Bremerhavener Apotheke produziert 550 Liter Desinfektionsmittel am Tag

Desinfektionsmittel ist in der Corona-Krise absolute Mangelwahre. In Bremerhaven stellt eine Apotheke die dringend benötigte Substanz mit Sondergenehmigung her – und warnt vor dem Nachahmen.

Ein Mann im weißen Kittel steht in einem Labor neben gestapelten Kanistern.
Peter Eicke und seine Kollegen stellen in ihrem Labor täglich hunderte Liter Desinfektionsmittel her.

Eigentlich muss Peter Eicke im hinteren Teil der Sander Apotheke in Bremerhaven Salben und Medikamente herstellen. Eigentlich – denn momentan ist eines noch mehr gefragt: "Im Moment geht es 99 Prozent des Tages darum, Desinfektionsmittel herzustellen und zu organisieren, dass es dahin kommt, wo es die Leute brauchen", sagt Eicke. "Und darum, dass Nachschub für die Herstellungen da ist." Der Tag reiche dafür nicht aus. In seinem Labor stehen jetzt vor allem große schwarze Kanister mit dem fertigen Desinfektionsmittel. Bis zu 550 Liter produzieren Eicke und seine Kollegen am Tag.

Lieferung aus Bremerhaven bis nach Nordrhein-Westfalen

Neben Krankenhäusern und Praxen gehe das Desinfektionsmittel an Supermärkte, Busfahrer, Taxiunternehmen oder Hilfsvereine, die für alte Leute einkaufen. Oft auch an Menschen, die in eher schlecht bezahlten Berufen arbeiten und sonst übersehen werden, sagt Eicke. "Alle die momentan vorne bei den Kunden sind, das sind die Menschen, die das jetzt brauchen. Die können sich nicht alle halbe Stunde die Hände waschen." Während die größte Menge in Bremerhaven, Bremen und dem Elbe-Weser-Dreieck abgenommen wird, gab es auch schon Lieferungen nach Nordrhein-Westfalen. "Es gibt anscheinend nicht so viele Apotheken, die die Ressourcen haben, um so etwas zu machen", glaubt Eicke.

Industrie kommt mit Produktion nicht hinterher

In eine durchsichtigen Beck
Auch die Beck's Brauerei in Bremen stellt in der Corona-Krise Desinfektionsmittel her.

Große Unternehmen kommen mit der Produktion im Moment kaum hinterher. Unter anderem deswegen müssen die Apotheken kreativ werden. Denn auch die Grundzutaten für Desinfektionsmittel sind aktuell schwer zu bekommen. Daher gebe es Schnapsbrennereien, die ihre Produktion auf entsprechend Hochprozentiges umstellen. "In normalen Zeiten dürfte ich diesen Alkohol nicht benutzen. In diesem Fall ist es jetzt mit einer Sondergenehmigung erlaubt worden." Die Beschaffung der Zutaten erfordert von Eicke und seinen Kollegen viele Telefonate quer durch Deutschland. Jeder in der Apotheke sei beteiligt – 30 Menschen, die sich auch um den Vertrieb und den Kundenkontakt kümmern.

Abfüllung von Desinfektionsmittel ist mühsamer Job

Das Herstellen von 30 Litern Desinfektionsmittel dauert laut Eicke nur etwa zehn Minuten, viel mehr Zeit verschlingt das Befüllen kleinerer Einheiten, wie 100-Milliliter-Fläschchen. "Das ist wie Mayonnaise herstellen. So lange dauert das nicht, aber ich brauche sie in irgendeiner Form zum Transportieren und Benutzen", erklärt Eicke. "Und bei uns ist das Handarbeit. Wir haben keine großen Maschinen, wie die Industrie, die 1.500 Flaschen pro Sekunde abfüllen." Das sei zwar sehr anstrengend, aber kein Vergleich zu Ärzten und Pflegepersonal, in deren Haut Eicke momentan ungern stecken würde.

Situation könnte Wochen oder Monate andauern

Und nebenbei ist die Nachfrage nach normaler Medizin auf dem gleichen Stand wie immer. Das heißt, dass die Apotheke Arbeit mit anderen Filialen umverteilen muss. Das ist wichtig, um die Versorgung aufrecht zu erhalten. Zwar gebe es viele Bereiche, die normalerweise ohne Desinfektion auskommen. Normal sind wir hygienisch moderne Menschen, sagt Eicke. "Aber jetzt ist nichts mehr normal." Wie lange das so weitergeht, kann er nicht abschätzen. "Was morgen ist, nächste oder in zwei Wochen – keine Ahnung. Es kann sein, dass ich das die nächsten drei, vier Monate weitermachen muss."

Nicht nachmachen – zu Hause reicht Händewaschen

Im Moment bleibt Eicke und seinen Kollegen nur der Appell: Normale Haushalte brauchen kein Desinfektionsmittel. "Zu Hause brauche ich Wasser und Seife. Mindestens 20 Sekunden vernünftig waschen, auch zwischen den Fingern, und nebenbei 'Alle meine Entchen' singen." Eicke warnt davor Desinfektionsmittel selber herzustellen, weil Zutaten in ausreichend hoher Qualität kaum noch zu bekommen sind. Viele Menschen würden Mittel mit dubiosen Rezepten herstellen, die am Ende gar nicht desinfizieren und nur Geld verschwenden. Und: "Damit klauen sie anderen, die das vernünftig machen, die Substanzen."

Bremer Beck’s Brauerei produziert Desinfektionsmittel

Video vom 24. März 2020
In eine durchsichtigen Beck

Autoren

  • Joschka Schmitt
  • Patrick Florenkowsky

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Morgen, 26. März 2020, 9:15 Uhr