Infografik

Ärzte unter Druck: "Man ist am Limit und es kommt noch was obendrauf"

Zu viele Patienten, zu wenig Personal, Orga-Stress: Die Klinikärzte sind am Limit, Besserung ist nicht in Sicht. Ein Besuch in einer Bremerhavener Notaufnahme.

Ärzte am Limit: Besuch in der Bremerhavener Notaufnahme

Audio vom 17. Februar 2020
Zwei Ärzte in einem Krankenhauszimmer
Bild: Radio Bremen | Leonard Steinbeck

60 Prozent der Ärztinnen und Ärzte in deutschen Krankenhäusern sind überlastet. Das geht aus einer Befragung des Marburger Bundes hervor, der Gewerkschaft der Klinikärzte. Demnach denken sogar 20 Prozent der befragten Ärzte offen über einen Jobwechsel nach. Die Gründe dafür: Zu viel Zeitdruck, zu viele Probleme in alltäglichen Arbeitsabläufen und viel zu viele Überstunden.

Ärzte, die offen und ehrlich sagen: "Diese Probleme kennen wir" arbeiten auch im Land Bremen, zum Beispiel im Klinikum Reinkenheide in Bremerhaven. "Die Arbeitsbelastung ist extrem hoch", bestätigt Internist Achilles Nitzsche: "Da, wo man gerade denkt, dass man komplett am Limit ist, kommt nochmal oben etwas drauf. Es ist echt schwierig, das in diesem Tempo bis zum Ende durchzuhalten."

Zwei Ärzte in einem Krankenhauszimmer
Internist Achilles Nitzsche und Chefarzt Jörg Fierlings Bild: Radio Bremen | Leonard Steinbeck

Nitsche arbeitet unter anderem dort, wo es besonders dramatisch pulsiert: in der zentralen Notaufnahme des kommunalen Bremerhavener Großklinikums. Über 100 Patienten werden hier jeden Tag behandelt, während einer normalen Schicht von sieben oder acht Ärzten.  

"Stressig wird es schon, wenn man als einzelner Arzt zwei kritisch kranke Patienten versorgen muss. Da muss man dann sehen: Was ist wichtiger? Das heißt: Effektiv arbeiten und die Ressourcen, die einem zu Verfügung stehen, sinnvoll nutzen." Für maximal  22.000 Patienten pro Jahr sei die Notaufnahme des Klinikums ausgelegt. Seit vielen Jahren seien es jedoch deutlich mehr, 2019 beispielsweise über 38.000.  

Ärzte im Frust

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Gefragt wurde: Wie oft sind Sie frustriert, weil Sie die Patienten nicht nach Ihren eigenen Ansprüchen behandeln können?

Stress, wo kein Platz für Stress ist

Für Internist Nitzsche bedeutet das Stress an einem Ort, an dem für Stress eigentlich kein Platz ist. Rund 60-mal klingelt während seiner Schicht sein Telefon. Bei der Frage, ob er sein Telefon gerne mal aus dem Fenster werfen würde, muss er nicht lange überlegen: "Ja", sagt er – und lacht dabei. Den Humor verliert er während seiner Arbeit nicht. Das wissen auch die Patienten in der angespannten Situation im Behandlungsraum zu schätzen. Nichts desto trotz bemerken auch sie den Stress der Ärzte.

Wenn ich sehe, wie die hier hin und her hetzen und dann auch noch den Patienten gerecht werden, das ist schon anstrengend

Eine Patientin mit Vorhofflimmern

Eine Mehrheit der vom Marburger Bund befragten Ärzte geben an, dass die Qualität ihrer Arbeit unter dem alltäglichen Stress leide. Internist Achilles Nitzsche merkt das zum Beispiel immer dann, wenn er sich um Betten für seine Patienten kümmern muss. Denn auch das sei die Aufgabe von Fachärzten – obwohl Nitzsche dafür eigentlich kein Verständnis hat. "Ganz ehrlich: Ich würde meine Zeit viel lieber damit verbringen, Patienten zu versorgen, anstatt mich um Betten zu kümmern und dort hinterher zu telefonieren. Weil das in meinen Augen primär keine ärztliche Aufgabe ist."

Ärzte unter Zeitdruck

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Gefragt wurde: Wie oft stehen Sie unter Zeitdruck?

Nitzsche nennt für den alltäglichen Stress vor allem zwei Ursachen: Erstens spüre er den demographischen Wandel. Darum gebe es immer mehr ältere Menschen, die gepflegt werden müssen. Trotzdem gebe es nicht automatisch mehr Pfleger und Ärzte. Zweitens würde es für Patienten immer schwieriger werden, einen Termin beim Fach- oder Hausarzt zu bekommen. Deshalb würden sich viele Patienten direkt auf den Weg ins Krankenhaus machen. Und das lasse sich auch im Klinikum Reinkenheide spüren.

Ob sich diese Probleme in absehbarer Zeit lösen lassen, bleibt ungewiss. Ein Jahr habe man gebraucht, um zwei offene Arzt-Stellen zu besetzen, klagt Jörg Fierlings, Chefarzt in der Bremerhavener Klinik. Um Pflegepersonal zu finden, sei man jetzt sogar auf den Philippinen gewesen, um dort neue Leute für Bremerhaven zu gewinnen.

Rückblick Dezember 2019: Wie ein Computerprogramm Wartezeiten in der Notaufnahme optimiert

Video vom 21. Dezember 2019
Die Notfallversorgung im St-Josef-Krankenhaus mit wartenden Patienten.
Bild: Radio Bremen

Autoren

  • Leonard Steinbeck
  • Boris Hellmers

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Die Vier am Morgen, 13. Februar 2020, 7.50 Uhr