So hängt die Corona-Pandemie behinderte Menschen in Bremen weiter ab

Der neue Landesbehindertenbeauftragte Arne Frankenstein im Porträt.
Kleiner Wohneinheiten, barrierefreie Digitalangebote: Zwei Forderungen von Bremens Landesbehindertenbeauftragten Arne Frankenstein. Bild: Radio Bremen

Nicht zur Arbeit gehen zu können, ausfallende Aktivitäten – das trifft vor allem die, die ohnehin oft ausgegrenzt sind. Bremens Landesbehindertenbeauftragter sorgt sich.

Die Bremer Werkstätten für Behinderte sind auch nach fast eineinhalb Jahren Pandemie noch immer nicht im Normalbetrieb, viele Veranstaltungen fallen nach wie vor aus. Das hat massive Auswirkungen auf alle Betroffenen. Es sei klar zu erkennen, dass viele behinderte Menschen in Bremen ob der Dauer der Pandemie inzwischen "eine Art Überlastungsreaktion" zeigen, sagt Bremens Landesbehindertenbeauftragter Arne Frankenstein.

Doch die eine Lösung für "das" Problem gebe es nicht. "Menschen mit Behinderung sind so vielfältig wie Menschen ohne Behinderung auch", sagt Arne Frankenstein. Das müsse allen bewusst werden. "Die Auswirkung der Pandemie und die Art der Bewältigung sind sehr unterschiedlich."

Besonders mit Sorge betrachte ich die Folgen für behinderte Kinder, Jugendliche und auch für Erwachsene mit kognitiven und mit schweren mehrfachen Behinderungen.

Wolf Arne Frankenstein
Arne Frankenstein, Landesbehindertenbeauftragter Bremens

Diese litten insbesondere darunter, mehr als ohnehin schon isoliert zu sein. Keine oder nur noch sehr eingeschränkte soziale Kontakte zu haben ist für viele nur sehr schwer zu verstehen und zu verkraften. "Die massiven Einschränkungen im Alltag treffen diesen Personenkreis ganz besonders und nachhaltig", so Frankenstein. Auf die Probleme der Kinder will er beim angekündigten Bremer Kindergipfel Anfang Oktober nochmal explizit hinweisen.

Kaum Beschwerden sind kein Indiz

Dass in seiner Dienststelle lange Zeit nicht merklich mehr Eingaben gemacht wurden, sei kein Indikator dafür, dass es keine gravierenden Probleme gibt. Insbesondere Menschen, die in Tagesförderungsstätten arbeiteten und in Wohneinrichtungen lebten, seien zum einen besonders verwundbar und gefährdet, zum anderen aber eben auch ohne Lobby. Ausbleibende Kontakte zu anderen Wohngruppen, Besuchsbeschränkungen, bei Kindern auch das Ausbleiben von wichtigen Rehabilitations- oder auch Freizeitangeboten wie Sport: Das alles wurde – auch von den Angehörigen – sehr lange ertragen und akzeptiert. Die große Protestwelle blieb aus. Probleme gibt es aber nach wie vor.

Geistig und körperlich behinderter Mann bei der Arbeit
Noch lange konnten nicht alle behinderten Menschen in Bremen an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Bild: DPA | Hartmut Pöstges

Beispiel Arbeitsplatz: Nach wie vor konnten viele Betroffene nicht oder nicht im vollen Umfang an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Und Nachfragen von buten un binnen bei Trägern wie dem Martinsclub, der Lebenshilfe und Friedehorst oder auch beim Werkstattrat ergab im Kern die immer selbe Antwort: Bei vielen herrscht Frust. Von "Lagerkoller" wird da gesprochen, von "Corona-Blues", von viel Unverständnis und schwindender Motivation. Überall sehe man die Lockerungen – und doch dürften viele nicht oder nur zeitweise an ihren Arbeitsplatz und damit zu einem halbwegs gewohnten Tagesrhythmus zurückkehren.

Sorgenvoller Blick nach vorne

Frankenstein freut sich zwar über merkliche Lockerungen im Sommer, aber sagt auch deutlich: "Ich glaube, dass das noch nachwirkt und dass auch die Sorge besteht, dass im Herbst die Regeln wieder verschärft werden."

Die Verfassung verbietet zwar die Benachteiligung behinderter Menschen, aber sie verbietet dabei keine Bevorzugung. Es muss systematisch geschaut werden, wo eigentlich zum Ausgleich bestehender Nachteile auch behinderte Menschen gezielte Angebote erhalten müssen, um das in der Krise auszugleichen.

Wolf Arne Frankenstein
Arne Frankenstein, Landesbehindertenbeauftragter Bremens

Gerade in der Pandemie hat sich beispielsweise laut Frankenstein gezeigt, dass in der Digitalisierung noch Aufholbedarf besteht. Er vermisst nach wie vor mehr barrierefreie Angebote für behinderte Menschen, die die Kontaktbeschränkungen hätten zumindest etwas auffangen können.

Großes klein denken

Frankenstein erinnert auch daran, dass Hotspots in der Pandemie oftmals große Wohneinrichtungen waren, seien es Unterkünfte großer Unternehmen wie in der Fleischindustrie, seien es Flüchtlingsunterkünfte, aber eben auch große Wohneinheiten der Behindertenhilfe. Letztere wurden durch die Pandemieregeln teils fast lahmgelegt – vielfach auf Kosten der Bewohnerinnen und Bewohner.

Sein Fazit: "Wir müssen viel mehr kleinere, dezentralerer Wohnangebote machen." Das ermögliche, viel individueller und flexibler auf die Bedürfnisse der Bewohnerinnern und Bewohner einzugehen. Und das gehört für Frankenstein mit zur Krisenresilienz einer Gesellschaft – wenn Teilhabe und Inklusion im Ausnahmezustand mitgedacht werden.

Behindertenbeauftragter: "Viele Beeinträchtigungen haben sich addiert"

Video vom 29. August 2021
Moderator Felix Krömer im Studio von buten un binnen. Im Hintergrund ist ihm Behindertenbeauftragter Arne Frankenstein zugeschaltet.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Vernachlässigt Bremen in der Corona-Krise Menschen mit Behinderung?

Video vom 27. Mai 2020
Der Landesbehindertenbeauftragte Arne Frankenstein ist mittels einer Schalte im Studio von buten un binnen zu sehen, daneben steht Moderator Jaons Kereszti.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Eva Linke Redakteurin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 29. August 2021, 19:30 Uhr