß sagt, die Vorschläge seien das exakte Gegenteil dessen, was erst kürzlich für die ländlichen Räume vorgeschlagen wurde. Ähnlich äußert sich die Bundesärztekammer. Kritik kommt auch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Deren Vorstand Eugen Brysch sagt, die Vorschläge mögen wissenschaftlich begründet sein – für die Menschen wären sie aber verheerend. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte erst vor kurzem zusätzliche Gelder für Kliniken in ländlichen Regionen angekündigt.

Bremen habe bereits viele Punkte der Studie umgesetzt

Anhand der Modellregion Köln-Leverkusen hatten Wissenschaftler in der Studie ermittelt, dass dort statt aktuell 38 Akutkrankenhäusern im Jahr 2030 bei entsprechenden Umstrukturierungen nur 14 benötigt würden. Zwar könne die Studie nicht für jede Region genaue Auskünfte geben, teilte Jan Böcken, Projektmitarbeiter der Studie, auf Nachfrage von buten un binnen mit, die Ergebnisse seien jedoch auf andere Bundesländer und Regionen durchaus übertragbar.

Damit sich die Versorgung der Patienten verbessert, müsse medizinisches Fachpersonal und technische Ausrüstung gebündelt werden. Der Weg müsse wegführen von vielen kleinen Krankenhäuser, die nicht besonders spezialisiert seien, hin zu größeren Krankenhäusern mit Spezialgebieten, sagte Böcken.

Es kann nicht sein, dass Herzinfarkt-Patienten in Städten an der Ampel rechts abbiegen und in einem Krankenhaus landen, das darauf nicht vorbereitet ist, obwohl sie an der Ampel einfach nur links hätten fahren können, um in der Klinik anzukommen, die auf Herzinfarkte spezialisiert ist. Als Patient weiß ich schließlich nicht, welche Klinik die richtige ist.

Jan Böcken, Projektmitarbeiter bei der Bertelsmann-Stiftung

Dagegen halten die Krankenhausgesellschaft der Freien Hansestadt Bremen, die Gesundheit Nord (Geno), und die Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD). Ihren Angaben zufolge ist die Situation in Bremen bereits wie in der Studie gefordert.

Die Studie zeigt, wie wichtig die Spezialisierung der Kliniken ist. In Bremen haben wir darauf großen Wert gelegt und dies in den vergangenen Jahren stark vorangetrieben. Das ist ein erfolgversprechender Weg, mit dem die Krankenhäuser zukunftsfähig gemacht werden. Die Patientinnen und Patienten profitieren dadurch von einer hochwertigen medizinischen Versorgung.

Eva Quante-Brandt, Senatorin für Gesundheit in Bremen (SPD)

Die Krankenhäuser seien spezialisiert, so würden die Patienten mit Herzinfarkt in das Klinikum Links der Weser eingeliefert, während das Klinikum Bremen-Mitte auf Schlaganfall-Patienten spezialisiert sei, erklärt die Geno. Der Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Uwe Zimmer ist sicher, dass sich die Versorgung der Patienten in Bremen nicht verbessern würde, wenn Krankenhäuser geschlossen werden würden. "Das halte ich für Unsinn", so Zimmer.

Rolf Schlüter von der Geno stimmt ihm zu. Aktuell seien alle Betten in Bremen voll ausgelastet. Daraus folgert er, dass alle Krankenhäuser benötigt werden. Die Richtung der Studie sei jedoch unterstützenswert. "In Bremen haben wir aber schon viele Punkte der Studie umgesetzt", sagt Schlüter. Außerdem seien in Bremen bereits Kliniken geschlossen worden.

Erreichbarkeit im ländlichen Raum würde sich verschlechtern

Die Macher der Studie räumen ein, dass eine Konzentration der Krankenhäuser in ländlichen Regionen zu erheblichen Einschränkungen der Erreichbarkeit führen würde. Deshalb müssten in bestimmten Bereichen besonders die länderübergreifende Zusammenarbeit gestärkt werden und die Krankenhausplanung nicht an Landesgrenzen festgemacht werden. Das geschehe aktuell aber bereits in Bremen, sagt Zimmer. "50 Prozent der Patienten in den Krankenhäusern in Bremerhaven kommen aus dem niedersächsischen Umland, in Bremen sind es 40 Prozent", erklärt er.

In ländlichen Regionen müsse die Notfallversorgung der Studie zufolge umstrukturiert werden. Die Lösung sei laut Böcken dort nicht mehr Kliniken zu bauen, sondern die ambulante Versorgung zu stärken. "Und für den Rest brauchen wir im Zweifelsfall einen nachtflugfähigen Hubschrauber, der ist auch günstiger als ein Krankenhaus", sagt Böcken.

Ambulante Versorgung müsse sich verbessern

Auch die Optimierung der Rettungskette sieht die Studie als einen Weg, die Versorgung im ländlichen Raum zu verbessern. Alternativ könne durch den verstärkten Einsatz von Telemedizin-Kompetenz in ländliche Krankenhäuser gebracht werden, die dort aufgrund des geringen Behandlungsaufkommens nicht oder nicht ökonomisch vorgehalten werden könnte. In der Telemedizin werden Arzttermine per Videotelefonie durchgeführt.

Die Geno und die Krankenhausgesellschaft sehen die Notfallversorgung jedoch nicht nur auf dem Land kritisch. Denn in den Städten sei die Notfallversorgung in den Krankenhäusern oft schwierig, da viele Patienten in die Notaufnahme kommen würden, obwohl es unnötig sei. Auch deshalb müsse die ambulante Versorgung verbessert werden. Ein Weg wäre eine Fachkraft, die einordnen könne, ob der Patient ambulant behandelt wird, ins Krankenhaus muss oder aber "mit seinem Insektenstich nach Hause geht", sagt Schlüter. Diese Einschätzung könne auch von einer Arzthelferin vorgenommen werden.

Dadurch würde sich die Versorgung der Patienten in den Krankenhäusern wiederum verbessern. Schließlich hätten die Fachärzte mehr Zeit für wirkliche Notfallpatienten.

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 15. Juli 2019, 11 Uhr