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Bremer Studierende wünschen sich Verbesserungen beim Bafög

Video vom 1. September 2021
Studierende an der Mensa der Universität in Bremen
Bild: DPA | Ingo Wagner
Bild: DPA | Ingo Wagner

Seit 50 Jahren können Kinder aus ärmeren Familien die Förderung beantragen. Eine willkommene Hilfe. Doch die Studierenden sehen beim Bafög auch Reformbedarf.

"Ohne Bafög wäre mein Studium gar nicht möglich gewesen", sagt Matthias Damke, ehemaliger Bremer Student und Bafög-Empfänger gleich zu Beginn des Gesprächs. Als Kind einer alleinerziehenden Mutter hätte er sonst gar nicht erst gewagt, ein langjähriges Studium im geisteswissenschaftlichen Bereich aufzunehmen. "An sich ist das super", fügt er hinzu.

Der Kulturwissenschaftler arbeitet heute als Trainer in einer niedersächsischen Bildungsfirma – ein Werdegang, den er auch der damaligen Förderung verdankt. Doch Damke findet, dass es bei der Auslegung und den Voraussetzungen noch Spielraum für Verbesserungen gibt. In seinem Fall hing das Bafög vom Einkommen der Eltern ab. Das bedeutete: Er musste Kontakt aufnehmen zu seinem Vater, mit dem er 20 Jahre lang keinen Kontakt mehr hatte. Und zwar jedes Jahr, um die Förderung zu verlängern. "Ich hätte es mir gern erspart", sagt er.

Das war damals vor etwa 20 Jahren, denn Damke hat zum letzten Mal 2006 Bafög bekommen. Doch das Problem besteht heute immer noch, bestätigt Ulrike Schumann-Stöckert, Bafög-Beraterin der Asta an der Universität Bremen. "Das sehe ich auch als großes Problem. Das ist für viele eine ganz große Belastung."

Verbesserungen in den vergangenen Jahren

Zwar habe es in den vergangenen Jahren einige Änderungen gegeben, doch immer noch fänden sich Studierende vor dieser unangenehmen Situation wieder. "Wenn das Elternteil keinen Kontakt hat und keinen Unterhalt zählt, wird der Antrag auch ohne unter Umständen akzeptiert, muss er aber nicht." Sonst muss das Kind beweisen, dass es zumindest versucht hat, das Elternteil zu erreichen. Nur in einigen Ausnahmen, zum Beispiel, wenn man davor fünf Jahre lang gearbeitet hat, ein Abendgymnasium besucht oder älter als 30 Jahre ist, wird das Bafög "elternunabhängig" vergeben.

In ihrer Einschätzung ist Schumann-Stöckert nicht alleine. Auch die Beraterin der Asta an der Hochschule Bremen, Angela Herzberg, sieht bei der Regelung Verbesserungsbedarf.

Probleme entstehen immer, wenn die Eltern nicht mitwirken und ihre Einkommen gegenüber dem Amt oder den Studierenden nicht offenlegen wollen. Eine frühere "Elternunabhängigkeit" sollte in der nächsten Bafög-Reform überdacht werden. Auch sollten Studierende, die eine erste betriebliche oder schulische Ausbildung absolviert haben, generell als "elternunabhängig" erklärt werden, dann wäre ein großes Problem gelöst.

Angela Herzberg, Bafög-Beraterin, Asta Hoschule Bremen

Astas: Höhe des Satzes und der Freibeträge immer noch zu niedrig

Ein weiteres Problem sei in den Augen der Studentenvertretung die Höhe der ausgezahlten Förderung und die der Freibeträge der Eltern. "Es ist zu wenig, wenn man die aktuellen Mietkosten in Betracht zieht", sagt Schumann-Stöckert zum Bafög-Satz. Wer kein Kindergeld mehr bekommt oder keinen Nebenjob hat, für den werde es schwierig. Momentan beträgt der höchste Satz für Studierende, die nicht im Elternhaus wohnen, 752 Euro. Wer sich selbst versichern muss, kann bis zu 861 Euro bekommen. Doch in Bremen findet man momentan kaum WG-Zimmer für weniger als 350-400 Euro. Das heißt: Die Hälfte oder mehr der Hilfe geht oft für die Miete drauf.

Wenn man davon komplett leben muss, ist das zu niedrig. Es ist dann eine Kunst, von dem Geld zu leben.

Ulrike Schumann-Stöckert, Bafög-Beraterin der Asta an der Universität Bremen

Auch eine Erhöhung der Freibeträge beim Einkommen der Studierenden und der Eltern hält Beraterin Herzberg für dringend erforderlich. Der Höchstsatz ist zwar seit 2019 bereits erhöht worden, auch der Freibetrag der Eltern ist dieses Jahr angepasst worden. Doch immer weniger Menschen beantragen in Deutschland die Ausbildungshilfe. 979.000 Empfänger inklusive Schüler gab es 2012 in Deutschland, 639.000 waren es im Jahr 2020. 466.000 davon waren Studenten und Studentinnen.

In Bremen hat sich die Zahl der gestellten Anträge an den Hochschulen in den vergangenen zehn Jahren nicht wesentlich verändert, wohl aber der Anteil der Studierenden, die Bafög bekommen.

Anzahl der Bafög-Anträge von Studierenden im Land Bremen

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Anteil der deutschen Studierenden, die im Land Bremen Bafög erhalten

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Während die Zahl der Anträge im kleinsten Bundesland zwischen 9.000 und 10.500 schwankte, ist der Anteil der Geförderten bei den deutschen Studierenden seit 2011 stark gesunken. Damals waren es 26,7 Prozent, 2019 17,9 Prozent. Im August 2021 beträgt deren Anteil gerade mal 17,1 Prozent; 16,1 Prozent, wenn man auch die ausländischen Studierenden betrachtet, wie das Studierendenwerk Bremen mitteilt.

Angst vor Schulden schreckt einige davon ab, Bafög zu beantragen

Woran liegt das? Schließlich lebt laut einer Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, die im November veröffentlicht wurde, jeder vierte Bremer in Armut. Demnach gilt als arm, "wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens erreicht".

Studenten und Vereine sehen für die Lage mehrere Erklärungen. "Der Förderungshöchstsatz entspricht schlicht nicht mehr den realen Verhältnissen und kann Miete und Lebenshaltungskosten nicht mehr abdecken", sagt Malwine Nicolaus von der Asta an der Hochschule für Künste in Bremen. Zudem schreckten viele aus Angst vor der Verschuldung zurück.

Viele Studierende schrecken aus Angst vor Verschuldung vor dem Bafög zurück, gerade wenn es sich um größere Förderungssätze handelt, wenn also die Eltern ein entsprechend geringes Einkommen haben und somit auch nicht mal eben so aus der Verschuldung helfen können.

Malwine Nicolaus, Asta an der HfK Bremen

Meistens werden für Studierende 50 Prozent des ausgezahlten Bafögs als Zuschuss behandelt und 50 Prozent als Darlehen ohne Zinsen. Das heißt, dass die Hälfte der erhaltenen Summe später im Berufsleben zurückbezahlt werden muss. Allerdings nur noch bis maximal 10.010 Euro, in monatlichen Raten von höchstens 130 Euro. Für Asta-Beraterin Schumann-Stöckert sollte die Verschuldung kein Grund mehr sein, sich Sorgen zu machen. Zumal, weil Geförderte eine Befreiung von der Rückzahlung beantragen können, wenn sie später zu wenig verdienen.

Diese Angst hält sich aber hartnäckig in den Köpfen der Menschen.

Ulrike Schumann-Stöckert, Bafög-Beraterin der Asta an der Universität Bremen

Student: "Der Druck ist da"

Der Freibetrag beträgt ab diesem Jahr 1.330 Euro für Alleinstehende. Wer nicht mindestens 1.372 Euro netto im Monat verdient, kann sich also vorübergehend freistellen lassen. Für verheiratete Paare oder Eltern gelten andere Grenzen. Und doch ist der Gedanke einer Verschuldung für manche ziemlich unangenehm.

Das weiß auch Benjamin Brünjes, der gerade in Bremen und Oldenburg studiert und Bafög erhält. Er könne verstehen, dass einige davor Angst haben. "Zehntausend Euro – das steht natürlich im Raum. Es ist eine riesengroße Geldsumme." Um schon während des Studiums etwas zu sparen, sei die Förderung nicht hoch genug: "Wenn man 50 Euro im Monat zur Seite legen kann, das ist schon mal sehr gut."

Es ist schon so ein unterschwelliger Druck, der dadurch entsteht.

Benjamin Brünjes, Student

Das Deutsche Studentenwerk plädiert dafür, die Leistung wieder zum Vollzuschuss zu machen – also ohne Rückzahlungspflichten, wie es am Anfang in den 70er Jahren war. Damals sind etwa 40 Prozent der Studierenden gefördert worden, wie der Geschäftsführer des Studierendenwerks Bremen, Hauke Kieschnick bestätigt. "Damals gab es einen Vollzuschuss. Das mussten sie nicht zurückzahlen." Heute erhielten bundesweit etwa 12 Prozent der Studenten die Förderung, 16 Prozent in Bremen.

Bürokratie erschwert die Situation

Doch allein an der Angst vor Verschuldungen dürfte der Schwund nicht liegen. Auch das komplexe Verfahren, um Bafög zu beantragen, könnte einige abschrecken. "Ein Problem ist sicherlich, dass man sich mit diesem Thema befassen muss und möchte. Natürlich ist man dann in der Diskussion mit den Eltern", sagt Kieschnick. Es gebe aber auch Überlegungen in der Politik und den Einrichtungen, die Informationen zu verbessern. Mindestens jeder zweite Antrag sei unvollständig.

Bafög ist ein Bundesgesetz mit sehr strengen Vorgaben, was aber sehr kompliziert ist.

Hauke Kieschnick, Geschäftsführer des Studierendenwerks Bremen

Ein Problem, das Studenten und Beraterinnen bestätigen können. "In unserer Bafög-und Sozialberatung suchen die Studierenden sehr oft Rat und Unterstützung im oft sehr komplexen und unüberschaubaren Antragsverfahren", sagt Herzberg.

Für junge Studierende, die gerade erst ihr Abitur gemacht haben und wenig Erfahrung mit Antragsstellungen haben, ist dies oft eine sehr große Herausforderung – besonders im Erbringen von sehr vielen Nachweisen.

Angela Herzberg, Asta Hochschule Bremen

Der ehemalige Student Damke hat es selbst erlebt. "Es sind viele Informationen angefordert worden. Auch für meine Mutter war es schwierig, da sie bis dahin keine Steuererklärung gemacht hatte." Und so hat die Bearbeitung des Antrags länger gedauert als gedacht. Die ersten zwei Monate konnte er am Ende dank eines Geschenks der Oma überbrücken, bis das Geld rückwirkend ausgezahlt wurde. "Ich bin ein bisschen naiv da rangegangen, ich dachte, es wäre einfacher", sagt er heute.

Beraterin: teilweise schwierig auch für Kranke und Ausländer

Noch schwieriger sei es für Menschen mit Behinderungen oder chronisch Kranke, die eine Weiterbewilligung der Leistungen über die Förderungshöchstdauer hinaus beantragen müssten, wenn sie aus unfreiwilligen Gründen ihr Studium nicht in der Regelzeit abschließen können, sagt Beraterin Schumann-Stöckert. "Sie müssen unglaublich viele Papiere anbringen." Und für Ausländer und Geflüchtete, die tendenziell größere Schwierigkeiten haben, in der Regelzeit abzuschließen, sei keine spezifische Ausnahme vorgesehen. Momentan sei die Situation allerdings durch Corona etwas entspannter, da die letzten drei Semester nicht mitgerechnet würden.

Doch die geförderten Studenten sind sich einig: Trotz Verbesserungsbedarfs und bürokratischen Schwierigkeiten bleibt das Bafög ein wichtiges Instrument, um Bildung zu ermöglichen. Brünjes sagt: "Jedem, der das Geld nicht von seinen Eltern bekommen kann oder möchte, würde ich auf jeden Fall empfehlen, es zumindest zu probieren."

Mit Schulden in den Beruf: Wie sich Bafög in 50 Jahren verändert hat

Video vom 1. September 2021
An einem Schalter wird in den Anfängen von BAföG Geld von einem Mitarbeiter an einen Studenten ausgegeben.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 01. September 2021, 19:30 Uhr