Bremer Abiturienten wollen für bessere Noten auf die Straße gehen

Die Gesamtschüler*innen-Vertretung Bremen fordert, dass die Abiturprüfungen nur gewertet werden, wenn sich die Noten dadurch verbessern. Dafür wollen Schüler demonstrieren.

Abiturienten sitzen während einer Prüfung in einer Turnhalle.
Die Gesamtschülervertretung Bremen ist der Ansicht, dass die diesjährigen Prüfungsbedingungen für viele Abiturienten einen Nachteil bedeuteten. (Symbolbild) Bild: DPA | Felix Kästle

Die Abiturprüfungen sind geschrieben. Doch noch immer kämpfen Abiturienten in Bremen dafür, dass das diesjährige Abitur anders gewertet wird, als in den vergangenen Jahren. Viele Abiturienten fühlen sich wegen der Corona-Krise benachteiligt. Bedingt durch die Corona-Krise konnte kurz vor den Prüfungen kein Unterricht mehr stattfinden. "Die ohnehin schon bestehenden Disparitäten unseres Bildungssystems wurden durch die Pandemie noch verstärkt", heißt es in einem Schreiben der Gesamtschüler*innen-Vertretung Bremen (GSV Bremen).

Deshalb hat die GSV eine Petition gestartet und für heute zu einer Demonstration aufgerufen. Um 15 Uhr wollen sich die Schüler am Hauptbahnhof treffen.

Ähnliche Aktionen finden heute in Berlin und Lübeck statt. Die Schüler fordern, dass die abgelegten Prüfungen nur dann gewertet werden, wenn sie den Durchschnitt verbessern. "Das Bildungssystem ist auch unabhängig von der Corona-Krise nicht fair, da das soziale Umfeld nicht beachtet wird. Aktuell hat sich die Situation noch mehr zugespitzt", erklärt GSV-Mitglied Marlene Heldmann. Manche Schüler hätten kein eigenes Zimmer, nur langsames Internet oder kaum Unterstützung durch die Eltern. Das habe die Prüfungsvorbereitungen für den Abschluss zusätzlich erschwert.

"Wir sind sehr unzufrieden", erklärt die Abiturientin. Auch der zweite Termin, der den Schülern angeboten wurde, sei keine adäquate Lösung gewesen. "Die Prüfungen waren beim zweiten Termin viel enger getaktet und Lehrer durften nach dem ersten Termin keinen Kontakt mehr zu den Schülerinnen und Schülern aufnehmen."

Dezentrales Abitur in 2021?

Auch Christine Meyer*, Lehrerin eines Gymnasiums im Westen Bremens, sieht die Schüler massiv benachteiligt. "Das Ergebnis wird man vor allen Dingen bei den Schülern sehen, die nächstes Jahr ihr Abitur machen", meint sie. 2021 halte sie ein dezentrales Abitur für die fairste Lösung. "Manche haben nur ein Smartphone und keinen Laptop, ich kenne sogar einen Schüler, bei dem es nicht mal das gab." Lernforschungen wie die von John Hattie belegten zudem, dass digitales Lernen nichts bringt. "Viele haben nur die digitale Entwicklung im Blick. Aber ich glaube, dass auch der Ort Schule zum Lernen gebraucht wird", sagt Meyer.

Wir müssen die Gesichter unserer Schüler sehen.

Christine Meyer*, Lehrerin eines Gymnasiums im Westen Bremens

Dazu kämen weitere Probleme, wenn es zum Beispiel keinen ruhigen Ort in der Wohnung gebe oder die Schüler ihre Geschwister betreuten. "Viele haben auch von Spannungen in der Familie erzählt – normalerweise wären sie dann in die Bibliothek zum Lernen gegangen, aber das ging ja nicht." Meistens informierten die Schüler sie erst Wochen später über Schwierigkeiten beim Lernen. "Viele erzählen nicht gerne von dieser Situation. Sie haben Angst, dass sie abgewertet werden. Wer stellt sich schon gerne hin und sagt: Meine Familie hat wenig Geld und bei uns zu Hause gibt es ständig Stress", sagt sie.

Durch die Corona-Krise verstärke sich die eh schon vorhandene Bildungsungerechtigkeit. "Für einen kleinen Prozentsatz – diejenigen, die vermutlich eh ein gutes Abitur geschrieben hätten - ist der Unterrichtsausfall und die damit zusätzlich vorhandene Lernzeit für die Prüfungsfächer von Vorteil."

Nicht alle Schüler sind unzufrieden

So schätzt auch Deborah Schaffrath die Situation ein. "Ich habe alle Prüfungen geschrieben und ein sehr gutes Gefühl", erzählt die Abiturientin. Durch die schulfreie Zeit habe sie sich noch besser auf ihre Prüfungsfächer konzentrieren können. Der zweite Prüfungstermin sei für sie ausgeschlossen gewesen, da sie schon im Januar begonnen hatte zu lernen. "Dann hätte ich zu lange unter diesem Prüfungsdruck gestanden. Das hätte ich nicht ausgehalten."

Ihre Lehrer habe sie per Mail kontaktieren können. "Ich hatte echt Glück. Teilweise bekam ich die Antwort nach wenigen Minuten, andere mussten tagelang hinterherfragen", erzählt die Schülerin der Freien Evangelischen Bekenntnisschule in Bremen-Habenhausen. Sie hält die Forderungen des Gesamtschülervertretung für nicht sinnvoll. "Im Vergleich mit den anderen Bundesländern ist das Bremer Abi eh schon weniger wert, ich fürchte, dass es dadurch noch mehr abgeschwächt würde."

Abi-Prüfungen in Bremen finden trotz Corona statt

Video vom 31. März 2020
Bildungssenatorin Claudia Bogedan und Bürgermeister Andres Bovenschulte in einer Senatspressekonferenz.

Autorin

  • Johanna Ewald

Dieses Thema im Programm: Bremen NEXT, 5. Juni 2020, 15.20 Uhr