Infografik

Ausbildung und Corona – geht das überhaupt? Bremer Azubis erzählen

Die Kundin: am Telefon. Die Chefin: im Video-Chat. Die Berufsschullehrerin: schickt Aufgaben per E-Mail. Ausbildung unter Corona ist eine Herausforderung für alle Beteiligten.

Friseur-Auszubildende Alena Riddel
Die Friseur-Auszubildende Alena Riddel. Bild: Privat | Heiko Klumker

Wer im vergangenen Jahr seine Berufsausbildung gestartet hat oder schon in ihr steckte und jetzt so langsam auf die Prüfung zusteuert, ist nicht zu beneiden. Kaum ein Stein blieb auf dem anderen. In der praktischen Ausbildung wie auch in der Berufsschule. Manche Berufe waren stärker betroffen, weil sie de facto nicht mehr ausgeübt werden konnten – Friseure und Köche zählen beispielhaft in diese Kategorie. In anderen Berufen hat sich zwar nicht der Arbeitsumfang, aber die Arbeits- und damit auch die Ausbildungssituation gravierend geändert. Stimmen aus Handwerk, Kaufmannschaft, Berufsschulen und der Arbeitsagentur:

1 Friseurin: Probleme vor der Meisterschule

Der Kurs auf der Meisterschule ist schon gebucht. Doch ob sie ihre Gesellinnen-Prüfung überhaupt rechtzeitig ablegen kann, steht noch in der Sternen. Alena Riddel hängt gerade vollkommen in der Luft und findet das nicht wirklich komfortabel:

Da kriege ich schon Angst, dass die Politik wegen des langen Stopps der Ausbildung auf die Idee kommt, die Ausbildung zu verlängern.

Alena Riddel, Friseur-Auszubildende

Denn das könnte den ganzen Zeitplan der jungen Frau pulverisieren. Sie wird im Salon von Bremens Friseur-Innungsmeister Heiko Klumker zur Friseurin ausgebildet. Und hat seit Monaten keinen Kontakt zu echten Köpfen: "Gerade im letzten Lehrjahr fehlt mir ganz viel," sagt die 20-Jährige.

Puppenkopf als Ersatz

Zwar arbeitet sie regelmäßig an Puppenköpfen mit Echthaar. Doch Kundenkontakt ersetze das keinesfalls. Erstens sind die Echthaar-Puppen so kostbar, dass daran keine Haarschnitte gemacht werden dürfen. Außerdem verhält sich das Haar, obwohl es echt ist, anders als auf einem lebendigen Kopf: "Die haben zum Beispiel keine Wirbel," sagt Riddel – ohne jede Erleichterung, weil ihr ein Problem erspart bleibt, sondern bedauernd, weil ihr so wichtige Lektionen fehlen. Und auch weitere Ausbildungs-Inhalte lassen sich daran nicht üben: Weder kann so ein Puppenkopf geschminkt, noch seine Kopfhaut fachkundig massiert werden.

Fehlende Kunden-Kommunikation

Und noch etwas entfällt seit Monaten während des Lockdowns: die Kommunikation. Friseur-Salons sind auch Orte der Kommunikation. Was nun nicht Klatsch und Tratsch meint, der gängigen Vorurteilen zufolge auf den Friseur-Stühlen sein Heimatrevier hat. Sondern den für den Beruf ungemein wichtigen Austausch mit der Kundschaft: "Mittelbraun ist nicht mittelbraun," sagt Alena Riddel kurz und knapp. Womit sie verdeutlicht, wie wichtig es ist, die Übersetzung zwischen ihrer Fachsprache und den Alltagsausdrücken von Menschen ohne Friseur-Vokabular zu leisten. Denn das ist ja im Zweifel das, was den konkreten Auftrag definiert.

Nach der Prüfung sollen wir in der Lage sein, an Menschen zu arbeiten.

Alena Riddel, Friseur-Auszubildende

Zurück zur Gesellinnen-Prüfung: Wenn die verschoben wird, oder sie sie nicht schafft, wird es für Alena Riddel wirklich ziemlich mies. Denn die Meisterschule will und muss sie direkt nach der Ausbildung machen. Sie will das zügig in Vollzeit absolvieren, also ohne gleichzeitig zu arbeiten und damit auch zu verdienen. Solange sie noch bei ihren Eltern wohnt, kann das klappen. Dann aber ist die Zeit dafür irgendwann um.

2 Industriekaufmann: Nachfolger haben es schwerer

Wo im Handwerk – je nach Beruf – der praktische Teil der Ausbildung leidet, hat Leon Stauch es vergleichsweise gut. Der 21-Jährige wird beim Stahlwerk Arcelor-Mittal zum Industriekaufmann ausgebildet. Und da macht es meistens keinen riesenhaften Unterschied, ob er das auf der Hütte oder im Heimbüro macht. Das aber sei die Perspektive des Azubi im dritten Ausbildungsjahr, sagt er selbst. Und:

Ich habe Mitleid mit den Mit-Azubis, die jetzt erst angefangen haben.

Leon Stauch, Industriekaufmann-Auszubildender

Denn gerade am Anfang seien das Einführungsprogramm auf der Hütte wie auch der unmittelbare Kontakt zu Kollegen und Ausbilderin enorm wichtig. Das hätten seine Nachfolger nicht erleben können.

Wobei: "Heimbüro" klingt so gut ausgerüstet. Tatsächlich ist es mal der Küchen- und mal der Esstisch. "Das ist nicht optimal," sagt er. Was aber optimal sei, sei das Angebot des Arbeitgebers: Bis hin zur Rückenschule für richtiges Arbeiten an ungeeigneten Möbeln reiche dessen Unterstützung. Und wer keine geeignete Technik sein Eigen nennt, bekomme von Arcelor-Mittal Bremen technische Unterstützung.

Eigenständigkeit gefragt

Leon Stauch, Auszubildender Arcelor-Mittal Bremen
Leon Stauch absolviert bei Arcelor-Mittal in Bremen die Ausbildung zum Industrie-Kaufmann. Bild: Arcelor-Mittal

Das sind aber eher Äußerlichkeiten. Bei den Inhalten zeige sich schon deutlich, wie sich das Umfeld geändert hat. "Man muss sehr viel eigenständiger und selbstbewusster sein," findet der angehende Industriekaufmann, der im Mai und Juni seine Prüfungen zu bestehen hat. Wo er früher im Büro mal eben den Nebenmann etwas gefragt hat, muss er sich jetzt überwinden, jemanden per Videokonferenz anzumorsen, ohne zu wissen, ob es dem eigentlich gerade passt. Immerhin: Jetzt auf der Zielgeraden hat er auch mal wieder Tage im Büro, weil es Dinge zu erledigen gibt, die zu Hause einfach unmöglich sind. Stauch ist anzuhören, dass er das gut findet, obwohl: In seinem Bürotrakt mit 15 Büros sind derzeit maximal zwei zeitgleich bewohnt.

Berufsschule funktioniert gut

Wirklich zufrieden ist Stauch mit der Situation an der Berufsschule Bördestraße. Natürlich ist auch da der Präsenzunterricht ausgesetzt. Aufgabenbearbeitung zu Hause am einen Tag und Videokonferenz am anderen lautet der Rhythmus.

Das funktioniert sehr gut, weil unsere Lehrer sehr Technik-affin sind.

Leon Stauch, Industriekaufmann-Auszubildender

Damit meint er, dass die nicht einfach Aufgabenblätter rumschicken und irgendwann die Lösungen auf der Lernplattform vorfinden wollen. Sondern, dass sie ihren Unterricht wirklich an die neuen Gegebenheiten angepasst haben und die Möglichkeiten nutzen. Und doch: "Natürlich läuft Präsenzunterricht viel besser." Das würden ihm auch Freunde aus anderen Lehrberufen sagen. Einmal noch wird er in die Berufsschule zurück dürfen: Die Prüfungsklausuren werden unter Aufsicht geschrieben.

3 Berufsschule: Auszubildende sind gefordert

Ja, bestätigt Katja Ollmann, den Berufsschülerinnen und Berufsschülern werde gerade viel abverlangt, sehr viel. Sie ist Rektorin der Berufsschule für Großhandel, Außenhandel und Verkehr. Die Auszubildenden müssten jetzt noch dringender als früher schon ein immenses Maß an Eigeninitiative und Eigenverantwortung entwickeln, um durch die Ausbildung zu kommen.

Katja Ollmann sitzt in einem Klassenzimmer auf einem Tisch.
Katja Ollmann, Rektorin der Berufsschule für Großhandel, Außenhandel und Verkehr in Bremen Bild: Katja Ollmann

Und das meint den betrieblichen Teil wie auch den schulischen. Dabei ist die Organisation des schulischen Parts die Aufgabe Katja Ollmanns – und dabei würde sie sich mehr "Beinfreiheit" wünschten: "Es wird bei den Verordnungen immer sehr im Sinne der allgemeinbildenden Schulen gedacht." Das aber sei nicht in jedem Fall angemessen: "Wir an den Berufsschulen sind sehr divers. Bei uns müsste das ganz individuell sein." Das fängt gleich bei der zentralen Frage Präsenz- oder Distanzunterricht an.

In den kaufmännischen Bereichen ist Distanzlernen viel einfacher als für die, die Praxis oder Labore brauchen.

Katja Ollmann, Berufsschul-Rektorin

Schulen können Rahmen füllen

Ihr Wunsch und der ihrer Kolleginnen und Kollegen an den anderen 15 Bremer Berufsschulen wäre daher, dass das enge Korsett der Vorgaben für die Berufsschulen aufgeschnürt werden sollte. Jede Schule, im Zweifel jeder Lehrer, könne für die jungen Erwachsenen einen angemessenen Unterricht organisieren, der allen inhaltlich-qualitativen wie auch hygienischen Rahmenvorgaben entsprechen könnte:

Es wäre gut, uns die Verantwortung zu geben. Probleme müssen da gelöst werden, wo sie auftreten.

Katja Ollmann, Berufsschul-Rektorin

Das würde – und darum gehe es ja letztlich – den Auszubildenden in dieser komplizierten Zeit das Leben erleichtern.

Und dabei wisse sie auch die Betriebe an ihrer Seite, ist Katja Ollmann überzeugt. Auch die würden sich auf individuelle Situationen zugeschnittene Lösungen wünschen. Da müsse letztlich auch das Bildungsressort erkennen, dass die Berufsschulen grundsätzlich anders funktionieren als die allgemeinbildenden und noch viel mehr als die Grundschulen. Ein System für alle Zweige des Bildungssystems könne nicht richtig sein. Zu Beginn des Ausnahmezustandes sei es ja noch nachvollziehbar gewesen, dass dieser differenzierte Blick nicht möglich war und erst mal schnell Wege erkundet werden mussten, sagt Ollmann. "Da waren wir nicht im Fokus." Mittlerweile aber wäre es wichtig, neu zu fokussieren.

4 Arbeitsagentur: Die Statistik zeigt Bremsspuren

Spuren hinterlässt Corona unterdessen außer in der Qualität der Ausbildung auch beim schieren Umfang: Im vergangenen Jahr boten die Betriebe weniger Ausbildungsplätze an und sehr viel mehr Jugendliche fanden keine Stelle.

Angebot Ausbildungsplätze

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Unbesetzte Ausbildungsplätze

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Knapp über 5.000 Lehrstellen meldeten die Arbeitgeber in Bremen und Bremerhaven im vergangenen Jahr. Das waren fast 600 weniger als 2019. Und obwohl das Angebot kleiner war, nahm die Zahl der unbesetzten Stellen um deutlich über 100 auf rund 340 zu. Und die Zahl unversorgten Ausbildungs-Suchenden explodierte geradezu: Um plus 81 Prozent im Land Bremen auf 487.

Bewerber ohne Ausbildungsplatz

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Wie es sich in diesem Jahr entwickelt, überblickt die Arbeitsagentur noch nicht, sagt Sprecher Jörg Nowag. Dazu sei es viel zu früh. Was er aber sagt: Beratung gibt es wie eh und je. "Wir bieten telefonische Berufsberatungen an. Das funktioniert erstaunlich gut." Die persönlichen Termine wie in den Vorjahren gibt es natürlich nicht. Die Beratung müsse darunter nicht leiden. Es gibt bundesweite wie auch regionale Hotlines, über die Termine vereinbart werden können.

Schwere Zeiten für Azubis in der Corona-Pandemie

Video vom 31. Januar 2021
Ein Detailbild mehrerer roter Stühle,  die an einem Tisch stehen.
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Karl-Henry Lahmann

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 31. Januar 2021, 19.30 Uhr