Abitur auf Abstand: Das ist in Bremen beim Abi 2020 anders als sonst

Heute starten für viele Schüler im Land Bremen die schriftlichen Abiturprüfungen. Das bedeutet in Zeiten von Corona einen Sicherheitsaufwand wie noch nie.

Eine Hand schreibt das Wort Abitur an eine Tafel.
Abitur 2020: So bewacht waren Prüfungen noch nie wie nun in Zeiten von Corona. Bild: Imago | Photocase

Wenn diese Woche für einen Großteil der knapp 2.900 Schülerinnen und Schüler im Land Bremen die ersten Abiturprüfungen beginnen, dann mit wesentlich mehr Personal und höheren Sicherheitsvorkehrungen als jemals zuvor. Das beginnt schon bei der Ankunft an der Schule: Bereits vor der Schule wird darauf geachtet, dass beim Abstellen der Räder zwei Meter Abstand gehalten wird.

Für alle Schulen gelten in Absprache mit dem Gesundheitsamt strikte Regeln: Zwischen den Tischen müssen zwei Meter Abstand sein und pro Klassenraum sind maximal zehn Schüler erlaubt. Jede Stunde muss für 5 bis 10 Minuten durchgelüftet werden. Und natürlich ist regelmäßige Desinfektion von Tischen, Tür- und Fenstergriffen wie auch Händen obligatorisch.

Kritik von vielen Seiten

Andreas Rabenstein, Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Bremen sieht die Prüfungen unter diesen Bedingungen sehr kritisch. Lehrer und Schüler seien gesundheitlichen Risiken ausgesetzt, weil nicht überprüft werden könne, ob alle Hygienemaßnahmen auch zu 100 Prozent eingehalten werden können. Zum Beispiel müsste nach jedem Toilettengang die Toilette desinfiziert werden. 

Laut Claudia Potthoff, Leiterin der gymnasialen Oberstufe der Oberschule Findorff, machen sich auch einige ihrer Schülerinnen und Schüler Sorgen. Sie haben Angst, sich bei der Prüfung das Corona-Virus einzufangen. Das bestätigt auch die Gesamtschülervertreterin Isabella Piras: Dass die Prüfungen stattfinden, sei zwar scheinbar unvermeidbar, sie hält sie aber in Zeiten von Corona eigentlich für unzumutbar. Viele Schülerinnen und Schüler seien empört über die Bedingungen, so Piras.

Die meisten Schülerinnen und Schüler konnten sich dieses Jahr zwischen zwei Prüfungszeitfenstern entscheiden: entweder ab heute oder ab dem 12. Mai. In der Stadt Bremen haben sich gut 60 Prozent für die Prüfungen im April entschieden, in Bremerhaven dagegen die Mehrheit der 580 Prüflinge für den zweiten Termin im Mai. Andreas Rabenstein von der GEW sieht die beiden Prüfungstermine kritisch.

Das ist doppelter und dreifacher Aufwand für die Lehrerinnen und Lehrer.

Andreas Rabenstein, GEW Bremen

Die Bildungsbehörde bekundet großes Verständnis für Schülerschaft wie Personal. Ressortsprecherin Annette Kemp verteidigt aber die Entscheidung, an Prüfungen festzuhalten: "Wir sind sicher, den richtigen Weg gegangen zu sein und mit dem zweiten Termin sind wir all den Schülerinnen und Schülern entgegen gekommen, die sich mehr individuelle Zeit gewünscht haben."

 Vorbereitungen im Ausnahmezustand

Der Abiturjahrgang 2020 hatte bereits einen denkbar schlechten Start in die Prüfungsphase: Wegen der Corona-Krise wurde der Unterricht in den Schulen seit Mitte März eingestellt. Ein Austausch mit den Lehrerinnen und Lehrern war nur virtuell per Videotelefonie und E-Mail möglich. Vor allem über die Lern-Plattform "It's Learning" haben sie den Lernstoff ausgetauscht. Das sei relativ unproblematisch gewesen, allerdings sehr arbeitsaufwendig und zeitintensiv, so Lehrerin Claudia Potthoff.  Da jedoch der nötige Lernstoff bereits vor dem Schulausfall komplett durchgenommen worden sei, ist Potthoff zuversichtlich, dass die Schülerinnen und Schüler auf die Abi-Prüfungen gut vorbereitet sind.

Dem widerspricht Gesamtschülervertreterin Isabella Piras. Es gebe Schülerinnen und Schüler, die unter den belastenden Vorbereitungs-Bedingungen zuhause gelitten hätten und sich nicht optimal vorbereitet fühlen. Davon geht auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft aus. Von einer Vergleichbarkeit des Abiturs könne keine Rede sein, da die Schülerinnen und Schüler unterschiedliche Lernvoraussetzungen zuhause gehabt hätten. Außerdem sei die Konzentration auf den Lernstoff erschwert, da zu dem üblichen Prüfungsstress der psychische Druck aufgrund der Ausnahmesituation hinzu käme.

Spaßbefreites Ende der Schulzeit

Üblicherweise ist das Ende der Schulzeit für Abiturienten von besonderen Ritualen geprägt – die nun aufgrund der Corona-Krise ebenfalls entfallen. Die übliche Mottowoche an den Bremer Schulen wurde abgesagt. Die findet in der Regel immer in der letzten Schulwoche vor den Osterferien statt. Und auch ob feierliche Zeugnisübergaben und Abifeiern stattfinden können, hängt von der Entwicklung der Corona-Krise ab, bestätigt Annette Kemp, Pressesprecherin der Bildungsbehörde. 

Ob gefeiert werden darf, kann heute noch keiner sagen. Wir leben in einer Krisenzeit, in der auf Sicht gefahren werden muss – leider. Das haben wir uns sicherlich alle anders gewünscht.

Annette Kemp, Sprecherin der Bildungsbehörde

Autorin

  • Necla Süre

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, 22. April 2020, 7:10 Uhr