Wie Hündin Dorle einem traumatisierten Offizier in Bremerhaven hilft

Nach einem Bundeswehr-Einsatz leidet Frederik Hesse an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Erst als Assistenzhündin Dorle bei ihm einzieht, kehrt Hoffnung zurück.

Video vom 19. April 2021
Ein Mann hockt neben seiner schwarzen Labradorhündin auf einem Feldweg.
Bild: Radio Bremen | Mirjam Benecke
Bild: Radio Bremen | Mirjam Benecke

Frederik Hesse holt aus und wirft den grünen Ball den Feldweg hinauf. Die schwarze Labradorhündin Dorle rast hinterher, läuft am Ball vorbei und findet die Sträucher am Wegesrand dann doch spannender. "Ganz falsche Richtung", sagt Hesse und lacht. Bällchen holen ist nicht Dorles Stärke. Dafür kann sie aber eine ganze Reihe an Sachen, die andere Hunde nicht können. Dorle ist darauf trainiert, zu spüren, wenn es Frederik Hesse nicht gut geht.

Ich schwitze stark, bin sehr unruhig, bin auch sehr darauf bedacht, mein Umfeld im Auge zu haben, was natürlich auch sehr anstrengend ist auf Dauer.

Frederik Hesse, Kapitänleutnant

Frederik Hesse leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Er ist Kapitänleutnant bei der Bundeswehr, derzeit stationiert in Bremerhaven. Ausgelöst wurde seine Krankheit bei einem Einsatz in Südostasien. Nach einem Tsunami im Jahr 2004 leistete Hesse dort humanitäre Hilfe.

Die schlimmen Bilder haben sich ihm eingebrannt

Eine schwarze Labradorhündin läuft einen Weg entlang.
Hündin Dorle liebt lange Spaziergänge. Bild: Radio Bremen | Mirjam Benecke

Die Bilder der Zerstörung verfolgen ihn bis heute. "Das war der Moment, wo die vielen, vielen Wasserleichen angefangen haben, aufzuschwimmen", erinnert sich Hesse. "Und an Land mussten sie die Seuchengefahr in Schach halten und haben deswegen die Massengräber verbrannt. Das war ein ganz spezieller Geruch, den ich nicht mehr loswerde."

Nach dem Einsatz will Hesse lange nicht wahrhaben, dass etwas nicht stimmt. Doch die Albträume und depressiven Phasen werden schlimmer. Hesse zieht sich zurück, geht nicht mehr unter Menschen – nirgendwo fühlt er sich sicher.

Was sicherlich alle Traumatisierten haben, ist dieses fehlende Sicherheitsempfinden – überall sind Bedrohungen.

Frederik Hesse, Kapitänleutnant

Auch wenn er stark unter dem Erlebten leidet, sucht Frederik Hesse sich ganze zwölf Jahre keine Hilfe. Doch mit der Geburt seiner Tochter kommt die Wende. "Ich dachte, wenn ich es schon nicht für mich selbst tue, dann wenigstens für meine Frau und meine Tochter." Ein Militärarzt stellt bei Hesse schließlich eine posttraumatische Belastungsstörung fest. Doch Therapien helfen nur ein wenig. Erst als Hesse von speziell ausgebildeten Assistenzhunden hört, kehrt so etwas wie Hoffnung zurück.

Er wendet sich an den Verein Rehahunde Deutschland. Hier werden Hunde geschult, die speziell Soldatinnen und Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen helfen. Die Ausbildung kostet knapp 30.000 Euro. Dank der "Aktion Pfötchen", die genau für diesen Zweck Spenden sammelt, kann sich Hesse einen Assistenzhund leisten.

Erstes Treffen: Es hat sofort gepasst

Hesse erinnert sich noch gut an den Tag, an dem er Dorle zum ersten Mal trifft. Er lernt im Haus einer Trainerin ein Rudel ausgebildeter Assistenzhunde kennen. "Die Hunde machen das, was sie normalerweise auch tun, laufen durch die Gegend, legen sich hin, gucken, schnuppern", sagt Hesse. "Aber Dorle ist die ganze Zeit bei mir geblieben und hatte den Kopf auf meinem Schoß. Als hätte sie gewusst: Der braucht mich."

Eine schwarze Labradorhündin hat sich im Wohnzimmer auf dem Boden zusammengerollt. Hinter ihr sitzt ein Mann auf einem Sofa und ließt.
Wenn Frederik Hesse im Wohnzimmer liest, ist Dorle nicht weit weg. Bild: Radio Bremen | Mirjam Benecke

Während Frederik Hesse von der ersten Begegnung erzählt, sitzt er in seinem Wohnzimmer auf der Couch und schaut lächelnd auf Dorle. Die liegt vor ihm auf dem Boden – den Kopf entspannt auf den Pfoten. Trotzdem hat sie ihr Herrchen immer im Blick. Seit einem halben Jahr lebt Dorle nun bei Familie Hesse. Wenn Frederik Hesse in eine depressive Episode rutscht, spürt Dorle das sofort.

Die ist so ehrlich liebend und kümmert sich um mich. Das ist einfach toll.

Frederik Hesse, Kapitänleutnant
Ein Mann trägt einen kleinen grünen Ball und läuft neben seiner schwarzen Labradorhündin einen Feldweg entlang.
Beim Gassi gehen kann Frederik Hesse abschalten. Bild: Radio Bremen | Mirjam Benecke

"Dann vergräbt man sich ja gern auf der Couch oder sonst wo. Und das kriegt sie dann sehr zeitnah mit", erzählt Hesse. Dann komme Dorle angelaufen und stupse ihn mit der Pfote an. "Sie fängt wirklich aktiv an, mir auf den Sack zu gehen und guckt mich an mit ihren großen, dunklen Augen. Wie auch immer man das einem Hund beibringt. Aber sie macht's."

Dorle holt Frederik Hesse dann zurück ins Hier und Jetzt. Die beiden kämpfen nun zusammen gegen die Krankheit, über die Hesse eigentlich überhaupt nicht gern spricht. Vor allem, weil viele ihn nicht verstehen.

Kaum Verständnis für die Krankheit

"Engste Angehörige sagen dann so Sachen wie: Mensch, du musst dich doch einfach mal zusammenreißen, mal vor die Tür gehen", so Hesse. "Und dann denkt man sich: Dankeschön, da bin ich die letzten 15 Jahre nicht drauf gekommen. Jetzt bin ich geheilt."

Geheilt ist Hesse nicht, und wird es wohl auch nie sein, glaubt er. Trotzdem ist er froh, dass er sich geöffnet und einem Arzt anvertraut hat. Denn auch wenn es ein langer Weg war: Mit Dorle geht es ihm jetzt besser. Frederik Hesse spricht über seine Geschichte, weil er einen Wunsch hat: "Dass der ein oder andere (…) dadurch ein bisschen sensibilisiert wird. Oder eventuell ein Betroffener dazu bewegt wird, nicht so lange zu warten, wie ich es getan habe – und sich Hilfe sucht."

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Autorin

  • Mirjam Benecke Volontärin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. April 2021, 19:30 Uhr