Kommentar

Bremer, gönnt euch Raum für Ideen!

Wohnhäuser auf der Bürgerweide? Auf keinen Fall, meinen unsere Facebook-User. Warum nicht mal ein Gedankenexperiment wagen, findet unsere Autorin.

Bürgerweide
Wo früher Vieh weidete, ist heute viel Raum. Auch für neue Ideen. Bild: DPA | Klaus Nowottnick

Auf der Bürgerweide wächst kein Halm mehr. Wo die Bremer früher ihr Vieh grasen lassen durften – und zwar kostenfrei – können sie heute ihr Auto abstellen. Das allerdings kostet, obwohl das Gelände auf der Rückseite des Bahnhofs immer noch Bürgerweide heißt, was noch das alte Verständnis suggeriert: Etwas, das den Bürgern gehört und für sie da ist.

So ist es aber schon lange nicht mehr. An die eigentliche Nutzung der Weide, die für Jahrhunderte bestand, kann sich kein heute lebender Bremer mehr erinnern – es ist zu lange her. 1865 fand sich das Comité zur Bewaldung der Bürgerweide zusammen, der Bürgerpark entstand bis 1872. Seitdem ist das Weiden passé.

Macht euch mal locker!

Trotzdem hängen viele Bremer an dem gepflasterten Areal, wie sich an der Diskussion nach der Idee von Architekturprofessorin Ulrike Mansfeld, die Fläche zu bebauen, zeigte. Bloß warum? Es ist eine Idee, ein Gedankenanstoß. Bremer, macht euch mal locker, niemand hat vor, das Regional-Heiligtum zu zerstören. Der Freimarkt könnte auch woanders genauso schön sein. Und dann hätte man auch das Verkehrsproblem in den zwei Oktoberwochen nicht mehr. Natürlich müsste man erst einmal genau untersuchen, wo so eine Veranstaltungsfläche Platz finden könnte.

Heilsam kann es jedenfalls sein, wenn ausgetrampelte Pfade einmal verlassen werden. Zumindest im Kopf. Wer zu neuen Lösungen kommen will, kann Scheuklappen nicht gebrauchen. Auch Jens Tittmann, Sprecher des Bausenators, ließ sich zu der Äußerung hinreißen: "Es ist schön zu sehen, wenn mal jemand ausspricht, was die Politik in Bremen kaum zu denken wagt." Doch Gebäude mitten auf dem Platz? Bremen brauche die Bürgerweide als Veranstaltungsort mitten in der Stadt, sagt Tittmann, und die Messehallen brauchten die Anbindung zum Hauptbahnhof. Der Versuch würde in Bremen sicher nicht ohne Konflikte abgehen. Derzeit ist die Bürgerweide nach Informationen des Bauressorts als Sonderfläche ausgewiesen. Die Bauleitplanung für einen neuen Bebauungsplan schätzt man auf mindestens zwei Jahre.

Wie zeitgemäß ist die Bremer Innenstadt?

Immer mehr Menschen wollen in der Stadt wohnen

Der Trend der letzten Jahre zeigt allerdings, dass immer mehr Menschen stadtnah, urban wohnen wollen. Sie schätzen an der Lage, dass alles sehr gut erreichbar ist – auch ohne Auto. Weniger Autoverkehr in der Innenstadt ist auch ein erklärtes Ziel der rot-grünen Landesregierung.

Doch welche stadtnahen Gebiete bleiben noch für den Wohnungsbau übrig? Die Überseestadt ist bereits erschlossen, dort fehlt allerdings eine gute Anbindung zur City. Der Stadtteil selbst hat noch kein richtiges Eigenleben entwickeln können. Anders wäre das in Bahnhofsnähe. Mansfelds Argumente für eine Bebauung der Bürgerweide: Die Infrastruktur ist schon vorhanden, das Gelände gehört der Stadt, so dass sich recht einfach Stadtentwicklung betreiben lasse. "Wenn man stadtnah ein Quartier entwickelt, dann stellt man sicher, dass auch ein Sog hin zur Innenstadt entsteht, anstatt zu außerhalb liegenden Einkaufszentren."

Praktisch, aber nicht attraktiv

Das sind sehr nachvollziehbare Gedankengänge. Haben wir in Bremen vielleicht Angst vor Veränderungen? Auch die Idee, das Parkhaus Mitte abzureißen, löste bereits große Befürchtungen aus. Dabei nahm man es in Bremen zumindest nach Kriegsende nicht so genau mit den Relikten der Vergangenheit: Das altehrwürdige Katharinenkloster musste einem Parkhaus weichen, das Gebäude des Norddeutschen Lloyd wurde abgerissen, um dort eine Horten-Filiale zu errichten, wo heute der Remberti-Kreisel ist, standen früher Wohnhäuser. Attraktiver ist die Innenstadt damit sicher nicht geworden. Sind es also die Lehren der Vergangenheit, die da aus uns sprechen?

Wohl kaum. Den Platz Bürgerweide kann man praktisch finden, attraktiv aber nicht. Einmal zu überdenken, ob dort unbedingt alles so bleiben muss, wie es ist, kann also nicht schaden.

  • Verena Patel

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 7. August 2017, 19:30 Uhr