Infografik

Kampf gegen ein Tabu: So wird Bremerhavener Analphabeten geholfen

Etwa 9.000 Menschen können in Bremerhaven nicht lesen und schreiben. Darüber zu sprechen gilt als Tabu. Mit einem Pop-up-Store soll sich das nun ändern.

Drei Personen stehen an einer Buchstabentafel.
"Mutmacher" Uwe Boldt, Eike Bürkner von der Bremerhavener Fachstelle für Alphabetisierung und Manuela von Müller vom Projekt "Aufbruch" stellen den Pop-up-Store Alpha-Shop vor. Bild: Bremerhavener Fachstelle für Alphabetisierung

Trotz Schulpflicht nicht lesen und schreiben können, wie kann das sein? Analphabeten müssen dumm sein. Eike Bürkner sagt, so denken viele Menschen und verursachten bei Betroffenen Schamgefühle. Bürkner leitet die Bremerhavener Fachstelle für Alphabetisierung. "Dabei waren diejenigen vielleicht einfach zur falschen Zeit am falschen Ort, sind länger krank gewesen, haben schlechte Erfahrungen gemacht oder hatten Probleme mit Lehrern", sagt der 30-jährige Sozialwissenschaftler. "Es gibt nicht den einen Grund." Um dieses Tabu aufzubrechen und Betroffene anzusprechen, hat die Fachstelle den Alpha-Shop eingerichtet, einen viertägigen Pop-up-Store. Die Fachstelle wird durch die Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds gefördert. Sie bietet im Alpha-Shop kostenlos Beratung, Vorträge oder Ausstellungen an, aber auch kreative Ansätze, wie etwa Graffiti-Workshops.

Betroffene kennen Angebote oft nicht

Ein junger Mann mit Bart und Brille schaut in die Kamera.
Eike Bürkner ist seit 2018 Leiter der Bremerhavener Fachstelle für Alphabetisierung.

Das Angebot richtet sich nicht nur an Betroffene sondern auch deren Familien, Freunde und Kollegen. "Es gibt immer ein mitwissendes Umfeld", sagt Bürkner. "Um durchs Leben zu kommen braucht man Unterstützer, zum Beispiele Freunde oder Familie. Anträge werden dann zu Hause ausgefüllt." Doch auch die Mitwissenden würden oft die nötigen Hilfsangebote nicht kennen. Im Alpha-Shop und bei der Fachstelle gibt es einen Überblick über alle Angebote in Bremerhaven, egal ob vormittags, nachmittags, an der Volkshochschule oder beim Projekt "Aufbruch - besser lesen und schreiben". Bundesweit nutzen laut Bürkner nur ein Prozent der Betroffenen Lernangebote. "Wir glauben, dass die Hemmschwelle in einen Laden zu gehen kleiner ist, als in eine offizielle Beratungsstelle", sagt der 30-Jährige. Schließlich sei anderen unklar, warum sie hinein gingen, es gebe ja auch angeschlossene Ausstellungen.

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Tausende Bremerhavener sind Analphabeten

Die "Leo Studie" von 2018 hat ergeben, dass von 51,5 Millionen Bundesbürgern im erwerbsfähigen Alter zwischen 18 und 64 Jahren 6,2 Millionen Menschen Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben. Für mehr als 50 Prozent von ihnen ist Deutsch die Herkunftssprache, 62,3 Prozent von ihnen sind erwerbstätig. Auf die knapp 120.000 Einwohner umgerechnet, gelten in Bremerhaven 9.000 Personen als Analphabeten. "Wir können nicht ganz genau erheben, wie viele Tausend es sind", sagt Bürkner. "Aber auf jeden Fall ein paar Tausend zu viele." Ihnen wird schon länger mit niedrigschwelligen Angeboten geholfen. Das Projekt "Aufbruch" will Betroffene in den Stadtteilen direkt ansprechen. Dort gibt es zum Beispiel Lerncafés, um in Ruhe mit Buchstaben in Kontakt zu kommen, ohne sich gleich wie im Klassenzimmer zu fühlen, sagt der Sozialwissenschaftler.

Man wollte sich ja nicht die Blöße geben.

Uwe Boldt, früherer Analphabet

Einige wenige Betroffene gehen laut Bürkner an die Öffentlichkeit. Uwe Boldt ist einer von ihnen. Der 60-Jährige war bereits im Alpha-Shop zu Gast, um von seinen Erfahrungen zu berichten. "Ich bin selbst Analphabet gewesen und habe mittlerweile Lesen und Schreiben gelernt", erzählt der Hafenfacharbeiter aus Hamburg. Er mache viel Öffentlichkeitsarbeit, um Leute zu erreichen, die noch nicht den Mut gefunden hätten etwas zu ändern. In der Schule sei er von Jahr zu Jahr aus pädagogischen Gründen versetzt worden. "Heute frage ich mich: Wie konnte das gehen mit einer fünf in Deutsch?" Sein Verdacht: Die Lehrer hätten keine Lust gehabt Problemkinder zu unterstützen. Später hatte der 60-Jährige Vertrauenspersonen, die ihm beim Ausfüllen von Formularen halfen. "Man wollte sich ja nicht die Blöße geben."

Es gibt keine Probleme, es gibt nur Lösungen

Drei Personen stehen vor einer Buchstabentafel.
Uwe Boldt (rechts) leistet mit zwei seiner Kollegen vom Alfa-Mobil Aufklärungsarbeit in Sachen Analphabetismus. Bild: Alfa Mobil

Erst mit 35 Jahren ging er zu einem Träger, um Lesen und Schreiben zu lernen. Nach drei Jahren ging die Einrichtung Pleite, ein weiterer Rückschlag. "Nachdem ich neuen Mut gefasst hatte, bin ich später zur Volkshochschule gegangen", sagt Boldt. "Ich bin dort fünf, sechs Mal vorbei gelaufen, damit es bloß keiner mitbekommt." Dann vereinbarte er direkt einen Termin für den nächsten Tag und lernt seit rund 20 Jahren durchgängig. Er machte eine Lehre zum Hafenfacharbeiter und hilft inzwischen Kollegen. "Ich zeige ihnen, dass es keine Probleme gibt, nur Lösungen." Auch Betriebsräte schult er im Umgang mit Betroffenen. Sein Rezept: Man dürfe nicht mit der Brechstange vorgehen. Eher mit dem Bohrer, damit erreiche man die Leute, ohne sie zu verschrecken.

Engagierte Arbeit in Bremerhaven

Hinter einem Schaufenster hängt ein blaues Schild des Pop-up-Stores.
Der Alpha-Shop trägt als temporärer Pop-up-Store zur Belebung des Leerstandes in Bremerhaven bei. Bild: Bremerhavener Fachstelle für Alphabetisierung

Ebenfalls auf der Gästeliste des Alpha-Shops steht Tim-Thilo Fellmer. Er war ebenfalls Analphabet und ist inzwischen erfolgreicher Kinderbuchautor. Kürzlich hat er den "Alfa-Selbsthilfe Dachverband" mitgegründet, der sich bundesweit organisiert und dessen Schirmherr der Schriftsteller Sebastian Fitzek ist. "Ich habe das Gefühl in Bremerhaven wird sehr engagiert gearbeitet", sagt Fellmer. "Von dort höre ich auf Bundesebene einiges." In Bremerhaven werde durch die Fachstelle seit 2018 viel Positives bewirkt, findet auch Bürkner. Menschen berichten ihm, auf einmal mit dem Bus irgendwo hin gefahren zu sein, weil sie plötzlich den Fahrplan lesen konnten. Oder sie wüssten nun, was eigentlich in ihrer Tütensuppe ist. "Das sind Wow-Erlebnisse."

Autor

  • Joschka Schmitt

Dieses Thema im Programm: Der Tag, Bremen Zwei, 12. November 2019, 14:10 Uhr