Wann sollten demenzkranke Menschen ihren Führerschein abgeben?

Ein Geisterfahrer auf der B75 hat jüngst die Diskussion um das Autofahren trotz Altersdemenz angefacht. Dies raten Bremer Experten den Betroffenen.

Eine ältere Dame am Steuer ihres Autos. (Symbolbild)
Ältere Menschen sollten Experten zufolge regelmäßig ihre Fahrtauglichkeit testen lassen. Bild: Imago | Panthermedia

Die Geisterfahrt eines offenbar demenzkranken 82-Jährigen auf der B75 endete in der vergangenen Woche zwar glimpflich. Für viele dürfte das Ereignis jedoch eine Frage aufgeworfen haben, die Familien schwer belasten kann: Wann sollten demente Menschen ihren Führerschein abgeben?

"Wir haben oft Angehörige, die sagen uns: Mit meinem Vater, das haut beim Autofahren nicht mehr so richtig hin", sagt Gerhard Kreie vom ADAC. Der ehemalige Fahrlehrer kümmert sich seit zwei Jahrzehnten um solche Anfragen, besucht auf Wunsch die Familie und bietet sogenannte Fahr-Fitness-Checks an. Das sind freiwillige Eignungstests mit dem eigenen Auto, die ältere Menschen ablegen können – wenn sie denn wollen.

Fahrtauglichkeitsprüfungen sind keine Pflicht

Dieser Wille sei jedoch nicht immer gegeben, sagt Kreie. Wofür er auch Verständnis hat. "Wer nicht in der Innenstadt wohnt, sondern auf dem Land, ist auf das Auto angewiesen." Die Fahrt zum Supermarkt, der Besuch beim Arzt. "Mobilität ist auch Lebensqualität", sagt er.

Hinzu kommt: Während Senioren in vielen europäischen Ländern ab einem gewissen Alter verpflichtende Gesundheitschecks durchlaufen müssen, um ihren Führerschein zu behalten, gilt in Deutschland die sogenannte Eigenverantwortung. "Da kommt keiner von der Behörde und sagt, man muss da nochmal eine Prüfung machen."

Auffällige Fahrweise kann Fahrprobe begründen

Ein älterer Mann sitzt am Fenster und betrachtet nachdenklich ein Spielzeugauto in seinen Händen.
Mobilität ist für viele Menschen auch Lebensqualität. Bild: Imago | Westend61

"Diejenigen, die nicht kommen, können sich nur selbst aussortieren", sagt Kreie. "Wenn sie zum Beispiel den Kantstein touchieren und eine Polizeistreife das sieht, können die Beamten eine kurze Meldung an die Führerscheinstelle des Stadtamts machen."

Die Behörde veranlasst dann in der Regel ein persönliches Gespräch. Je nach Ausgang wird die Sache auf sich beruhen gelassen oder Bestätigungen für die Fahrtauglichkeit angefordert, zum Beispiel vom Hausarzt oder vom Augenarzt. "Die härteste Konsequenz ist die angeordnete Fahrprobe", sagt Kreie. Dabei müssen die betroffenen Fahrer 60 Minuten durch die Stadt fahren, ohne Fehler zu machen. "Und das gelingt nur wenigen."

Art der Demenz ist entscheidend

Ob sich die betroffenen Fahrerinnen und Fahrer von selbst bereiterklären, den Führerschein abzugeben, hängt oft auch von der Art der Demenz ab. Rund 1,6 Millionen Menschen sind in Deutschland von der Krankheit betroffen. "Bei der häufig verbreiteten Alzheimer-Demenz setzt das Vergessen schleichend ein", sagt Cathrin Reichel-Ouda, Neuropsychologin am Klinikum Bremen-Nord.

Auch die zweithäufigste Form, die vaskuläre Demenz, bei der aufgrund von Durchblutungsstörungen im Gehirn Nervenzellen absterben, mache sich erst nach und nach im Alltag bemerkbar. "Diese Patienten kriegen dann oft Schwierigkeiten mit dem Tempo, können nicht mehr allzu gut Dinge gleichzeitig tun." Die Betroffenen beider Formen seien mit fortschreitender Krankheit allerdings meist einsichtig, wenn es um die Abgabe ihres Führerscheins gehe, sagt Reichel-Ouda.

Strategien für Angehörige

"Die seltenere frontotemporale Demenz und die Parkinson-Demenz sind demgegenüber gefährlicher", sagt die Neurologin. Denn bei diesen Formen der Krankheit veränderten sich auch die Persönlichkeit und das eigene Einschätzungsvermögen. "Es fehlen dann oft die Hemmungen, was zu sehr riskantem Fahrverhalten im Straßenverkehr führt."

Zu warten, bis etwas am Steuer passiert, das die Behörden auf den Plan ruft, wäre für die meisten Angehörigen jedoch untragbar. Viele behelfen sich daher mit besonderen Strategien. "Schlüssel weg, Versicherung ausgelaufen, TÜV abgelaufen, Kabel abgeklemmt. Das sind Wege, von denen ich gehört habe", sagt Reichel-Ouda.

Bis die Erkrankung alltagsrelevant wird, können jedoch auch zwei oder drei Jahre vergehen. "In diesen früheren Stadien kann die Fahrtauglichkeit sogar noch gegeben sein", sagt Amit Choudhury, Chefarzt am Klinikum Bremen-Nord.

Er empfiehlt seinen Patienten daher, im Zweifel zunächst einen Fahreignungstest zu machen, wie ihn beispielsweise der ADAC, Dekra oder TÜV anbieten. Darüber hinaus sollten die Betroffenen stets bekannte Strecken nutzen und im Hellen fahren. Nicht zuletzt sei es unumgänglich, dass sich Familie und Betroffene frühzeitig mit der Situation auseinandersetzten. Der Alltag der Erkrankten müsse schrittweise auf ein Leben ohne Führerschein umgestellt werden, sagt Choudhury. "Denn am Ende führt jede Demenz dazu, dass Autofahren unmöglich ist."

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Autor

  • Kristian Klooß

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 5. November 2019, 23:30 Uhr