Gewalt im Einsatz: Mehr als 100 Kollegen unterstützen Sanitäter vor Gericht

Er half – und wurde selbst Opfer: Jetzt klagt ein Sanitäter gegen seinen Angreifer vor dem Bremer Landgericht auf Schadensersatz. Andere Einsatzkräfte standen ihm bei.

Feuerwehrleute und Sanitäter demonstrieren vor dem Landgericht gegen Gewalt gegen Einsatzkräfte

Zwei Jahre ist es her, dass ein Rettungssanitäter der Feuerwehr Bremerhaven bei einem Einsatz schwer verletzt wurde. Bis heute ist er dienstunfähig. Nun muss sich der Angreifer, der bereits zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, in einem Zivilprozess vor dem Bremer Landgericht verantworten. Denn der Sanitäter fordert von ihm Schadensersatz. Prozessstart sollte eigentlich schon im Februar sein, das Verfahren wurde jedoch vertagt: Der Beklagte war zusammengebrochen und musste medizinisch versorgt werden – vom Rettungsdienst.

Angreifer bereits zu Geldstrafe verurteilt

Der Kläger, ein Bremerhavener Rettungssanitäter, war im April 2017 im Dienst, als ein 27-Jähriger den Notruf wählte. Das Sanitäterteam versorgte den jungen Mann und trug ihn schließlich auf einer Trage in den Rettungswagen. Dort sei der Patient erst friedlich gewesen, habe sich dann aber von den Gurten einer Trage befreit und auf den Sanitäter eingetreten. Der Helfer erlitt unter anderem mehrere Rippenbrüche, heute leidet er noch unter Angstzuständen.

Angriff lag laut Anwalt des Beklagten an dessen Epilepsie

Der Anwalt des Angreifers erklärte, sein Mandant sei sehr betrunken gewesen, außerdem leide er unter starker Epilepsie. Ein Anfall könnte die Tritte ausgelöst haben. Gutachter müssen das jetzt klären.

Das Strafverfahren gegen den Angreifer wurde kurz nach der Tat im Rahmen eines Strafbefehls ohne Verhandlung abgeschlossen. Der Angeklagte wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Die Tat war nur wenige Wochen vor einer Änderung des Strafgesetzbuches geschehen. Die Änderung trat im Mai 2017 in Kraft und sieht deutlich höhere Strafen für Übergriffe auf Rettungskräfte vor. Im Fall des 27-Jährigen griff aber noch die alte Regelung.

Ich freue mich, dass zukünftig bei Gewalt gegen Einsatzkräfte das neue verschärfte Strafmaß angewendet wird und wünsche dem Einsatzbeamten eine hoffentlich schnelle Genesung.

Jörn Hoffmann, Stadtrat und Dezernent der Feuerwehr Bremerhaven

Die meisten Angriffe richten sich gegen Polizisten

Die Zahl der Angriffe auf Einsatzkräfte nimmt insgesamt zu. So gab es in der Stadt Bremen im Jahr 2017 insgesamt 781 körperliche oder verbale Angriffe auf Feuerwehrleute, Polizisten und Sanitäter. Im Vorjahr zählten die Behörden noch 92 Fälle weniger. In Bremerhaven waren es im Jahr 2017 insgesamt 152 Fälle. 2016 waren es noch 13 Anzeigen weniger. Das geht aus Zahlen hervor, die die Bremer Innenbehörde Ende vergangenen Jahres mitteilte. Für 2018 gibt es noch keine Zahlen. Doch die meisten dieser Angriffe richten sich gegen Polizisten. Laut René Dreimann, Pressesprecher der Landesgruppe Bremen der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft, gab es in den vergangenen zwei Jahren in Bremerhaven lediglich zwölf Angriffe im Rettungsdienst, in Bremen waren es in diesem Zeitraum sieben. Darunter fallen nicht nur körperliche Übergriffe, sondern auch Beleidigungen. Bei Brandeinsätzen seien die Feuerwehrkameraden in den vergangenen drei Jahren nicht angegriffen worden.

Das Landgericht in Bremen.
Am Landgericht Bremen findet der Prozess gegen den Angreifer statt. Bild: DPA | Carmen Jaspersen

Ob die Zahl der Angriffe im Rettungsdienst langfristig gestiegen ist, lässt sich laut Dreimann nicht nachvollziehen, da die Statistik erst seit 2015 geführt wird. Seine Wahrnehmung sei aber, dass der Respekt gegenüber Einsatzkräften sinke. Das bestätigen auch Stefan Zimdars, Pressesprecher der Feuerwehr Bremerhaven, und Andreas Desczka, stellvertretender Pressesprecher der Feuerwehr Bremen. Desczka hat die Erfahrung gemacht, dass vor allem Männer zwischen 16 und 30 Jahre, die unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stehen, gegenüber Rettungskräften aggressiv werden.

Sowohl bei der Feuerwehr Bremen als auch in Bremerhaven gibt es seit einigen Jahren Deeskalationsschulungen, um auf Angriffe vorbereitet zu sein. "Grundsatz ist das Erkennen einer sich entwickelnden Bedrohungslage, dann die Deeskalation, falls nicht möglich der Rückzug, aktive Abwehr nur im äußersten Fall", sagt Desczka. Erklären kann er sich das Verhalten der Täter ebenso wenig wie seine Kollegen.

150 Feuerwehrkräfte zeigen Solidarität

Die Feuerwehren Bremerhaven und Bremen haben ihre Solidarität mit dem betroffenen Mitarbeiter signalisiert. Um ein Zeichen gegen Gewalt gegen Retter zu setzen, hatten sich mehr als 100 Feuerwehrleute und andere Hilfskräfte zum Prozessbeginn vor dem Landgericht versammelt.

  • Sonja Klanke

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 15. April 2019, 19:30 Uhr