Infografik

Corona-Rätsel: Wo stecken sich Bremer an – und wann reicht das Impfen?

Nach knapp zwei Monaten Lockdown sind die Zahlen hoch – wo stecken sich die Bremer an? Wann haben wir die Herdenimmunität geschafft? Ein Bremer Forscher gibt Antworten.

Eine Altenpflegerin nimmt in einem Altenwohnzentrum einen Abstrich für einen Schnelltest zur Erkennung des Coronavirus.
Noch sind die Daten zu ungewiss als das genau gesagt werden kann, wo sich die Menschen in Bremen anstecken – und wie lange es noch bis zur Herdenimmunität dauert. (Symbol Bild: DPA | Hauke-Christian Dittrich

Trotz seit mehr als zwei Monaten geltender Lockdown-Maßnahmen bleiben die Corona-Fallzahlen hoch. Erschreckend hoch. Gehen die Einschränkungen nicht weit genug oder halten sich zu viele Menschen nicht an die Regeln? Wo genau stecken sich die Betroffenen an? Und wird erst das Impfen dem ein Ende setzen? Die Suche nach Antworten gleicht Stochern im Nebel. Für fundierte Aussagen fehlen schlicht Daten. In vielen Fällen wisse man nicht, wo Infizierte sich angesteckt haben, sagte Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen der Deutschen Presse-Agentur.

Einerseits haben wir zwar weniger Kontakte, andererseits wissen wir scheinbar aber trotzdem wenig darüber, wo es gewesen sein könnte.

Hajo Zeeb, Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen

Es gebe wenig große Ausbrüche. "Von Infektionsherden kann man nicht wirklich sprechen, eher von einzelnen Kerzen." In den Lageberichten des Robert Koch-Instituts (RKI) ist von einer oft diffusen Ausbreitung von Sars-CoV-2-Infektionen in der Bevölkerung die Rede, "ohne dass Infektionsketten eindeutig nachvollziehbar sind".

Unklar wie weit Corona-Mutation in Deutschland verbreitet ist

Häufungen stünden im Zusammenhang mit Alten- und Pflegeheimen, privaten Haushalten und dem beruflichen Umfeld. Zu der hohen Inzidenz trügen aber auch viele kleinere Ausbrüche etwa in Kliniken bei.

Zeeb ist zudem unklar, wie stark die wohl ansteckendere Coronavirus-Variante B.1.1.7 in Deutschland schon verbreitet ist. Der Anteil untersuchter Proben sei viel zu gering, um Rückschlüsse darauf zu ziehen. Dass das Sinken der Neuinfektionszahlen nur sehr langsam vorankomme, könne aber ein Indiz dafür sein, dass sich das Virus an manchen Stellen verändert habe.

Die Virus-Mutation aus Großbritannien hat auch Auswirkungen auf das Impfen. Denn da es ansteckender zu sein scheint, muss der Anteil an Geimpften in der Bevölkerung steigen, um eine sogenannte Herdenimmunität erreichen zu können, erklärt der Mediziner Luka Cicin-Sain vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig.

Für eine Herdenimmunität bei Corona galt anfangs eine Durchseuchungs- oder Impfquote von 60 bis 70 Prozent als nötig. Bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur gaben etwa zwei Drittel der Deutschen an, sich gegen das Coronavirus impfen lassen zu wollen – das würde reichen.

Herdenimmunität ab rund 70 Prozent möglich

Wegen all der Unwägbarkeiten jedoch scheint dieser Wert manchen Experten zu gering. So erklärt Zeeb, dass bei der neuen Virusvariante nach den bisher vorliegenden Daten 80 Prozent der Bevölkerung immun sein müssten, "um die weitere Ausbreitung im Sinne der Herdenimmunität zu verhindern". Zeeb würde allerdings nicht ausschließlich das Ziel (kompletter) Herdenimmunität über alles stellen, erklärt er.

Wenn 60 oder 70 Prozent der Bevölkerung geschützt wären – und vor allem die Risikogruppen – würde das enormen Druck vom Gesundheitssystem und der Gesellschaft nehmen. Corona werde bleiben, aber sich in den Reigen der anderen Infektionskrankheiten einreihen, ist Zeeb überzeugt. Mit weiteren Impfungen, hoffentlich besseren Therapien und gegebenenfalls doch auch ausreichender Impfbereitschaft, wenn sich alles etwas normalisiert habe.

Impfungen und Impfquote in Bremen, Niedersachsen und Deutschland

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Große Betriebe noch auf – stecken die Menschen sich dort an?

Kaum zu beantworten ist auch die Frage, ob Lockerungen bei den Kontaktbeschränkungen über Weihnachten die Zahlen auf hohem Niveau gehalten haben. Um die Feiertage herum sei weniger getestet worden, erklärte Zeeb. Daher seien die aktuellen Zahlen auch mit Vorsicht zu beurteilen. "Ich glaube, wir werden es nie ganz genau wissen."

Positiv sei aber, dass es zumindest keinen rasanten Anstieg nach den Familienfesten gegeben habe. Anders als im Lockdown im Frühjahr hätten viele große Betriebe noch offen, nennt der Epidemiologe einen weiteren Faktor. "Das führt dazu, dass viele Menschen unterwegs sein müssen." Zugleich warnte er davor, es sich zu einfach zu machen bei Ursachensuche und Argumentation – nach dem Motto: In den Firmen und Büros sind noch Leute zusammen, also wird es das schon sein.

Weniger Menschen im Homeoffice

Zumindest einen Anteil hat das Arbeitsmiteinander aber wohl schon. Die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig sagte, es gebe noch viel weniger Menschen im Homeoffice als im Frühjahr.

Also: mehr Homeoffice und gegebenenfalls große Teile der Wirtschaft im nächsten Schritt stoppen? Dass strenge Maßnahmen helfen, die Ausbreitung des Virus deutlich zu verringern, zeigen Beispiele wie China, wo die Regierung viel rigoroser durchgreift. Ob man das mit all den damit verbundenen Folgen wolle, müsse für jeden einzelnen Fall diskutiert werden, sagte Zeeb.

Daten noch einheitlicher erheben

Klar sei aber, dass die Grundlagen für politische Entscheidungen verbessert werden müssten. "Wir können unsere Entscheidungen noch nicht gut begründen, auf Grundlage von Daten", so der Forscher. "Wir wissen nicht mal hinterher, was ausschlaggebend gewesen ist."

Weil die Pandemie auch mit der Impfung noch Monate anhalten werde, sei es wichtig, gemeinsam festzuzurren, welche Daten man erheben wolle und wie diese intelligent interpretiert werden können. Das laufe bisher viel zu lückenhaft und uneinheitlich, so Zeeb. "Positiv formuliert: Da ist noch zu viel Vielfalt im System."

Wie gehen Bremerinnen und Bremer mit der Lockdown-Verlängerung um?

Video vom 11. Januar 2021
Eine buten un binnen Zuschauerin sitzt vor der Kamera in ihrem Zuhause macht beim Meinungsmelder mit.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 12. Januar 2021, 19:30 Uhr