Interview

Wer schnappt sich den 100-jährigen Bremer Weinschatz?

Video vom 5. Juni 2021
Die Schatzkammer des Bremer Ratskellers. Hohe regale mit Weinflaschen gefüllt. In der mitte des Ganges steht ein Mann mit einer Flasche in der Hand.
Bild: Radio Bremen
Bild: picture alliance/dpa | Mohssen Assanimoghaddam

Eine besondere Goldbeerenauslese von 1921 aus dem Bremer Ratskeller wird an diesem Samstag versteigert. Der Ratskellermeister verrät, wie viel man dafür bieten muss und ob man so einen wertvollen Tropfen trinken sollte.

Herr Krötz, es kommt ein Niersteiner Pettental Riesling, 2. Terrasse allerfeinste Goldbeerenauslese, aus Rheinhessen aus dem Jahr 1921 unter den Hammer. Wie schmeckt ein 100-jähriger Wein?
Er schmeckt nicht so wie das junge Gemüse, das man so kennt. Er hat enorm viel Weisheit, mit Eindrücken, die ein junger Wein überhaupt nicht haben kann. Es ist eine neue Dimension, die man zu sich nimmt. Bei der Aromatik dürfte es in Richtung gelber Früchte gehen, weil es ein Riesling ist. Dazu kommen Honigtöne, Rosinennoten, Karamelltöne und auch getrocknetes Obst. Über allem lagert feinste Sherry-Aromatik. Auf der Zunge spürt man eine dezente Süße. Er trägt das Prädikat "allerfeinste Goldbeerenauslese" – vergleichbar mit dem heutigen Prädikat "Trockenbeerenauslese". Das ist die höchste Prädikatsstufe. Dieser Wein war schon in jungen Jahren ein Monument, nun im Alter hat er kaum graue Schläfen. Dafür ist er mit viel Weisheit und Geschichte behaftet.
Wein reift mit den Jahren. Wie steht´s um diesen feinen Tropfen nach zehn Dekaden?
Der Wein ist unheimlich klar. Er hat auch Weinstein, das ist aber normal und die Flasche besitzt kaum Schwund. Dadurch kam es kaum zu Oxydation, das heißt, der Wein schmeckt noch erstaunlich frisch. Süßwein wird üblicherweise in kleinen Flaschen abgefüllt. Bei der Goldbeerenauslese ist das anders. Wir haben hier eine 0,7 Liter-Flasche. In großen Gefäßen reift sie besser und wird harmonischer.
Wie viele Flaschen gibt es davon?
Es gibt nur ganz, ganz wenige. Ich habe lange überlegt, ob ich diese Flasche aussuche. Es ist als würde man ein Stück von sich selbst geben. Die Schatzkammer ist das kulturelle Gedächtnis des Bremer Rathauses. Weine aus Super-Jahrgängen wie 1921 sind besonders. Das lässt sich nicht wiederholen. Bei jeder Trockenbeerenauslese werden grundsätzlich nur kleinere Mengen gekeltert. Das ist praktisch Filigranarbeit.
Sollte man diesen Wein dann überhaupt trinken?
Deutsche Sammler brauchen Trophäen. In Deutschland bleiben die Flaschen gut versteckt beim Ersteigerer und werden den weinwürdigen Freunden stolz präsentiert. Ich habe festgestellt, dass das bei unseren ausländischen Gästen oft anders ist. Amerikaner zum Beispiel würden den Wein oft am liebsten direkt genießen. Morgen könnte ja schon alles vorbei sein. Dann hat man zumindest gewusst, wie der Wein schmeckt.
Wie sehen Sie das?
Ich rate immer dazu, dass man so eine Flasche im Kreis von ganz lieben Freunden anlässlich eines besonderen Tages genießt. Die Freude untereinander ist größer, wenn man dort mehrere Menschen glücklich macht, die dann gleichzeitig ein großartiges Weinerlebnis genießen dürfen.
Weinflasche mit dem Etikett 1921er Niersteiner Pettental
Der 1921-er Niersteiner Pettental Riesling – 2. Terrasse allerfeinste Goldbeerenauslese aus Rheinhessen kann Samstag ersteigert werden. Bild: Senatspressestelle
Was macht den Jahrgang so besonders?
1921 war geprägt von einer enormen Hitzewelle von Juni bis August. Das hat zur extremen Reife der Früchte geführt. Dazu kam ein Bilderbuch-Herbst. Die drei Wochen vor der Ernte, Mitte bis Ende Oktober, sind auch ganz entscheidend für die Reife der Trauben. In diesem Jahr hat alles gepasst. 1921 ist neben 1959 der größte Jahrgang des letzten Jahrhunderts.
Das Gebot beginnt bei 500 Euro. Was schätzen Sie, wann fällt der Hammer?
Ich schätze, dass er im vierstelligen Bereich landen wird.
Wohin fließt das Geld?
Der Erlös der Auktion kommt dem UNESCO-Welterbe "Bremer Rathaus und Roland" zu.

Autorin

  • Sophie Schwarz

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 5. Juni 2021, 19.30 Uhr