Gottesdienst in Corona-Zeiten: Autositz statt Kirchenbank

Pastor Holger Westphal aus Ritterhude wollte endlich mal wieder gemeinsam mit seiner Gemeinde Gottesdienst feiern – und ließ sie vor der Kirche vorfahren.

Auto-Gottesdienst in der Kirche "Zum Heiligen Kreuz" in Ritterhude-Werschenrege
Gottesdienst mal anders: Die Gemeinde versammelt sich in ihren Autos auf dem Parkplatz der Kirche.

Während die Glocken läuten klemmt eine Helferin noch die letzten Liedzettel hinter die Scheibenwischer. Sobald sie ein paar Schritte weiter ist, dürfen sich die Autoinsassen den gelben Zettel reinholen. Darauf steht: Bitte bleiben Sie im Auto sitzen, öffnen Sie nur das linke Seitenfenster. Statt in der Kirche kommen die Menschen also vor der Kirche in Werschenrege, Gemeinde Ritterhude, auf dem Parkplatz zusammen. Geschützt voneinander, durch ihre Autos.

Auf der Wiese vor dem Beton-Glockenturm aus den 60ern stehen drei Kerzen in einem Windlicht auf dem Altar, neben Holzkreuz und Blumenschmuck. Der Ton kommt über zwei Lautsprecher, der eine steht auf einer Alu-Klappleiter, die von einem weißen Laken eingehüllt ist. Ein Mikrofon steht neben einem Notenständer, dahinter Pastor Holger Westphal im schwarzen Talar.

Jetzt ist es aber auch mal schön, die Menschen zumindest durch die Windschutzscheiben wieder zu sehen.

Pastor Holger Westphal

Er hofft, dass ihn alle gut verstehen können: "Das ist seit dem Shutdown die erste Andacht, in der wir zusammensitzen – ganz ohne Internet. Meine Kollegen in Lesum haben Internetandachten gemacht. Jetzt ist es aber auch mal schön, die Menschen zumindest durch die Windschutzscheiben wieder zu sehen, dass sie sich auch gegenseitig wahrnehmen können und merken: Es gibt eine Gemeinschaft. Das ist eins der zentralen Dinge hier beim Gottesdienst."

Eine knappe halbe Stunde soll die Andacht dauern. Westphal war unsicher, wie viel Werbung diese Zusammenkunft auf Autositzen statt Kirchenbänken verträgt, bevor es zu voll wird. Doch obwohl es auch neugierige Gäste beispielsweise aus dem benachbarten Schwanewede gibt, kommt es zu keinen Parkplatzproblemen. Bei zwei Dutzend Autos – vom Kleinwagen über den Familien-Van bis hin zur Oberklasse-Limousine ist alles vertreten – in der zweiten Reihe sind sogar noch einzelne Stellplätze frei.

Alles ist neu für uns, alles ist anders. Und trotzdem wollen wir anfangen, wie wir sonst auch anfangen, nämlich mit Musik.

Pastor Holger Westphal, in seiner ersten Auto-Andacht
Auto-Gottesdienst in der Kirche "Zum Heiligen Kreuz" in Ritterhude-Werschenrege
Auch für die musikalische Untermalung ist mit E-Piano und Saxophon gesorgt.

Statt der Orgel erklingen E-Piano und Saxophon. Schon lange vor dem Anfang haben viele Besucher der Auto-Andacht "Platz genommen" beziehungsweise vor der Wiese mit Blick auf die Kirche eingeparkt. "Gehört zum Sonntag dazu, nicht? Und dann haben wir geguckt: Wo ist was los, wo ist was geboten und dann haben wir das hier gefunden. Und sonst sitzt man ja gut hier. Erste Reihe", heißt es von einem Gemeindemitglied aus einem der Autos.

Rund zehn Meter Abstand liegen zwischen Pastor Holger Westphal, der auf dem befestigten Boden direkt neben der offenen Kirchentür steht, und dem ersten Kühlergrill. Wenn ein Auto auf der Werschenreger Straße vorbei fährt, ist er nur noch schwer zu verstehen.   

Wir bleiben verbunden über alle Grenzen hinweg, durch den Glauben an den einen Gott, in dessen Namen wir heute Gottesdienst feiern.

Pastor Holger Westphal
Auto-Gottesdienst in der Kirche "Zum Heiligen Kreuz" in Ritterhude-Werschenrege
Teilnehmende der zweiten und dritten Reihe mussten während des Auto-Gottesdienstes ganz genau hinsehen.

Das Fühlen ist unser erster Sinn, heißt es in der Predigt. Es geht um Nähe, um Distanz und um den Aussätzigen aus dem Markusevangelium, Kapitel eins ab Vers 40. Beim Fazit wartet der Pastor in Ruhe ab, bis ein Motorroller vorbeigedröhnt ist.

Zwei Lieder und noch ein Musikstück am Ende, spontaner Applaus tönt über den Parkplatz, nachdem Holger Westphal eine gute Heimfahrt gewünscht hat. Ein emotionales Ereignis, als die Anlasser erklingen, meint Tonia Wohltmann, die am E-Piano saß: "So schön – ich hab fast geheult, sie alle wieder zu sehen. Da laufen einem tatsächlich die Tränchen, wenn man Leute so vier, fünf Wochen nicht sieht und vor allen Dingen die Kinder. Einfach toll. Die Sonne scheint – alles wird wieder gut." Als nächstes plant Holger Westphal einen Open-Air-Gottesdienst auf der großen Wiese hinter der Kirche – natürlich mit Sicherheitsabstand.

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Autor

  • Mario Neumann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Nachmittag, 26. April 2020, 15:30 Uhr