Zeugnisübergabe im Autokino: Bremerhavens ungewöhnliches Abi-Fest

Hupkonzert statt Applaus, die Rede des Direktors übers Autoradio: Die Absolventen des Schulzentrums Carl von Ossietzky erlebten gestern eine einmalige Abschlussfeier.

Eine junge Frau sitzt auf einem Auto und posiert mit Absolventenhut für die Kamera
Diese Abschlussfeier werden die Abiturienten des Schulzentrums Carl von Ossietzky wohl nicht so schnell vergessen. Bild: Radio Bremen | Janine Horsch

Die Autoschlange erinnert an den Drive-in einer Fast-Food-Kette mit besonders hoher Nachfrage. Hier gibt es aber keine Hamburger oder Pommes, sondern etwas fürs Leben, für die Ewigkeit. Schick zurechtgemacht in Ballkleidern und Anzügen sitzen die Abiturienten des Schulzentrums Carl von Ossietzky in den Autos ihrer Eltern. Heute gibt es Abiturzeugnisse to go – ohne Handschlag der Lehrkräfte, ohne Schulterklopfen des Schulleiters. Ingo Beck hält aber eine feierliche Rede. Die Absolventen seiner Schule hören sie übers Autoradio, Frequenz 88.8.

Das hätte ich nie gedacht. Wenn einer vor einem Jahr gesagt hätte: Du stehst da im Autokino, guckst ein bisschen in die Livestream-Kamera und erzählst was zu Autos und Menschen, die da drin verweilen. Da hätte ich gedacht: Ja klar, aus welchem Science-Fiction-Film kommst du denn?

Ingo Beck, Leiter des Schulzentrums Carl von Ossietzky in Bremerhaven

Die Vorbereitungen für den Abi-Abschluss waren in vollem Gange, als plötzlich die Pandemie alle Planungen zum Erliegen brachte. Schuldirektor Beck erzählt davon, wie Waffeln verkauft werden sollten für die Finanzierung der Abifeier. Der Waffelteig stand schon bereit. Und dann kam Corona. "Der Teig blieb in der Cafeteria. Ich habe dann mit Nasenklammer im Mai mit dem Hausmeister die weglaufenden Reste beseitigt. Und das war für mich noch mal so ein krönendes Beispiel dafür zu sehen, wie abrupt das Ganze gegangen ist."

Motto-Woche, Partys, Abschlussfahrt – all das konnte dieser Jahrgang nicht erleben. Corona hat die Abizeit stark beeinträchtigt – sowohl beim Lernen als auch beim Feiern. Um nicht auch auf die feierliche Zeugnisausgabe verzichten zu müssen, kam die Idee mit dem Autokino ins Spiel.

Ein ungewöhnliches Geschenk zum Abschluss

Ein Fotograf fotografiert ein Auto.
Einen Fotografen gab es natürlich auch. Die Bilder sehen allerdings anders aus als die klassischen Familienporträts zu solchen Anlässen. Bild: Radio Bremen | Janine Horsch

Familie Fährkamp aus Beverstedt sitzt eng an eng im Fünfsitzer, stolz und gut gelaunt trotz der widrigen Umstände. Zum Anstoßen hat die Familie Sekt dabei. Tochter Fenja hat es geschafft: Ihr Abiturzeugnis holt sie sich gleich auf der Bühne ab. Mit Abstand, ohne persönliche Übergabe nimmt sie es sich von einem Tisch.

Es ist schon komisch, so durch die Scheibe mit den anderen zu kommunizieren, wenn man weiß, dass man sonst immer neben denen gesessen hat und sich tagtäglich berührt hat.

Fenja Fährkamp, Abiturientin

164 Abiturientinnen und Abiturienten bilden nun eine Schlange. Natürlich immer mit mindestens anderthalb Meter Abstand zum Vorder- und Hintermann. Nacheinander nehmen sie sich ihre Zeugnisse vom Tisch auf der Bühne. Zur ungewöhnlichen Situation gibt es auch ein ungewöhnliches Geschenk: eine Maske mit dem Aufdruck "Abi 2020“. Die Schulband spielt, aber nicht live: ein Video, keine Bühnen-Performance. Statt Applaus gibt es ein Hupkonzert.

Ohne Corona würden sie nun alle zusammenstehen und miteinander anstoßen. Jetzt war gerade das Ordnungsamt da und hat kontrolliert, ob das Hygienekonzept auch eingehalten wird.

Auslandsaufenthalt fällt ins Wasser

Jeder ist heute für sich ein bisschen sentimental. Jetzt beginnt er also, dieser neue Lebensabschnitt. Studium, Ausbildung – aber wann das alles losgeht und unter welchen Umständen, ist bei vielen noch ungewiss. Fenja musste schon vor ihrem Abitur auf Plan B zurückgreifen.

Geplant war eigentlich ein Auslandsjahr, was durch Corona jetzt leider nicht geht. Aber ich mache jetzt eine Ausbildung. Es tut zwar schon irgendwo weh, weil es ein Traum war, aber es ist okay. Das kann man ja immer noch machen. Man ist ja noch jung und hat noch viel Zeit.

Fenja Fährkamp, Abiturientin

Wenn sie eines gelernt haben, dann ist es Improvisation. Not macht erfinderisch, sagt man. Diese Corona-Notlösung, die Zeugnisverleihung im Autokino abzuhalten, werden die Absolventinnen und Absolventen wohl immer in besonderer Erinnerung behalten.

Rückblick: Abi trotz Corona – Das steht Bremer Abschlussklassen bevor

Video vom 16. April 2020
Ein Mann, der mit einem rot-weiß gestreiften Klebeband ein Klassenzimmerboden beklebt als Vorbereitung für Abiturprüfungen.
Bild: Radio Bremen

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Autoren

  • Janine Horsch
  • Sonja Harbers

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Vormittag, 15. Juli 2020, 10:10 Uhr