So barrierefrei ist Bremen wirklich

Vor zehn Jahren trat die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft. Aber wie barrierefrei ist Bremen? Reporter Volker Kölling hat mit zwei weiteren Betroffenen eine Stadtrundreise gemacht.

Zu sehen ist das allgemeingültige Rollstuhl-Logo für Menschen mit Behinderungen als Aufkleber in der Straßenbahn.

Durch eine zu spät erkannte Borreliose habe ich mir 2013 eine Gehbehinderung eingehandelt. Seitdem kann ich den rechten Fuß nicht mehr richtig hochheben. Am Anfang bin ich schon über wenige Zentimeter hohe Unebenheiten auf dem Gehweg gestolpert. Inzwischen klappt die Langstrecke mit Hilfe des Gehwagens wieder ganz gut. Den bekommt man geklappt auch im Teamwagen unserer buten un binnen-Busse mit.

Im Bahnhof bin ich mit Frank Stobäus verabredet. Das Vorstandsmitglied des Vereins "SelbstBestimmt Leben" schwebt mit seinem Rollstuhl per gläsernem Aufzug herunter vom Bahnsteig der Regionalbahn. Er erinnert sich noch an Zeiten, als er im Bahnhof den Lastenfahrstuhl in der dunklen Ecke benutzen musste – vor dem großen Bahnhofsumbau im Jahr 2000: "Das hier ist schon ganz gut geworden. Und jetzt hat die Bahn hier auch noch Schilder angebracht, die uns Rollstuhlfahrern die Vorfahrt etwa vor Radtransporten gewährleisten. Wieder ein Fortschritt."

Closed Shops für Menschen im Rollstuhl

In der Bahnhofspassage verliert Stobäus allerdings die gute Laune, als er an der Filiale von Le Crobag vorbeirollt: Die Gäste sitzen dort hinter den Glasscheiben auf einem Holzpodest. Die Gänge zu den Plätzen sind nicht für Rollstühle geeignet, eine Rampe am Hauptzugang gibt es sowieso nicht. Closed Shop für Menschen im Rollstuhl.

Die habe ich schon beim Bau gefragt, was für einen Mist sie da eigentlich zusammen zimmern. Dann kamen die Lichter in den Stufen, damit man das besser erkennen kann. Das war es.

Frank Stobäus, Vorstandsmitglied des Vereins "SelbstBestimmt Leben"

Noch krasser sei es draußen vor dem Nordausgang bei einem dortigen Bistro. "Das Podest hier ist das Beispiel gegen Barrierefreiheit überhaupt. Auf Nachfrage wird einem da eine Rampe angelegt, wenn ich da als Rollstuhlfahrer ein Getränk nehmen möchte. Das hat dann gar nichts mehr mit eigenständig und selbstbestimmt zu tun. Da gebe ich mein Geld lieber woanders aus."

Ein Mann in einem Rollstuhl
Solche Flächen sind für Menschen im Rollstuhl unbezwingbar.

Behinderte haben unterschiedliche Ansprüche

Am Info-Point in der Bahnhofsvorhalle sind wir mit Anette Paul vom Blinden- und Sehbehindertenverein Bremen verabredet. Den Counter selbst findet Frank Stobäus auch stark verbesserungswürdig, weil viel zu hoch: "Habe ich eine Frage, muss ich wie ein Kind nach oben gucken ohne wirklich jemanden zu sehen. Das ist sehr hoch und man müsste es so nicht bauen." Anette Paul hingegen würde mit ihrem Blindenstock als Fühler problemlos hierherfinden, weil Leitstreifen im Bodenbelag ihr den Weg zeigen.

Man sieht an vielen Details, dass Barrierefreiheit für Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen auch ganz unterschiedliche Maßnahmen erfordern, die manchmal sogar zuwiderlaufen. Deshalb ist das Arbeiten an der Barrierefreiheit auch nie wirklich zu Ende.

Anette Paul, Blinden- und Sehbehindertenverein Bremen

Und deshalb, so Paul, könne man auch nicht wirklich ein Fazit ziehen, was sich in den zehn Jahren des Bestehens der Behindertenrechtskonvention tatsächlich alles geändert habe. "Die Dinge sind in Bewegung. Aber es ist natürlich gut, dass es die Konvention gibt."

Innovative Blindenampel am Bahnhof

Ein Beispiel, das in jüngerer Vergangenheit umgesetzt werden konnte, ist die Blindenampel vor dem Bahnhof am Ende der Straßenbahnsteige zum Viertel hin. Anette Paul geht voraus und lotst die Gruppe aus Rolli, Gehwagen und dem Kamerateam zu der sehr ungewöhnlichen Ampel. Die gibt nur Töne von sich, aber keine Lichtzeichen.

Eine Ampelschaltung
Die Blindenampel steht am Bahnhof in Richtung Viertel.

"Wo baulich etwas verändert werden muss, tun sich die Institutionen meistens besonders schwer, weil das meist Geld kostet. Aber hier hat es mal geklappt, wobei wir auch gerne noch so eine Ampel auf der anderen Seite des Bahnsteigs hätten", erklärt Paul.

Die Blinde berührt den Sensor am Ampelmast: Und zu dem lockenden Klockern zur Orientierung gesellt sich eine höhere und lautere Tonfolge. Für uns heißt das jetzt: einmal über die Gleise.

Schnell bin ich mit dem Gehwagen das Schlusslicht der Gruppe, weil sich dessen kleine Räder immer in den tiefen breiten Schienen verkanten wollen. Der E-Rolli von Frank Stobäus mit seinen großen Hartgummireifen hat hier keine Probleme.

Positive Aspekte beim öffentlichen Nahverkehr

Und so steht er als Erster ganz vorne an der Haltestelle der BSAG-Buslinie 20, die in die Überseestadt führt. Die freundliche Fahrerin fährt sofort die Hebebühne aus und bittet eine Mutter mit Kinderwagen weiter nach hinten zu schieben. 120 Sekunden und Frank Stobäus ist sicher im Bus.

Bei allem Gemäkel muss man auch mal etwas loben: Vielleicht lässt sich hier und da noch etwas verbessern, aber mit den BSAG-Fahrzeugen sind wir in Bremen eher vorne, was Barrierefreiheit angeht.

Frank Stobäus, Vorstandsmitglied des Vereins "SelbstBestimmt Leben"
Ein Rollstuhlfahrer steigt in einen Bus ein
Im öffentlichen Nahverkehr in Bremen habe sich viel gebessert, so Frank Stobäus vom Verein "SelbstBestimmt Leben".

Andere Städte hätten nur Rollstuhlklappen, die im Winter oft nicht mehr funktionieren. Für Anette Paul ist sofort jemand von einem besetzten Behindertenplatz aufgesprungen. Es kann weitergehen.

In der Überseestadt lobt Stobäus erst einmal all die neuen Restaurants, Cafés und auch Hotels wie das Steigenberger und das angeschlossene Varieté GOP. "Natürlich ist alles neu hier. Aber es ist schon schön: Wo ich hier auch war, finde ich Behindertentoiletten und die Läden sind ebenerdig. Deshalb komme ich gerne hierher."

Im Chilli Club öffnen ihm nette Servicekräfte die Flügeltüren. Für Anette Paul und mich führt der Weg zu den Toiletten in den Keller. Sie sucht länger nach dem Auslöser für den Wasserhahn über einem Becken, das an Fußwaschbecken aus den Schwimmbädern der sechziger Jahre erinnert. Wir lachen beide, als ich ihr den angeklebten Zettel mit einer improvisierten Gebrauchsanweisung für den Auslöser vorlese. "Dann bin ich ja mal beruhigt, wenn nicht einmal die Sehenden begreifen, wie das hier geht", sagt sie.

Kaum Barrierefreiheit in der Bremer Innenstadt

Weniger lustig wird es etwas weiter auf der Stadtrundfahrt in der Obernstraße, wo es keine Bordsteine an den Haltestellen gibt. Frank Stobäus macht fast einen Satz über Kopf voraus, als sein schwerer Rollstuhl die Hebebühne der Straßenbahnlinie 2 hinunterjagt. "Das ist sehr steil hier und das Pflaster unten dann auch sehr glatt."

Glatte Beläge auf Plätzen sind auch nichts für Anette Paul: "Wenn man sich nicht orientieren kann, verliert man als blinder Mensch seine Sicherheit. Hier geht es noch an der Bahn, weil ich hier die Abtropfrinne aus Metall als Begrenzung zur Straßenbahn tasten kann." Aber wenn es nieselig-feucht und damit typisch bremisch ist, wird es hier rutschig – auch für mich als nur leicht Gehbehinderten.

App als Routenplaner für Menschen mit Beeinträchtigungen

Frank Stobäus steht schon vor Karstadt und schäumt vor schmalen gläsernen Türen: "Da habe ich keine Chance ohne Hilfe hineinzukommen. Leider ist das oft so bei den Geschäften in der Innenstadt. Aber hier ist es besonders schlimm, weil Karstadt einfach seit Jahrzehnten nichts macht und eben keine elektrischen Schiebetüren einbauen lässt – an keinem Eingang."

Frank Stobäus und Anette Paul erzählen auf der Straßenbahnfahrt ins Viertel vom Forum "Barrierefreies Bremen", in dem sie mitmachen. Eine schon ziemlich weit gedachte Idee vom Forum ist der Aufbau einer App, berichtet Stobäus. Sie soll praktisch ein Routenplaner für Menschen mit den verschiedensten Beeinträchtigungen werden.

Gefahrenstelle Sielwall

Das negative Finale der Stadtrundfahrt zur Barrierefreiheit kommt dann an der Haltestelle Sielwall, wo beide öfter aussteigen müssen: Direkt vor dem Ausstieg jagen Fahrradfahrer ohne Rücksicht durch die Menge, die gerade die Bahn verlässt. Den schmalen Gehweg haben Ladeninhaber mit Aufstellern, Ramschware und Sitzbänken zugestellt. Frank Stobäus würde gerne drei abgestellte Räder niederwalzen, die wie eine Straßensperre quer über den Gehweg geparkt sind: Rücksichtslosigkeit und den größten Mangel an Barrierefreiheit erleben wir am schlimmsten ausgerechnet in dem Viertel in Bremen, welches am alternativsten ist.

Anette Paul wird an meinem Arm fast von einem Radfahrer gerammt, der angesichts des Staus von Menschen einfach nicht bremsen und absteigen will.

Hier gehe ich ganz ungern. Man müsste vielleicht einen Weg an den Fassaden entlang freimachen, damit es für uns etwas sicherer wird.

Anette Paul, Blinden- und Sehbehindertenverein Bremen, über das Bremer Steintorviertel

Sie hat es anfangs selbst gesagt und wiederholt es noch einmal: "Barrierefreiheit ist ein Weg. Den muss man immer weitergehen. Und das Wichtigste ist, erst einmal ein Bewusstsein bei den Menschen zu schaffen, dass wir uns alle frei bewegen wollen."

  • Volker Kölling

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 24. März 2019, 19:30 Uhr