Bremens Auszubildende bangen wegen Corona um ihre Prüfungstermine

Ab heute öffnen Bremens Schulen teilweise wieder. Doch was ist mit Berufsschülern? Auch für Auszubildende geht es um viel, denn ein wichtiger Stichtag rückt näher.

Werkzeug in einer Holzwerkstatt, Menschen im Hintergrund.
Auch Berufsschüler sind von der Coronakrise betroffen. Bild: DPA | Sebastian Gollnow

Was für Gymnasiasten das Abitur ist, ist für mehr als 10.000 Auszubildende im Land Bremen die Abschlussprüfung an der Berufsschule. Auch für sie beginnt in dieser Woche der "gestufte Wiedereinstieg", den das Bremer Bildungsressort plant. Damit endet die Ruhephase für jene Auszubildende, denen wegen der Corona-Notmaßnahmen zuletzt nur noch die praktische Ausbildung im Betrieb blieb. Und selbst diese war, beispielsweise für Friseure, oft kaum möglich.

Viele müssen weiterhin zu Hause verharren. Denn zunächst werden nur jene Berufsschüler in den Klassenräumen sitzen, deren Prüfungen in den kommenden Wochen und Monaten anstehen.

Mit Vertragsende droht der Ausbildungsabbruch

Dennoch ist Eile geboten. Denn sollte es wegen des Lockdowns nicht gelingen, die Prüfungen bis Ende Juli durchzuführen, droht einigen Auszubildenden ein böses Erwachen. "Wie bei einem normalen, befristeten Arbeitsvertrag auch, endet am 31. Juli für viele das Ausbildungsverhältnis", sagt Andreas Meyer, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Bremen.

Das heißt, am 1. August würde der Auszubildende auf der Straße stehen.

Mann mittleren Alters lächelt in Kamera
Andreas Meyer, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Bremen

Die Handwerkskammer empfehle in diesen Fällen daher dringend, das Ausbildungsverhältnis um einige Wochen zu verlängern, sagt Meyer. Einen entsprechenden Antrag müssten Auszubildende und Betrieb allerdings gemeinsam stellen. So würde dann erst nach der Prüfung das Ausbildungsverhältnis enden – also beispielsweise im August oder September.

Eine zweite Alternative für den Betrieb sei es, Auszubildende zunächst als Ungelernte weiter zu beschäftigen. Die dritte Alternative sei, dass die Betroffenen ohne Abschluss dastünden. "Das wäre die schlechteste", sagt Meyer.

Ungeklärte Fragen zur Zeitplanung

Auch die Gewerkschaften warnen davor, dass Auszubildende wegen der Corona-Krise aus der regulären Ausbildung herausfallen könnten. "Die Verlängerung des Vertrags zwischen Betrieb und Azubi ist in diesem Fall bislang eine rein individuelle Vereinbarung", sagt Daniela Teppich vom DGB Bremen-Elbe-Weser. Sie hofft stattdessen auf die Umsetzung einer bundeseinheitlichen Lösung, die in diesem Fall automatisch greift.

"Vielleicht haben wir ein, zwei Gewerke, wo es zu solchen Fällen kommt", sagt Handwerkskammer-Chef Meyer. Er geht aber davon aus, dass es sich um Ausnahmen handelt. Sollte es aber doch zu Verzögerungen kommen, müsste noch einiges geklärt werden. "Dann ist auch die Frage: Spielen die Berufsschulen mit, spielen die Lehrer mit", sagt er. Auch die Frage, ob im Zweifel eine Abiturprüfung oder eine Gesellenprüfung an Berufsschulen Vorrang habe, werde derzeit erörtert.

Berufsschulen flexibler als allgemeinbildende Schulen

Insgesamt gibt es im Land Bremen rund 3.300 Auszubildende im Handwerk. Einen noch größeren Anteil machen die rund 9.000 Auszubildenden von in der Handelskammer organisierten Betrieben aus, also beispielsweise in der Gastronomie oder Hotellerie.

"Vom Grundsatz ist es so, dass wir alle versuchen, die Ausbildung jetzt aufrecht zu erhalten in irgendeiner Form", sagt Björn Reichenbach, bei der IHK zuständig für Aus- und Weiterbildung. So würden die Auszubildenden trotz des Lockdowns weiterhin mit Material versorgt und eingesetzt, wo es möglich sei.

Die Öffnung der Berufsschulen sei dabei recht flexibel. "Im Zweifel kann sich das je nach Schule unterscheiden, weil die Berufsschulen mehr Gestaltungsräume haben als allgemeinbildende Schulen", sagt Reichenbach.

Fort- und Weiterbildungen ruhen noch

Auch für die Fort- und Weiterbildung bietet die Handwerkskammer zahlreiche Prüfungen an, die derzeit auf Eis liegen – vom Industriemeister bis zur Bankfachwirtin. Nachholtermine für schriftliche Zwischen- und Abschlussprüfungen finden voraussichtlich erst wieder ab Mitte Juni statt, sagt Reichenbach.

Wir versuchen das Dilemma zu lösen, gesundheitliche und rechtliche Rahmenbedingungen einzuhalten und zugleich das berufliche Fortkommen der Menschen zu gewährleisten.

Björn Reichenbach, bei der IHK zuständig für Aus- und Weiterbildung

Um Fristen bis zum Juli zu halten, seien daher beispielsweise bereits mündliche und praktische Prüfungen vorgezogen worden.

Auch die Meisterkurse im Handwerk sind in Bremen noch nicht wieder freigegeben. "Wir hoffen, dass dies ab dem 4. Mai der Fall ist", sagt Handwerkskammer-Geschäftsführer Meyer. Die ersten Prüfungen für Meister plant die Kammer bislang Anfang Juni. Hier seien die Termine allerdings in der Regel nicht so zeitkritisch wie bei einem Lehrling oder Gesellen.

Schwaches Ausbildungsjahr erwartet

Dass sich die Corona-Pandemie auf die neuen Ausbildungsplätze im Land Bremen ab August auswirkt, ist indes absehbar. "Die Anzahl angebotener Ausbildungsplätze ist in der letzten Krise deutlich nach unten gegangen", sagt Daniela Teppich vom DGB. Und diesmal seien mehr Betriebe betroffen.

"Wir haben im Moment einen massiven Einbruch, was neue Lehrverträge anbelangt", sagt auch Handwerkskammer-Geschäftsführer Meyer. Die meisten Betriebe seien derzeit mehr mit Sofortmaßnahmen beschäftigt als mit der Frage, wie die Zukunft geplant werden könne. "Da herrscht zum Teil Endzeitstimmung", sagt Meyer, der nun auf die Zeit nach Corona hofft.

Handwerkskammer erwägt Fristverlängerung

"Realistisch muss man aber auch sagen, in vielen Gewerken wird es nicht ohne Weiteres so weitergehen wie vorher", sagt der Handelskammer-Geschäftsführer. Denn allein schon die Hygienevorschriften schränkten den Betrieb ein. "Ein Friseur, der bislang vier Stühle in seinem Salon hatte, kann künftig vielleicht nur noch drei nutzen, um die Abstände einzuhalten."

Um den Betrieben entgegenzukommen, wird derzeit bei der Handelskammer diskutiert, es Betrieben bis Jahresende zu ermöglichen, Auszubildende noch rückwirkend zum 1. August des Jahres einzustellen. Die durchschnittliche Zahl der rund 1.100 neuen Lehrverträge, die in Bremen und Bremerhaven im Jahr unterzeichnet werden, dürfte dennoch deutlich unterschritten werden, so Meyer.

Handelskammer sieht noch keinen Rückgang

Der Wahlspruch der Bremer Kaufleute über dem Portal des Haus Schütting
Corona beschäftigt derzeit auch die Handelskammer Bremen – in vielerlei Hinsicht. Bild: Handelskammer Bremen

Bei der Handelskammer gebe es zwar ähnliche Befürchtungen, sagt IHK-Ausbildungsexperte Björn Reichenbach. Die Anzahl der Vertragsauflösungen sei aber bislang nicht auffällig hoch. "Momentan bekommen wir auch noch genügend Ausbildungsverträge eingereicht. Da ist also kein akuter Einbruch zu verzeichnen."

Ein Aspekt könnte den Auszubildenden in Bremen in diesem Jahr sogar entgegenkommen. Denn die niedersächsischen Gymnasien stellen 2020 wieder von G8 auf G9 um, also vom Abitur nach 12 Jahren auf das Abitur nach 13 Jahren. Dies bedeutet, dass der niedersächsische Abiturjahrgang in diesem Jahr entfällt und damit auch die entsprechenden Bewerber. "Und rund 40 Prozent derjenigen, die in Bremen eine Ausbildung machen, kommen normalerweise aus Niedersachsen", sagt Reichenbach.

Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 27. April 2020, 23:30 Uhr