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Warum Bremen den "Tag der Befreiung" begeht und Moskau "Tag des Siegs"

Tag der Befreiung: Blumen und Kerzen stehen auf einer Steinreihe mit Namen von ehemaligen Häftlingen der KZ-Außenstelle. Bei einer Gedenkveranstaltung 77 Jahre nach der Befreiung des Lagers erinnern Angehörige von Überlebenden aus Frankreich, Belgien, Deutschland, Polen, Kanada, den Niederlanden und den USA sowie Kirchenvertreter und Politiker der Opfer. Mehr als 1.000 Häftlinge starben infolge der extremen Haftbedingungen an Krankheiten, Hunger und Erschöpfung.
Beim "Tag der Befreiung", der an das Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert, geht es ums Gedenken der Nazi-Opfer. Bild: DPA | Jens Büttner

Am 8. Mai gedenkt Bremen der Nazi-Opfer. Doch das Gedenken wird überschattet von russischer Propaganda zum "Tag des Siegs". "Gefährlich", findet das eine Bremer Ost-Expertin.

Nur wenige Wochen liegt es zurück, da kündigte Wladimir Putin an, dass er am "Tag des Sieges", den die Russen statt des "Tags der Befreiung" feiern, seinen Sieg über die Ukraine verkünden werde. Danach sieht es zurzeit nicht aus. Ukrainer in Deutschland fürchten aber, dass pro-russische Demonstranten den 8. oder den 9. Mai instrumentalisieren werden.

Die Städte Bremen und Bremerhaven erwarteten das allerdings nicht, wie Rose Gerdts-Schiffler, Sprecherin des Innenressorts, und Magistrats-Sprecher Stefan Zimdars mitteilten. Sie kündigten aber auch an, dass die Polizei die Lage in Bremen wie in Bremerhaven ständig neu bewerten wolle. Unabhängig davon, haben wir mit Ksenja Holzmann von der Landeszentrale für politische Bildung Bremen über den 8. beziehungsweise 9. Mai gesprochen und erklären die Hintergründe und die diesjährige Brisanz.

Weshalb feiern die Russen nicht den "Tag der Befreiung" am 8. Mai, sondern den "Tag des Siegs" oder auch den "Tag des Kriegs" am 9. Mai?
Zwar unterzeichneten deutsche Wehrmachts-Oberbefehlshaber in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 im sowjetischen Hauptquartier Berlin-Karlshorst die Bestätigung ihrer bedingungslosen Kapitulation. Die letzten Unterschriften wurden aber erst kurz nach Mitternacht deutscher Sommerzeit und kurz nach 1 Uhr Moskauer Zeit unter das Dokument gesetzt. Daher feiern Russland und andere Länder der ehemaligen Sowjetunion das Ende des "Großen vaterländischen Krieges" am 9. und nicht am 8. Mai. Auch sprechen sie nicht vom "Tag der Befreiung", sondern vom "Tag des Sieges" oder auch vom "Tag des Krieges".
Russische Soldaten marschieren während der Militärparade zum Tag des Sieges am 9. Mai 2021 über den Roten Platz.
Der "Tag des Siegs" ist in Russland ein Feiertag im Zeichen großer Militärparaden. Unser Foto zeigt eine Parade im Jahr 2021. Bild: DPA | Christian Thiele
In der Bundesrepublik Deutschland ist der 8. Mai zwar ein Gedenktag, nicht aber, wie es etwa in der ehemaligen DDR der Fall war, ein Feiertag. Welche Rolle spielt der 9. Mai in Russland?
Eine sehr beutende, es handele sich um einen der wichtigsten Feiertage des Landes, sagt die in Kirgisien geborene Historikerin Ksenja Holzmann von der Landeszentrale für politische Bildung Bremen. Holzmann ist pädagogische Mitarbeiterin am Denkort Bunker Valentin. Die Menschen in den ehemaligen Sowjetrepubliken erinnerten am 9. Mai an das Ende des "Großen vaterländischen Kriegs". Dabei schwängen oftmals Gefühle des Triumphes mit, sagt Holzmann.

"Das hat seine Schattenseiten", findet die Historikerin. Denn durch die seit etwa zwanzig Jahren immer pompöseren Feiern mit großen Militärparaden um die Befreiung vom Nationalsozialismus würden negative Aspekte des Zweiten Weltkriegs ausgeblendet. Holzmann verweist etwa auf den Hitler-Stalin-Pakt oder auch auf den Terror, den die Rote Armee während des Zweiten Weltkriegs in Polen ausgeübt hat, als sie unzählige Menschen umbrachte und deportierte. "Wenn man sich an einem Gedenktag aber nur auf das Positive bezieht, dann arbeitet man nicht seine eigene Vergangenheit auf und schon gar nicht die Ambivalenz und die Komplexität des Zweiten Weltkriegs", sagt Holzmann.

So unterschlage Moskau gern, dass die Rote Armee, die am 9. Mai üblicherweise frenetisch gefeiert werde, nicht nur aus Russen bestanden habe, sondern etwa auch aus ukrainischen, kasachischen, kirgisischen oder usbekischen Soldaten. Zudem setze sich Russland am "Tag des Siegs" konsequent nicht damit auseinander, dass die Sowjetunion jene seiner Soldaten, die in Kriegsgefangenschaft geraten seien, daheim oft als Kollaborateure verunglimpft habe. "Das aufzuarbeiten sollte auch Auftrag des neunten Mais sein", findet Holzmann.
Welche Bedeutung hat der 9. Mai für den aktuellen Ukraine-Krieg?
Zwar hat Moskau nach Angaben der "Neuen Zürcher Zeitung" für den bevorstehenden 9. Mai keinen Staatsgast eingeladen. Dennoch ist die Symbolkraft des "Tags des Siegs" so groß wie vielleicht noch nie – zumindest aus Sicht Putins, der ursprünglich an diesem Tag den Sieg über die Ukraine verkünden wollte.

Doch nicht nur das. "Putin legitimiert seinen Angriffskrieg auf die Ukraine mit der Behauptung, dass Russland die Ukraine vom Faschismus befreien wolle", sagt die Bremer Historikerin Ksenja Holzmann. Dabei sei die heutige Situation mit der Nazizeit in keiner Weise vergleichbar. Auch gebe es in der Ukraine nicht mehr Nazis als in anderen Ländern und sicherlich weniger als beispielsweise in Deutschland.

Putin gebrauche des große Wort von der Entnazifizierung als plumpen Vorwand für seinen nicht zu rechtfertigenden Angriffskrieg. Die russische Bevölkerung werde mit Worten wie "Wir machen es wieder" gezielt aufgeheizt. Teilweise, so Holzmann, werde von russischer Seite auch damit gedroht, dass man diesen Kampf nicht auf die Ukraine beschränken, sondern weitergehen wolle, bis nach Berlin.

"Der neunte Mai wird von der russischen Propaganda instrumentalisiert", stellt Holzmann klar. Das sei umso gefährlicher, als die Menschen in Russland viel Positives mit dem Datum verbänden. "Viele Menschen in Russland hinterfragen das leider nicht, sondern sagen einfach: Es ist gut, gegen den Faschismus zu kämpfen", so Holzmann. Eine echte Opposition oder zumindest Gegenbewegung gebe es inzwischen praktisch nicht mehr vor Ort. Moskau fahre zum Tag des Sieges groß auf, die ganze Stadt werde bereits geputzt und hergerichtet, Bühnen würden am Roten Platz aufgebaut. "Es wird hundertprozentig eine große Feier geben", ist sich die Expertin sicher. Auch in den Social Media lasse sich bereits beobachten, wie das Militär seine große Show in Moskau vorbereite, und dass viele Menschen dem Tag aufgeregt entgegenfieberten – ohne den Krieg kritisch zu hinterfragen.
Ksenja Holzmann
Sagt, dass Putin den "Tag des Siegs" benutze, um einen nicht zu rechtfertigenden Angriffskrieg zu begründen: Ksenja Holzmann von der Landeszentrale für politische Bildung Bremen. Bild: Landeszentrale für pol. Bildung Bremen | Jan Meier
Was ist in Bremen für den 8. Mai geplant?
Die aus Sicht von Bürgerschaft und Senat zentrale Veranstaltung findet am Sonntag vor dem Denkort Bunker Valentin statt. Dort wollen Bremens Senatspräsident Andreas Bovenschulte (SPD) und Bürgerschaftspräsident Frank Imhoff (CDU) bei einer Gedenkstunde um 15 Uhr einen Kranz niederlegen, um so an das Schicksal von Tausender Zwangsarbeiter zu erinnern.

Es finden jedoch noch zahlreiche andere Veranstaltungen und Aktionen zum "Tag der Befreiung" im Land Bremen statt. Beispielsweise lädt die Bremische Evangelische Kirche für 17 Uhr zum Ökumenischen Friedensgebet auf den Osterholzer Friedhof. Dabei soll der Opfer des Zweiten Weltkriegs ebenso gedacht werden wie der des "russischen Angriffskriegs auf die Ukraine", teilt die Bremische Evangelische Kirche mit.

Der Verein Deutsch-Russische Friedenstage Bremen lädt am Sonntag für 11 Uhr zu einer Kranzniederlegung am sogenannten "Russenfriedhof" ein; am Gedenkkreuz "An der Reitbrake" in Oslebshausen statt. Dabei soll unter dem Motto "Erinnern für die Zukunft" soll gemeinsam an die Befreiung von Faschismus und Krieg erinnert werden.

Auf Bremens Domshof und auf dem dem Marktplatz finden ab 15 Uhr Demonstrationen für den Frieden statt. Der Verein "Herz für die Ukraine" und Fridays for Future Bremen sind die Veranstalter. Die Initiative Nordbremer Bürger gegen den Krieg demonstriert bereits am 11 Uhr an der Bahrsplate in Blumenthal für den Frieden.
Was findet in Bremerhaven am 8. Mai statt?
In Bremerhaven lädt das Kulturamt für 15 Uhr am Mahnmal an der Großen Kirche zu einer Gedenkfeier. Es spricht Stadtrat Michael Frost, Dezernent für Schule, Kultur, Jugend, Familie und Frauen. Die Veranstaltung wird von Musikerinnen und Musikern aus der Ukraine mit Musikbeiträgen begleitet. Um ein Zeichen für Frieden und Demokratie zu setzen, wird Stadtrat Frost einen Kranz niederlegen.

Außerdem laden "Die Grünen" zum kollektiven Reinigen der Stolpersteine ein. Jeder, der möchte, kann sich daran beteiligen. Treffpunkt ist am Sonntag um 14 Uhr das Grüne Büro, Bürgermeister-Smidt-Straße 137.

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Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 8. Mai 2022, 19.30 Uhr