Freikirchen und ihr Kampf zwischen Gut und Böse

Freikirchen wie die Paulus-Gemeinde in Bremen bieten Halt und Gemeinschaft. Bettina hört dort aber auch Sätze wie "Homosexualität ist von Gott nicht gewollt". Sie steigt aus.

Ein Gottesdienst im Christlichen Zentrum der Pfingstgemeinde in Mainz.
Die Freikirche hat zwei Seiten – so beschreibt es eine Aussteigerin aus Bremen. Es gibt tollen Zusammenhalt in der Gemeinde, aber auch Unterdrückung (Symbolbild). Bild: Imago | epd

Der Lebensweg von Bettina ist nicht gradlinig. Eine der Windungen führte sie in eine Freikirche. Genauer: in die Paulus-Gemeinde in Bremen.

Bettina heißt im wirklichen Leben anders. Über ihre Erfahrungen in der Gemeinde möchte sie aber lieber unerkannt sprechen. Sie wurde 1964 geboren und wuchs in einem kleinen Städtchen im Emsland auf. Dort, wo die Leute erzkatholisch sind, immer genau wissen, was richtig und falsch ist und sich vor Obrigkeiten ducken – so erinnert sie sich heute. Damals fand Bettina Halt im Glauben. Aber als es einmal Probleme zuhause gab – so, wie wohl bei jedem Teenager – radelte sie weinend durch das Städtchen auf dem Weg zur Kirche. Beim Pfarrer suchte sie Rat. Und bekam zu hören: "Das ist nicht mein Zuständigkeitsbereich."

Freikirchen legen die Bibel oft wortwörtlich aus

Jahre nachdem sie aus ihrem Heimatort gezogen ist, landet sie dann in der freikirchlichen Paulus-Gemeinde in Bremen. Diese hat nach Angaben auf ihrer Homepage mehr als 1.000 Mitglieder. Sie beschreiben sich selbst als "evangelikal in ihrem Schriftverständnis und in der geistlichen Praxis gemäßigt charismatisch". Die Paulus-Gemeinde definiert sich als ein Teil der Pfingstbewegung und legt die Bibel wortwörtlich aus – was zu Konflikten mit der Gesellschaft führen kann. Und auch mit einzelnen Gemeindemitgliedern. Wie mit Bettina.

Ich verliebe mich in Menschen, nicht in erster Linie in ein Geschlecht.

Bettina, Aussteigerin aus der Paulus-Gemeinde in Bremen

In ihrem Leben gibt es ein Kapitel, dass sich nicht mit den Werten der Freikirche vereinbaren lässt. Denn Bettina hatte zuvor acht Jahre lang eine Frau geliebt. 

Durch Beten und das Auflegen von Händen hofft ein Mann auf Heilung.
Heilen durch Gebete: Viele Pfingstgemeinden glauben daran, dass der Heilige Geist auch heute auf der Welt wirkt und Menschen gesund macht. Bild: Imago | epd

Mit den Herausforderungen für die Gesellschaft, die sich aus der wörtlichen Bibelauslegung der Freikirchen ergeben kann, kennt sich Hannah Grünenthal aus. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Religionswissenschaft und Religionspädagogik der Uni Bremen. Evangelikale Kirchen werden laut Grünenthal dadurch definiert, dass sie fundamentalistisch sind – zumindest insofern, als dass sie die Bibel als Fundament für alles sehen. So, wie auch die Paulus-Gemeinde. "Die Pfingstkirchen und die charismatischen Kirchen sind eher dadurch bestimmt, dass sie den Heiligen Geist als wirksame Kraft in der Welt anerkennen und heilen", sagt Grünenthal. Um zu heilen wird in solchen Kirchen die Hand aufgelegt und gebetet – auch das geschieht in der Paulus-Gemeinde.

Wir sind überzeugt, dass Gott auch heute noch heilt – jenseits aller klassischer Medizin.

Angabe auf der Homepage der Paulus-Gemeinde

Menschen als Gehilfen von Engeln und Dämonen

Oft seien die Freikirchen – und so beschreibt sich die Paulus-Gemeinde ebenfalls – eine Mischung aus der Pfingstlerbewegung, charismatischer und evangelikaler Kirchen, sagt Grünenthal. 

Was viele von diesen Kirchen gemein haben, ist die Idee, dass es parallel zu der sichtbaren Welt noch  eine unsichtbare Welt gibt, in der Engel und Dämonen gegeneinander kämpfen.

Hannah Grünenthal, Universität Bremen

Dieser Kampf ist ein Kampf um die Welt und um das Gleichgewicht von Gut und Böse. Indem Menschen Dinge tun – entweder gute oder böse – helfen sie den Engeln oder den Dämonen. "In dem Moment, indem viele Menschen Dinge tun, die für diese Glaubensgemeinschaften Sünde sind, gibt es die Vorstellung, dass sich das Gleichgewicht zu Gunsten des Teufels neigt", sagt Grünenthal. Aus dieser Vorstellung ergeben sich viele Konflikte von einigen Freikirchen mit der heutigen Gesellschaft. Zu unserer Gesellschaft gehören Homosexualität und die Ehe für alle, Schwangerschaftsabbrüche und Scheidungen – zur Bibel gehört all dies nicht. 

Wenn man davon ausgeht, dass jede Abtreibung die Welt im Kampf zwischen Gut und Böse dem Bösen einen Schritt näher bringt, ist keine einzige Abtreibung in Ordnung.

Hannah Grünenthal, Universität Bremen

Als das Leben aus den Fugen gerät findet Bettina Halt

Bettina erlebt die Freikirche aber auch als einen Ort, an dem sie einen starken Zusammenhalt erfährt. Sie knüpft enge soziale Kontakte und die Menschen setzen sich für einander ein. Dort findet sie Halt, als ihr Leben nach einer Kündigung als Pflegedienstleiterin in einer karitativen Einrichtung aus den Fugen gerät. Sie hadert mit sich, ihrem Weg im Leben und ihrem Glauben. Sie kommt über einen Gospelchor zur Paulus-Gemeinde. "Hier wird die Liebe Gottes gelebt, hier werde ich wahrgenommen, hier werde ich ernst genommen", denkt sie damals.

Diese Art des Zusammenhalts und die hilfsbereiten Menschen in der Gemeinde schätzt sie noch heute. Doch je tiefer sie in die Pfingstbewegung ihrer Gemeinde einsteigt, desto mehr lernt sie auch andere Seiten kennen: Die Frau schweige in der Gemeinde. Kein Sex vor der Ehe. Homosexualität ist von Gott nicht gewollt. Gott liebt die Sünder, aber nicht die Sünde. 

Einige Gefühle sind verboten

Mit sich selbst ist Bettina im Reinen, sagt sie. Aus ihrer Beziehung mit einer Frau ergibt sich für sie kein Konflikt mit ihrem Glauben. "Auch wenn das komisch klingt, aber ich habe in der Zeit eine Gotteserfahrung gemacht." Sie habe gespürt, wie eine Kraft ihr die Hand auf die Schulter gelegt habe und meinte: "Du musst nicht allen Menschen gefallen. Ich liebe dich trotzdem."

In der Paulus-Gemeinde trifft sie auf eine junge Frau, die nicht mit sich im Reinen ist. "Bettina, kann ich dir etwas anvertrauen?", fragt sie. Die junge Frau hatte das Gefühl, Frauen zu lieben. Sie konnte aber nicht zulassen, dieses Gefühl auszuleben. Und Bettina konnte ihr nicht helfen. "Sie war in so einer Not!", erinnert sich Bettina jetzt. 

Ich habe ihr gesagt: 'Gott liebt gerade dich!' Aber für sie war dieser Gedanke nicht möglich. Sie konnte die Brille, die sie durch ihre evangelikale Erziehung aufgesetzt bekommen hat, nicht ablegen.

Bettina, Aussteigerin aus der Paulus-Gemeinde in Bremen
Portraitfoto des Psychologen Udo Rauchfleisch.
Der Psychologe Udo Rauchfleisch arbeitet mit homosexuellen Menschen zusammen, die aus Freikirchen aussteigen. Bild: Udo Rauchfleisch | Claude Giger

Es kann gefährlich sein, solche Gefühle nicht zuzulassen und sie, wie diese junge Frau, zu verdrängen, sagt Udo Rauchfleisch. Er hat sich sowohl theoretisch als Professor für Klinische Psychologie an der Uni Basel als auch praktisch als Psychotherapeut intensiv mit homosexuellen Menschen, die aus Freikirchen aussteigen, beschäftigt. Außerdem ist er im Verein Zwischenraum aktiv, der Hilfe und Halt beim Ausstieg bietet.

"Wenn jemand seine Homosexualität versucht zu unterdrücken und zu verschweigen, klammert er einen wichtigen Teil von sich selbst aus und lebt an sich vorbei", sagt Rauchfleisch. Die Unterdrückung erzeuge Angst und Druck und schwäche das Selbstwertgefühl – oft mit fatalen Folgen.

Im Zusammenhang mit Freikirchen gibt es außerdem nicht nur den sozialen Druck von außen. Es kommt auch zu einem inneren Konflikt mit den eigenen Überzeugungen.

Udo Rauchfleisch, Psychologe

Nach und nach müsse den Menschen laut Rauchfleisch klar werden, dass der Bruch mit der Gemeinde nicht auch den Bruch mit der Religion bedeuten müsse. Oft sei der Prozess vergleichbar mit Trauerarbeit. "Aber sobald die Menschen spüren, dass sie nicht mehr an sich vorbei leben, erfahren sie Freiheit."

Schleichender Ausstieg aus der Kirche

Nach einiger Zeit in der Gemeinde findet Bettina sich in ihrem Leben wieder zurecht. Einen maßgeblich Anteil daran hat die Glaubensgemeinschaft. Aber je sicherer sie wird, desto kritischer betrachtet sie die anderen Seiten ihrer Gemeinde. Und desto mehr entfernt sie sich. Nach und nach besucht sie weniger Gebetskreise, ist nicht mehr so aktiv in der Seelsorge tätig und geht nicht mehr regelmäßig zu den Gottesdiensten.

Für ein Interview mit buten un binnen stand die Gemeinde nicht zur Verfügung. Auch eine Stellungnahme gab die Gemeinde nicht ab.

Von der Gemeinde gelöst – Glaube ist geblieben

Auch Bettina hat ihren Glauben nach ihrer Zeit in der Freikirche nicht verloren. Sie löste sich zwar von der Paulus-Gemeinde, fand aber eine Zeitlang ihr religiöses Zuhause in der baptistischen Zellgemeinde in Bremen. Dort lernte sie auch ihren jetzigen Lebensgefährten kennen. Aktuell sind sie beide in keiner Kirchengemeinde aktiv. Aber es gibt Pläne für die Zukunft:

Bettina schließt ihr Studium der Religions-, Erziehungs- und Bildungswissenschaften ab, beginnt eine neue Tätigkeit als Supervisorin und die beiden ziehen um – und vielleicht treten sie in die evangelische Landeskirche ein.

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  • Lina Brunnée

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 19. Juli 2019, 23:30 Uhr