Interview

"Ein großer seelischer Schmerz": Was Geflüchtete in Bremen brauchen

Auf eine blau-gelb gestrichene Wand sind die Schatten-Silhouetten einer Frau mit zwei Kindern gemalt.
Ukrainerinen, die mit ihren Kindern in Bremen und Bremerhaven leben, vermissen ihre Partner und Angehörigen. (Symbolbild) Bild: DPA | Zoonar/DesignIt

Schock, Verlust, sozialer Abstieg: Das beschäftigt Geflüchtete jahrelang, sagt Therapeutin Danja Schönhöfer. Warum manche lieber in den Krieg zurückgehen und was ihnen hier hilft.

Tausende Ukrainerinnen und Ukrainer sind seit Beginn des Angriffskriegs Russlands nach Bremen und Bremerhaven geflohen, einige sind schon seit drei Monaten im Land. Hier sind sie sicher vor den Bomben und der Gewalt russischer Soldaten. Gut geht es ihnen deshalb aber nicht. Viele wollen sogar trotz der Gefahr zurück oder sind schon zurückgekehrt.

Was Geflüchtete umtreibt, dass sie wohlwissend ein Risiko eingehen und was ihnen im Ausland helfen kann, darüber haben wir mit Danja Schönhöfer gesprochen. Sie leitet das Behandlungszentrum des Psychosozialen Zentrums von Refugio. Der Verein bietet Geflüchteten Einzelgespräche und Gruppen an mit dem Ziel, sie zu entlasten und Perspektiven zu finden.

Frau Schönhöfer, mit welchem Themen kommen Geflüchtete aus der Ukraine zu Ihnen?
Die Menschen, die jetzt zu uns kommen, sind eher die, die relativ früh geflohen sind. Es geht auch um traumatische Kriegserfahrungen, aber das ist nicht der Fokus. Das waren oft eher kurze Impressionen, die bei Einreise zu einem Zustand von Schock und Akutbelastung führten, die aber in der Regel hier in geordneteren Verhältnissen oder unter dem Eindruck, hier erst mal sicher zu sein, auch verblassen. Nach einer Phase der akuten Belastung kommt erst mal eine Phase, in der sich die Menschen wieder neu sortieren und dann zeigt sich, ob sich eine chronische Belastung entwickelt, zum Beispiel in Form einer posttraumatischen Belastungsstörung oder auch nicht.

Wovor die Menschen aber nicht geschützt sind, ist die Situation, hier zu sein und nach und nach zu realisieren, was sie alles verloren haben.

Danja Schönhöfer, Leiterin Behandlungszentrum Refugio Bremen
Und welche Beobachtungen machen Sie da? Haben sich die Menschen, die früh geflohen sind, gut geschützt?
Vor diesen unmittelbaren Gewalterfahrungen haben sie sich erst einmal geschützt. Wovor die Menschen aber nicht geschützt sind, ist die Situation, hier zu sein und nach und nach zu realisieren, was sie alles verloren haben. Das ist ein Unterschied zu Geflüchteten aus Ländern, die schon vor der Flucht alles verloren haben und oft einen jahrelangen Verfolgungsweg hinter sich haben.

Der Unterschied ist, dass diese Geflüchteten ja in der Regel aus relativ guten Verhältnissen kommen, sich ein Leben aufgebaut hatten, dass sie, so wie es war, auch geliebt haben. Und hier realisieren sie: "Ich habe das alles verloren. Ich habe vielleicht das Haus verloren, was ich mir gekauft und selbst aufgebaut habe, beziehungsweise ich muss jeden Tag Angst haben, dass es nicht mehr steht."
Danja Schönhöfer, die Leiterin des psychosozialen Zentrums von Refugio, lächelt in die Kamera.
Danja Schönhöfer ist Therapeutin und leitet das Behandlungszentrum bei Refugio Bremen. Bild: Refugio Bremen
Wie können Sie da unterstützen?
Wie in allen Bereichen, wenn Menschen unter etwas leiden, in einer Situation sind, in der sie sich überfordert fühlen und nicht wissen, wie sie mit etwas umgehen können. Das ist Kontakt mit jemanden, der Rat gibt, Strategien entwickelt, wie man sich kurzfristig in einer nicht lösbaren Situation beruhigen und auf sich achten kann. Das ist immer hilfreich, um die Isolation und das alleine-um-diese-Themen-Kreisen zu unterbrechen.
Können Sie ein Beispiel geben? Was sind das für für Strategien?
Man kann den Tag so strukturieren, dass man nicht die ganze Zeit um Nachrichten kreist und um Sorgen. Dass man die Zeit, in der man sich damit beschäftigt, begrenzt. Dass man sich auch einen anderen Fokus sucht, etwas mit mit dem man sich zumindest im Moment etwas besser gehen kann. Um sich sozusagen immer auch wieder kurzfristig abzulenken und zu beruhigen und die Wahrnehmung auf das Hier und Jetzt zu richten.

Denn nur das Hier und Jetzt können wir in diesem Moment gestalten und verändern. Die Zukunft ist ja noch ungeschrieben und nichts, was wir jetzt beeinflussen können. Deswegen sind diese angstvollen Fantasien, die um die Zukunft kreisen, meistens eher so eine Erfahrung von "Ich kann nichts tun". Im Hier und Jetzt kann ich aber das Gefühl haben, dass ich selbst etwas tun kann. Auch, wenn es nur etwas Kleines ist für mich und meine Angehörigen, damit es uns jetzt gerade besser geht. Dass man zum Beispiel rausgeht, sich Orte sucht, an denen man sich wohlfühlt.

Das Gefühl, "meine Eltern, mein Partner, sind noch dort, denen stößt möglicherweise etwas zu und ich bin nicht für sie da", das ist eines der schlimmsten Gefühle, das Menschen, die ihre Angehörigen lieben, haben können. Das bewegt sehr viele Menschen dazu, ihre eigene Sicherheit nicht mehr im Vordergrund zu sehen.

Danja Schönhöfer, Leiterin Behandlungszentrum Refugio Bremen
Immer mehr Geflüchtete – auch wir haben mit vielen in Bremen gesprochen – wollen zurück in die Ukraine. Trotz der Gefahr. Begegnet Ihnen das auch?
Ja, das begegnet uns. Das ist ein Phänomen, das nicht nur die Ukrainerinnen betrifft, sondern ganz viele Geflüchtete. Dass sie, obwohl sie zum Teil wissen, welche Risiken sie eingehen, in die Heimat zurückkehren, oder sich das sehnlichst wünschen. Einer der Hauptgründe ist, dass sie Angehörige dort haben. Die eigenen Eltern zum Beispiel. Es ist ja ganz typisch, dass ältere Menschen weniger beweglich sind als junge Menschen und nicht die ersten sind, die fliehen.

Das Gefühl, "meine Eltern, mein Partner, sind noch dort, denen stößt etwas zu und ich bin nicht für sie da", das ist eines der schlimmsten Gefühle, das Menschen, die ihre Angehörigen lieben, haben können. Das bewegt sehr viele Menschen dazu, ihre eigene Sicherheit nicht mehr im Vordergrund zu sehen. Weil sie sagen: "Damit kann ich nicht leben, wenn die jetzt sterben würden und ich war nicht da um zu helfen. Das kann ich nicht aushalten." Das ist eine tiefe Motivation, die Menschen dann bewegt, die Entscheidung zu treffen, zurückzukehren, auch, wenn das ein sehr hohes Risiko ist.
Ist es auch der Alltag in Deutschland, in Bremen? Keine Arbeit zu haben zum Beispiel?
Ja natürlich, das ist ja zum Beispiel auch vielen Geflüchteten aus Syrien so gegangen. Die hochqualifiziert gekommen sind, gute Berufe hatten, sich erst einmal über Jahre die Sprache erwerben mussten und meistens nicht dort anknüpfen konnten, wo sie mal waren. Das ist zum Teil mit einem sozialen Abstieg verbunden und auch mit einem Gefühl des Selbstverlustes.

Das können wir uns ja vielleicht gut vorstellen, wenn wir uns überlegen, dass wir auf einmal wieder in so einer Kindrolle sind und mit niemandem sprechen können. Dann fühlen wir uns inkompetent – und die Kompetenzen, die wir haben, werden nicht anerkannt. Das ist ein großer seelischer Schmerz. Da geht es den Ukrainerinnen nicht anders. Und weil dort Teile des Landes irgendwie auch noch funktionieren, liegt der Gedanke sehr nahe, dann zu überlegen: "Kann ich nicht doch wieder dahin gehen und an das, was ich kenne und kann anknüpfen?"

Dieses Hadern mit "Hiersein" in Deutschland, das haben auch andere, auch Geflüchtete aus Afghanistan. Obwohl es da nichts gibt, weshalb sie zurückkehren können. Da gibt es keine Strukturen, keine Häuser, keine Verdienstmöglichkeiten mehr. Und trotzdem hadern die Menschen damit, weil sie so viel Leid damit haben, getrennt zu sein von ihren Angehörigen.

Das Hierbleiben ist auch das Akzeptieren einer neuen Realität, die ihnen – in der Wahrnehmung der Menschen – Putin aufgezwungen hat. Und natürlich möchte man dazu kein inneres Einverständnis geben.

Danja Schönhöfer, Leiterin Behandlungszentrum Refugio
Eine Geflüchtete sagte mir: "Warum kann ich nicht froh sein, in Sicherheit zu sein? Ich glaube, weil ich es mir nicht selbst ausgesucht habe nach Bremen zu kommen.“ Können Sie das nachvollziehen?
Das kann ich auf jeden Fall nachvollziehen. Das ist eine ungewollte, eine erzwungene Flucht. Das fühlt sich völlig irreal an. Und das Hierbleiben ist auch das Akzeptieren einer neuen Realität, die ihnen – in der Wahrnehmung der Menschen – Putin aufgezwungen hat. Und natürlich möchte man dazu kein inneres Einverständnis geben.

Ein anderer Aspekt ist auch ein Thema, das wir schon lange kennen aus der Psychologie der sogenannten Überlebensschuld: "Wie kann es mir gut gehen, wie kann ich mich freuen, dass es mir gut geht, wenn andere doch gelitten haben und gestorben sind?"
Ist das, ich sage mal, ein "normaler Prozess", durch den Geflüchtete gehen müssen, bis sie die Situation akzeptieren oder annehmen können?
Das sind die Themen, die Menschen, die geflohen sind, über Jahre beschäftigen. Sozialer Abstieg, Schock, Akzeptanz von Verlust, der nicht rückgängig zu machen ist, Umgang mit Überlebensschuld, mit Sehnsucht nach Angehörigen. Damit müssen sich Geflüchtete beschäftigen, ob sie wollen oder nicht, weil sie eine innere Lösung für diese Themen für sich finden müssen, mit der sie leben können.
Wie helfen Sie, damit die Menschen eine innere Lösung finden?
Die Themen, die auf den Menschen lasten, die in einer Fluchtsituation sind, das ist so viel, damit dürfen sie nicht alleine bleiben. Wenn sie keinen Austausch haben, dann ertrinken sie darin. Menschen brauchen Austausch, emotionale Unterstützung, das Gefühl, verstanden zu werden, mit anderen verbunden zu sein, um Belastungen bewältigen zu können. Um dann selbst eine andere hilfreiche Perspektive zu finden.

Ich spreche hier nicht nur über die Ukrainerinnen und Ukrainer, sondern über alle Geflüchteten. Dafür sind alle Angebote, die Menschen das Gefühl von Verbundenheit, Hoffnung und Sinnhaftigkeit geben, die größte Ressource. Wenn Menschen unterstützt werden, das für sich finden zu können, dann können sie auch mit Schlimmem umgehen.

Exklusiv: Wer soll diesen Krieg beenden, Frau Schattenberg?

Bild: Radio Bremen

Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 12. juni 2022, 19:30 Uhr