Bürgerschaftspräsident sieht antisemitische Tendenzen in Schulen

Im Land Bremen gibt es laut Innenressort mehr judenfeindliche Straftaten. Auch wenn genaue Zahlen fehlen, warnt Bürgerschaftspräsident Christian Weber (SPD) vor wachsendem Antisemitismus.

Eine Synagoge
Herr Weber, hat Bremen ein Antisemitismusproblem?
Das ist ein Phänomen, das mittlerweile in allen großen Städten anzutreffen ist, und Bremen ist leider keine Ausnahme. Wir haben in den vergangenen Jahren viele Demonstrationen gehabt, wo antijüdische und antisemitische Plakate gezeigt wurden. Antisemitismus wird offen zum Ausdruck gebracht – auch in Schulen. Man muss in die Gesellschaft reinhorchen, warum das gerade bei Jugendlichen so relevant zugenommen hat.
Bremer Bürgerschaftspräsident Christian Weber
Der Präsident der Bremischen Bürgerschaft Christian Weber will, dass der Holocaust und die Verbrechen des Nationalsozialismus in den Schulen wieder mehr thematisiert werden.
Haben Sie dafür eine Erklärung?
Ich kann da nur spekulieren. Anscheinend haben wir in unseren Schulen keinen durchgängigen politischen und gesellschaftspolitischen Unterricht, der das Thema behandelt. Das darf man aber nicht generalisieren. Vielleicht werden auch nicht alle antisemitischen Vorfälle in Schulen an die Behörde gemeldet. Ich habe die Sorge, dass das unter der Decke sehr stark schwelt, aber nicht nach außen dringt, sodass man es in der Bürokratie wahrnimmt.

Der Unterricht findet nicht mehr so statt, wie es früher der Fall war.

Christian Weber, Präsident der Bremischen Bürgerschaft
Was hat sich aus Ihrer Sicht beim Unterrichtsthema Nazi-Diktatur geändert?
Politikunterricht ist ein Fach, das nicht mehr so stringent gegeben wird und häufig ausfällt. Das hat Auswirkungen, wenn junge Menschen über unsere Vergangenheit nicht aufgeklärt werden. Ich war der Auffassung, dass auch heute noch Klassen die Erinnerungsstätten von Konzentrationslagern wie etwa in Bergen-Belsen besuchen. Aber offenbar finden diese Fahrten kaum noch statt. Der Unterricht findet nicht mehr so statt, wie es früher der Fall war, und das bedauere ich sehr. Das Bewusstsein muss wieder breit in die Schulen und Vereine getragen und bei den Jugendlichen verankert werden. Das ist das Wesentliche, was wir machen müssen.
Machen Sie noch andere Ursachen für einen stärkeren Antisemitismus hierzulande aus?
Wir haben durch die Zuwanderung eine neue Lage. Aus den Staaten, aus denen wir Zuwanderung haben, gibt es teils eine starke Bewegung gegen den Staat Israel. Hier in Deutschland schlägt das beispielsweise bei Demonstrationen in Antisemitismus um. Aber das ist es nicht ausschließlich. Es gibt eine wahrnehmbare Tendenz, dass wir in der Bevölkerung generell einen stärkeren Antisemitismus haben. Das kann man nicht wegdiskutieren.  Diese rechten Tendenzen kann man nicht nur auf eine Gruppe fokussieren.
Was für Auswirkungen hat das auf das jüdische Leben in Bremen?
In der Bürgerschaft haben wir einen ganz engen und intensiven Austausch mit der jüdischen Gemeinde. In den Gesprächen merkt man, dass die Themen sich über die Jahre verschoben haben. Erst vor wenigen Tagen gab es in meinem Büro ein Treffen mit der jüdischen Gemeinde, den Kirchen und anderen Vertretern der Öffentlichkeit. Da wurde deutlich gemacht, welche Probleme täglich bei der jüdischen Gemeinde landen. Das Entspannte, was vor zehn oder 20 Jahren noch war, das ist nicht mehr in dem Maße gegeben.

Es gibt eine Unsicherheit bei Bremern jüdischen Glaubens.

Christian Weber, Präsident der Bremischen Bürgerschaft
Was heißt das konkret?
Es gibt eine Unsicherheit bei Bremern jüdischen Glaubens. Ein Vertreter erzählte mir, er gehe mit der Kippa auf dem Kopf nur noch zum Gottesdienst in der Gemeinde. Aber er werde sie nie mehr aufsetzen, wenn er in den Straßen von Bremen unterwegs sei. Das ist ein deutliches Zeichen, wie stark sich das verändert hat. So ist das auch in vielen anderen Städten und nicht nur in Bremen.
  • Alexander Drechsel

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 11. Februar 2017, 19:30 Uhr