Interview

Darum schreiben Bremer Abiturienten immer öfter Einser-Abis

An Bremer Schulen schließen immer mehr Schüler ihr Abitur mit Einser-Schnitt ab. Das ist ein deutschlandweiter Trend. Sind die Abiturienten schlauer geworden? Bildungsexperte Klaus Hurrelmann klärt auf.

Schüler lesen in der Sporthalle ihres Gymnasiums die Aufgabenstellung ihrer Abiturklausur.
Schüler werden nicht schlauer – aber cleverer. Bild: DPA | Tobias Kleinschmidt
Herr Hurrelmann, werden die Abiturienten immer schlauer?
Nein, sie werden nicht immer schlauer. Aber sie werden immer cleverer und bereiten sich besser auf die Prüfungen vor, weil das Ganze transparenter und berechenbarer ist. Man darf auch das Verhältnis der Schülerinnen und Schüler zu ihren Lehrkräften nicht übersehen. Das ist heute ja sehr gut. Die Lehrerinnen und Lehrer sind sehr engagiert. Sie sind den jungen Leuten sehr zugewandt. Da ist ja keine Spannung, keine autoritäre Ablehnung mehr an keiner gymnasialen Oberstufe. Im Gegenteil: Die Lehrerinnen und Lehrer haben alle ein Interesse, dass ihre Schülerinnen und Schüler super abschneiden. Das kommt sicherlich noch als psychologischer Faktor dazu.

Also insgesamt eigentlich eine sehr positive Entwicklung. Aber das Notensystem muss dringend neu durchdacht werden. Es muss wieder differenzieren, so dass man Unterscheidungen machen kann zwischen den sehr guten, den guten, den mittelguten, den nicht so guten und den schlechten Schülern. Und dass man bei den begehrten Studiengängen auch wieder klare Zugangskriterien hat, die nicht nur in Bruchstellen hinter dem Komma scheinbare Unterschiede abbilden.
Inwiefern?
Das sogenannte Zentral-Abitur vereinheitlicht die Prüfungen. Fast alle Bundesländer haben sich dem angeschlossen. Die Idee dahinter ist sehr gut. Es gibt einen großen Pool von Fragen, aus dem die Prüfungen gespeist werden. Man möchte damit erreichen, dass das Niveau der Prüfungen in den verschiedenen Bundesländern gleich ist. Damit sollen sich die Noten, die ja von sehr großer Bedeutung für den Studienplatz sind, angleichen. Was man aber dabei nicht bedacht hat: Die Berechenbarkeit der Prüfungen wird hierdurch höher.
Das heißt dann aber nicht, dass die Schulen besser bewerten, oder? Der Deutsche Hochschulbund spricht immerhin mittlerweile schon von einer "Noteninflation".
Doch, am Ende benoten die Schulen tatsächlich besser. Ich finde, die Entwicklung auch nicht gut. Wenn ein Notenspektrum, das offiziell von Eins bis Sechs läuft, wenn das nicht voll ausgeschöpft wird, dann stimmt etwas nicht. Dann bildet es auch nicht die Unterschiede ab. Bald sind wir so weit und unterscheiden nur noch zwischen 1,1 und 1,9. Die Länder müssen jetzt tatsächlich darüber nachdenken, wie wir wieder zurück zu einer besseren Verteilung der Noten kommen.
Bedient sich eigentlich auch Bremen aus dem zentralen Aufgaben-Pool?
Soweit ich weiß, ja. Wobei das nicht bedeutet, dass bundesweit die gleichen Fragen gestellt werden. Die Länder können sich ihre Fragen aus dem Katalog zusammenstellen.
  • Cengiz Tarhan

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Vier bis Acht, 16.09.2019, 16:15 Uhr