Warum Bremens Innensenator sich mit der Glücksspielbranche anlegt

Bundesweiter Aktionstag gegen Glückspielsucht

Audio vom 29. September 2021
Eine Frau bedient spielt an einem Glücksspielautomaten (Archivbild)
Bild: Imago | teamwork/Werner Krüper
Bild: Imago | teamwork/Werner Krüper

Glücksspiel kann süchtig machen, manche Spieler verzocken ihr ganzes Leben. Innensenator Mäurer hat sich mit der Branche einen mächtigen Gegner ausgesucht.

"Meine Spielsucht hat mich an den Rand meiner Existenz getrieben. Es ist das eine, das Finanzielle, was ganz schlimm ist. Aber das Soziale ist noch viel schlimmer. Man belügt jeden seiner Menschen, den man liebt", erzählt Nicole Dreifeld. Die 33-Jährige aus Bremen-Blumenthal ist Leiterin der Selbsthilfegruppe "Gemeinsam gegen Glücksspielsucht". Bis vor fast dreieinhalb Jahren hat sie selbst gespielt.

Nicole Dreifeld war eine von geschätzt 3.500 Frauen und Männern in Bremen und Bremerhaven, die ein ernstes Problem mit Glücksspiel haben. In Niedersachsen gelten rund 45.000 Menschen als glücksspielsüchtig beziehungsweise -suchtgefährdet. Bundesweit weisen etwa eine halbe Million Menschen ein missbräuchliches oder abhängiges Glücksspielverhalten auf. Am Ende verlieren Süchtige oft alles, verzocken im wahrsten Sinne des Wortes ihr Leben. Unter den Süchten hat Glücksspiel eine der höchsten Suizid-Raten.

Bremer Innensenator fordert Werbeverbot für Glücksspiele

Das ist der Grund, weshalb Bremens Innensenator Ulrich Mäurer, SPD, sich für ein umfassendes Werbeverbot für gefährliche Glücksspiele einsetzt. Dazu zählen Sportwetten, virtuelle Automatenspiele, Online-Casinospiele und Online-Poker.

Es besteht durch Werbung die Gefahr, dass Glücksspiel als Gut des täglichen Lebens wahrgenommen wird und die großen Gefahren der Entstehung von Spielsucht verkannt werden.

Der SPD Innensenator Ulrich Mäurer im Interview.
Ulrich Mäurer, Innensenator Bremen

Innensenator Mäurer verweist auf die Werbeausgaben, die sich allein im Bereich der Sportwetten im Monat Juni 2021 auf 20 Millionen Euro beliefen. Werbung sei überall präsent und trete Hand in Hand mit dem Profisport, insbesondere dem Fußball, auf. Es entstehe der Eindruck, dass Sport und Wetten zusammengehören. Mäurer sieht eine Verschärfung des Problems, wenn voraussichtlich gegen Ende des Jahres die ersten Erlaubnisse für virtuelle Automatenspiele und Online-Poker erteilt sein werden und die Anbieter entsprechend werben dürfen. Ein Werbeverbot, so Bremens Senator für Inneres, sei unausweichlich zur Suchtprävention und -bekämpfung gemäß Staatsvertrag.

Viel mehr Steuereinnahmen als Ausgaben für Hilfe

Den größten Reibach machen die Anbieter von Glücksspielen. Aber auch der Staat verdient über Steuereinnahmen mit. Bremen übernimmt über die Bremer Toto & Lotto-Gesellschaft voraussichtlich ab dem 1.1.2022 den Spielbetrieb zweier Casinos in Bremen und Bremerhaven. Das Argument: Damit bleibe im Land Bremen ein Angebot des verantwortungsvollen Glücksspiels erhalten.

Im Jahr 2019 betrugen das Steueraufkommen und die Abgaben aus dem Bereich Glücksspiel im Land Bremen rund 37,7 Millionen Euro. Im Jahr 2020 sind die Einnahmen auf rund 32,5 Millionen zurückgegangen, weil zum Beispiel die Spielbank, aber auch Gaststätten mit Spielautomaten schließen mussten. Ohne Lockdowns dürften die Steuereinnahmen wieder steigen.

Den Einnahmen aus Steuern stehen deutlich geringere Ausgaben für Prävention und Hilfsangebote gegenüber. Bremen finanziert die Bremer Fachstellen Glücksspielsucht im Land Bremen mit 220.000 Euro pro Jahr. Dort können Betroffene und Angehörige Hilfe bekommen. Zudem forscht die Universität Bremen zu Glücksspiel und Glücksspielsucht. Die Ergebnisse sollen in einen besseren Schutz von Spielerinnen und Spielern einfließen.

Warum Menschen süchtig nach Glücksspiel werden

Tobias Hayer ist Psychologe und gehört zu den Forschern der Uni. Aus seiner Sicht setzt die Legalisierung aller möglicher Formen des Online-Glücksspiels durch den zu Anfang Juli geänderten Staatsvertrag neue Spielanreize. Damit verbunden seien entsprechende Suchtgefahren. Gewinner seien neben dem Staat durch zu erwartende Steuereinnahmen vor allem die Privatunternehmen. Deren Geschäftsmodell sei in der Regel auf Umsatzmaximierung ausgerichtet. Dass die im Vertrag verankerten Spielerschutzmaßnahmen wirklich greifen, bezweifelt der Wissenschaftler.

So ein Staatsvertrag ist immer eine Kompromisslösung zwischen 16 Bundesländern. Mit dem Staatsvertrag wurden alle möglichen Formen des Online-Glücksspiels legalisiert.

Tobias Hayer vom Institut für Psychologie und Kognitionsforschung der Universität Bremen
Tobias Hayer, Glücksspielforscher Uni Bremen

Laut Tobias Hayer gibt es verschiedene Risikofaktoren glücksspielsüchtig zu werden. Menschen unterscheiden sich demnach hinsichtlich ihrer genetischen Ausstattung. Auf der Persönlichkeitsebene spielen Faktoren wie Impulsivität eine Rolle. Jemand, der immer sofort auf Belohnung oder Befriedigung aus ist, sei suchtgefährdeter. Auch ein unangemessener Umgang mit Stress ist laut Hayer ein weiterer Risikofaktor. Zur Flasche Wodka zu greifen oder zu zocken, sei der falsche Weg. Darüber hinaus, so der Bremer Glücksspielforscher, spielen Umweltfaktoren eine Rolle. Dazu zähle die ständige Bombardierung mit Werbung. Darauf könnten zumindest einige Personen anspringen. "Und schon ist der Einstieg in die Welt des Glücksspiels geebnet."

Die Sucht als Flucht vor Problemen bleibt ein Leben lang

Für Nicole Dreifeld aus Bremen war das Spielen eine Flucht. Sie habe sich nicht geliebt und nicht anerkannt gefühlt. "Ich habe das Gefühl gehabt, egal, an welcher Baustelle ich gerade arbeite, ob es beruflich oder privat war, alles, was ich tue, ist nie genug." Aber die Probleme seien zurückgekommen – spätestens als ihr klar wurde, dass sie gerade den gesamten Monatslohn verzockt hat. "Und dann fühlt man sich noch schlechter."

Aufgehört hat sie ihrer Mutter und ihrer Kinder zuliebe. Aber auch für sich selbst – und das sei ganz wichtig, sagt sie. Gleichwohl bestehe immer eine Rückfallgefahr; sie bleibe ein Leben lang süchtig. Aber, so Nicole Dreifeld, man könne lernen damit umzugehen und Lösungen zu finden, wenn es Situationen gibt, in denen die Sucht sagt, sie solle ihr Glück doch mal wieder am Automaten versuchen. Seit dem 18. Mai 2018 zählt sie jeden einzelnen spielfreien Tag – und wolle nie wieder bei Null anfangen. "Ich möchte ein spielfreies Leben, weil es so viel schöner ist ohne Lügen."

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Autor

  • Sven Weingärtner Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Morgen, 29. September 2021, 7:40 Uhr