Interview

So will eine neue Bremer Anlaufstelle jungen Erwachsenen helfen

In Bremen ist jetzt das Projekt "Andocken" gestartet. Das Ziel: Jungen Erwachsenen helfen, bei denen sonst keine Maßnahmen gegriffen haben. Doch wie gelingt das?

Jugendliche mit Kapuzenpulli blickt zu Boden.
Im Auftrag des Bremer Jobcenters soll bei "Andocken" den Jugendlichen geholfen werden, die an allen anderen Stellen "durch das System gerutsch sind", so Leiter Mario Silberborth. Bild: DPA | Azucena Viloria/Imagebroker
Herr Silberborth, Sie sind Leiter vom Dock 11 hier in der Innenstadt, wo das Projekt schon seit August läuft. Jetzt ist die offizielle Eröffnung. Was darf man unter diesem Ort denn eigentlich verstehen?
In erster Linie sind wir ein Anlaufpunkt für junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren, die unter das Schlagwort "schwer zu erreichen" fallen. Das bedeutet im Grunde, dass diese Menschen bislang durch jedes sonstige System gerutscht sind, was sich ganz unterschiedlich darstellen kann. Das geht vom Jugendlichen, der noch bei seinen Eltern wohnt und keinerlei Interesse an Schule, Job oder festen Lebensumständen hat, bis hin zu psychisch Erkrankten oder eben auch Drogenabhängigen, die auf der Straße leben oder von Freunden zu Freunden ziehen. Für diese Menschen bieten wir einen Ort, zu dem sie kommen können, wo sie einfach sein können, und wo wir ihnen mit verschiedensten Sachen helfen können. Wir sind aber auch dreimal die Woche mobil mit einem Bulli unterwegs, um junge Leute auf der Straße auf uns aufmerksam zu machen.
Mario Silberborth vom Projekt Andocken vor dem Gebäude des Projekts
Mario Silberborth ist Leiter des Projekts "Andocken". Zusammen mit seinem Team will er so genannten schwer erreichbaren jungen Erwachsenen helfen, in die Gesellschaft zu finden.
Dieses Wort "schwere Erreichbarkeit", das klingt ein bisschen schwammig. Was darf man sich darunter vorstellen?
Die "schwere Erreichbarkeit" hat viele unterschiedliche Gründe. Es kommen zum Beispiel einige Migranten und Geflüchtete zu uns. Bei denen ist es häufig so, dass sie mit dem System überfordert sind. Grade die jungen Erwachsenen, die aus der Jugendhilfe kommen, wissen eben nicht, wie sie Anträge stellen, auf welche Kleinigkeiten sie zu achten haben; dieses "Anfangen" bei Wohnung, Job und Co., das klappt dann oft nicht, und das sorgt dann eben für eine Menge Frust und Verdrossenheit. Ein weiteres Problem bei vielen unserer Klienten ist diese Grundeinstellung, sich nicht vom Staat abhängig machen zu wollen. Also eine grundsätzliche Missgunst gegenüber dem System, sei es Job, Ausbildung, Wohnung, Versicherung, all diese Dinge. Und drittens muss man diesen Begriff der schweren Erreichbarkeit auch im wahrsten Sinne des Wortes verstehen: Es sind teils junge Erwachsene, die frisch in diesem Lebensstil sind, bei Freunden schlafen, zum Duschen und Waschen ins Schwimmbad gehen, sich "normal" kleiden; also eigentlich alles tun, um nicht erkannt zu werden. Aus Schamgefühl versuchen sie ihre Probleme zu vertuschen. Und diese sind schwer erreichbar, weil sie einfach schwer erkennbar sind.
Was soll das Dock 11 leisten, was die anderen Institutionen offenbar nicht schaffen?
Das fängt ganz simpel an, einfach dadurch, dass wir ein physischer Ort sind, wo die Leute hinkommen und sich aufhalten können. Wir haben Montags bis Freitags jeden Tag von 10 bis 18 Uhr geöffnet, haben hier Kaffee, Tee, Frühstück und ein paar Snacks für kleines Geld, die Leute können hier duschen und auch ihre Wäsche waschen. Ihren Namen oder irgendwelche Daten müssen sie nicht nennen, wenn sie nicht wollen. Auch wie lange sie bleiben, ob sie nur zum Ausruhen kommen oder einen Computer benutzen müssen, ob sie Fragen haben oder nicht, das ist erstmal egal. Wir wollen einfach da sein und eine Verbindung zu diesen Menschen aufbauen. Über diese Verbindung hoffen wir dann, dass wir die Leute kennenlernen können und gleichzeitig herausfinden, was denn eigentlich die Probleme sind. Und wie wir helfen können.
Wie sieht diese Hilfe konkret aus?
Es sind Dinge, die sich ganz gut unter dem Stichwort "Vereinfachung" zusammenfassen lassen. Die ganzen Behördengänge, die Anträge, die ausgefüllt werden müssen, das ist teils wirklich kompliziert und unverständlich. Ganz besonders wenn noch eine Sprachbarriere hinzukommt. Daher helfen wir Bewerbungen zu erstellen, helfen bei Schulden, schauen was man bei der Wohnsituation machen kann oder was bei der Stromrechnung fehlt, das ist wirklich sehr breit gefächert. Manchmal müssen wir aber auch jemand sein, der einfach mal zuhört.
Das Programm läuft schon seit ein paar Wochen. Wie wird es bislang angenommen?
Wir sind eigentlich ziemlich positiv überrascht. Wir werden auf jeden Fall gut angelaufen. Es sind im Schnitt so um die zehn Klienten, die am Tag bei uns reinkommen. Wir hatten davor mit deutlich weniger gerechnet, da wir mit ähnlichen Projekten in anderen Bundesländern gesprochen hatten und sich dabei die Erkenntnis breit machte, dass so ein Angebot gerade in den Anfangswochen erstmal nur sehr schwer ins Rollen kommt. Aber wir haben jetzt schon einige, die – so wie es im Idealfall sein soll – mehrmals vorbeikommen, und wo man auch eine Entwicklung sieht. Es gibt beispielsweise ein Punker-Pärchen, die waren am Anfang sehr verschlossen, wollten beim ersten Mal einfach nur einen Tee und ein bisschen Futter für ihren Hund. Mittlerweile bricht das Eis, und wir versuchen gemeinsam, einen festen Wohnsitz für die beiden zu finden.
  • Jochen Duwe

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 30. November, 19:30 Uhr