Fragen & Antworten

Meet the boss: Angehende Azubis Auge in Auge mit dem neuen Chef

In Bremerhaven will die Agentur für Arbeit mit einem neuen Konzept Jugendliche und Chefs zusammenbringen. Funktioniert die Aktion? Und wo verdient man eigentlich am meisten?

Ein Jugendlicher spricht mit einem Chef.
Kevin Grossmann (links) ist auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Bei der "Meet the boss"-Aktion stellt er sich Horst Richter von der Firma Frese & Salbert vor.

Kevin Grossmann will Elektroniker werden. Mit Bewerbungsunterlagen im Rucksack hat er sich auf den Weg in die Agentur für Arbeit in Bremerhaven gemacht. Ganz locker will er sich heute mal umschauen. Schick gemacht hat er sich dafür nicht extra. Mit Kapuzenpulli, schwarzem Parker und Sportschuhen sucht er das Gespräch mit den Firmenvertretern. "Meet the boss" heißt das Konzept der Agentur für Arbeit in Bremerhaven, das an diesem Tag zum zweiten Mal stattfindet. Ausbildungsbörsen gab es hier schon etliche. Heute aber sollen die Jugendlichen direkt mit den Chefs ins Gespräch kommen. So ganz trifft der Name jedoch nicht zu, denn an den meisten der 17 Stände steht dann doch eher der zuständige Ausbildungsbetreuer, die Verkaufsleiterin oder ein Auszubildender, um die Firma vorzustellen.

Ein Jugendlicher unterhält sich an einem Messestand mit drei Auszubildenden.
Die Fischmanufaktur "Deutsche See" setzt auf ihre Azubis: Sie sollen mit den Jugendlichen auf Augenhöhe ins Gespräch kommen.

So ist es auch am Stand der Elektro- und Gebäudetechnikfirma Frese & Salbert. Horst Richter ist Ausbildungsbetreuer des Bremerhavener Unternehmens. Bei ihm kommt Kevin gut an. Der 17-Jährige hat seinen Lebenslauf und Zeugnisse dabei, und obwohl er einen guten Grund hätte, nervös zu sein, tritt der Realschüler entspannt und selbstsicher auf. "Jeder, der hier sitzt, macht erstmal einen guten Eindruck", sagt Richter. "Es erfordert Mut, hierher zukommen." Die Jugendlichen werden für diesen Tag von der Schule freigestellt. Rund 300 nehmen das Angebot an diesem Tag an.

Kevin kennt die Firma Frese & Salbert nicht. Für Richter kein Problem: "So eine Aktion wie heute bietet uns die Möglichkeit, uns den Jugendlichen vorzustellen. Wir müssen heutzutage selbst aktiv werden und uns anbieten." Bekannte Firmen hätten es leichter, sagt er. Andere müssten Wege finden, die Jugendlichen zu erreichen. An Social-Media-Kanälen gehe heute kein Weg mehr vorbei. Firmenhomepages müssten auf Smartphones gut darstellbar sein und die wichtigen Infos kurz und knapp abbilden. "Die Jugendlichen wollen schnell auf das Ziel kommen."

Aktion erfolgreich

Horst Richter war schon bei der letzten "Meet the boss"-Aktion dabei. Zwei Jugendliche, die sich damals vorstellten, sind nun Auszubildende bei Frese & Salbert. Auch Gerda Griesch hat beim letzten Mal zwei Azubis für ihre Metallbaufirma gefunden. Sie ist tatsächlich Chefin und hat auch heute schon nach zwei Stunden drei potenzielle Auszubildende kennengelernt, die in der kommenden Woche für ein Praktikum in die Firma Griesch kommen wollen. Wie viele Jugendliche ihren Ausbildungsplatz insgesamt bei der letzten "Meet the boss"-Aktion gefunden haben, kann die Agentur für Arbeit nicht genau sagen.

Wie viele Ausbildungsstellen gibt es in Bremen und Bremerhaven?
Bei der Agentur für Arbeit Bremen-Bremerhaven sind aktuell für die Stadt Bremen rund 1.640 Stellen gelistet und für die Stadt Bremerhaven rund 400. Laut Pressesprecherin Sabine Giese zeigt die Statistik der Arbeitsagentur jedoch nur die Ausbildungsstellen, die von Unternehmen mit der Bitte um Vermittlung gemeldet wurden. Da fortlaufend Besetzungsprozesse stattfinden, ändert sich die Zahl der freien Stellen täglich und sehr dynamisch.
Wie viele Bewerber gibt es?
Von Oktober 2018 bis Mai zählte die Agentur für Arbeit in Bremen 2.405 Bewerber und in Bremerhaven 1.085. Ende Mai waren in Bremen noch 1.352 Bewerber ohne Ausbildungsplatz und in Bremerhaven 633. Somit gibt es in Bremerhaven aktuell mehr Bewerber als Stellen, doch das bedeute nicht, so die Agentur für Arbeit, das so viele Jugendliche ohne Stelle bleiben. Denn nicht alle Firmen bieten ihre Jobs über die Agentur für Arbeit an. Und nicht alle Jugendlichen geben Bescheid, wenn sie eine Stelle gefunden haben. Zudem finden einige Jugendliche auch einen Ausbildungsplatz in einer anderen Stadt. In Bremerhaven bleiben im Schnitt rund 50 Jugendliche unversorgt.
Welche Ausbildungsplätze sind unbeliebt?
Nur wenige Jugendliche interessieren sich für Jobs im Handwerk oder der Gastronomie, sagt Jörn Putzig, Teamleiter in der Berufsberatung bei der Agentur für Arbeit: "Sie genießen einfach nicht so ein hohes Ansehen bei den Jugendlichen."
Wo verdient man am meisten, wo am wenigsten?
Während ein Konstruktionsmechaniker im ersten Lehrjahr bereits mit 1018 Euro pro Monat rechnen kann und Elektroniker für Maschinen- und Antriebstechnik und Technische Modellbauer immerhin 1017 Euro bekommen, erhält ein Bodenleger mit 560 Euro nur etwa die Hälfte. Auch ein Bäckerlehrling erhält im Schnitt im ersten Ausbildungsjahr in Deutschland nur 565 Euro. Ein Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk muss mit durchschnittlich 585 Euro über die Runden kommen und ein Florist bekommt 574 Euro. Hinten liegen nicht, wie erwartet, die angehenden Friseure. Sie erhalten durchschnittlich 498 Euro, genauso viel wie Raumausstatter. Noch schlechter werden zukünftige Schornsteinfeger bezahlt. Sie erhalten nur 450 Euro Ausbildungsgehalt. Die Arbeitnehmerkammer Bremen weist allerdings darauf hin, dass es sich dabei um die durchschnittliche Tarifvergütung in Deutschland handelt. Viele Auszubildende arbeiten jedoch in kleinen, nicht tarifgebundenen Betrieben und erhalten ein niedrigeres Gehalt.
  • Sonja Klanke

Dieses Thema im Programm: Bremen Next, Next am Nachmittag, 6. Juni 2019, 15.20 Uhr