"Helft mir! Drüben wird geschossen" – Was geschah in Fischerhude?

Zwei Tote in Fischerhude – Mordvorwurf gegen 64-Jährigen

Bild: DPA | Julian Stratenschulte

Fischerhude ist ein idyllischer Ort mit Fachwerkhäusern und plätschernden Nebenflüssen. Doch nun ist das einstige Künstlerdorf Schauplatz eines fürchterlichen Verbrechens geworden. Eine Chronologie.

Gegen 16:45 Uhr klingelt es bei Sabine Sammann an der Tür. Die 49-Jährige führt gerade ein Telefongespräch mit einer Freundin, das sie umgehend beendet. Kurz darauf geschieht etwas, was die Fischerhuderin wohl nie mehr vergessen wird: Vor ihr steht eine blutüberströmte Frau. "Helft mir! Drüben wird geschossen", sagt die Schwerverletzte. Die Nachbarin lässt sie sofort ins Haus und leistet Erste Hilfe, ihr Mann Joachim alarmiert die Polizei. Die Beamten finden kurz darauf in einem Fachwerkhaus, das keinen Steinwurf von den Sammanns entfernt liegt, zwei Leichen.

Polizisten stehen vor einem Haus
Polizisten stehen vor dem Haus, in dem am Vorabend die beiden Tote aufgefunden wurden. Bild: DPA | Julian Stratenschulte

Ein Großaufgebot der Polizei rückt schließlich in dem rund 3.000 Einwohner zählenden Fischerhude ein. Ein ehemaliges Künstlerdorf, das ruhig und beschaulich an der Wümme, rund 30 Kilometer nordöstlich von Bremen, liegt. Insgesamt nehmen 60 Polizisten an dem Einsatz am Dienstagabend teil – darunter sind einige Spezialkräfte. Auch Rettungswagen und Notärzte sind vor Ort, Blaulicht ist überall. Am Anfang ist unklar, ob sich der Täter möglicherweise noch in dem 1825 errichteten Fachwerkhaus aufhält. Dann stürmen die Polizisten das Gebäude. "Gesichert", heißt es kurz darauf. In dem Haus finden die Beamten die Leichen eines 56-jährigen Mannes und einer 73-jährigen Frau.

Ist der tote Mann der Täter?

Die Ermittler fragen sich sich zunächst, ob der tote Mann der Täter sein könnte. Doch er ist es nicht, wie sich später herausstellt. Noch am Abend forciert die Polizei die Fahndung. Es werden Spürhunde eingesetzt, eine Drohne sucht aus der Luft nach einem "namentlich bekannten flüchtigen Mann", wie die zuständige Polizei Verden/Osterholz in einer Pressemitteilung informiert. Auch über Twitter hält die Behörde die Öffentlichkeit auf dem Laufenden. Sie bittet darum, den Einsatzbereich und die gesperrte Straße weiträumig zu umfahren.

Dass so etwas hier passiert, hätte man sich ja nie vorstellen können.

Ein Nachbar der Getöteten

Schnell richtet die Polizei eine Mordkommission ein – ein Indiz dafür, dass es sich tatsächlich um ein Gewaltverbrechen handelt. Wie die Frau und der Mann ums Leben kamen, dazu schweigt die Polizei aber noch. Allerdings ist die Frau, die sich wohl nur mit viel Glück zu den Nachbarn retten konnte, trotz der schweren Verletzungen noch in der Lage, von mehreren Schüssen zu berichten. Die Polizei wird später mitteilen, dass wohl eine Schusswaffe zum Einsatz gekommen sein soll.

Am Morgen nach der Tat stellt sich der Verdächtige

Keine 24 Stunden nach der Tat stellt sich am Mittwochvormittag bei der Polizei ein Mann. Der 64-Jährige ist derjenige, nach dem die Beamten so intensiv gefahndet haben. Was erste Befragungen ergaben, ist momentan noch unklar. Der mutmaßliche Täter wurde am Nachmittag dem Amtsgericht Verden vorgeführt, der Richter erließ einen Haftbefehl. Jetzt sitzt der Verdächtige in Untersuchungshaft. In welcher Verbindung er zu den Opfern stand, müssen die Ermittlungen noch zeigen.

In Fischerhude reagiert man betroffen und fassungslos auf die Bluttat. "Das so etwas hier passiert, hätte man sich ja nie vorstellen können", sagt ein Nachbar. Die 73-jährige Schwerverletzte wohnte nach Aussagen der Nachbarn schon seit Mitte der 1980er-Jahre in dem Fachwerkhaus. Ihr Mann war verstorben. Nachbarn beschreiben sie als stets freundlich und hilfsbereit. In Fischerhude kennen sich die meisten. Der Tatort, ein großes ziegelgedecktes Haus, liegt unweit eines Nebenarms der Wümme. Die zweiflügelige Haustür ist nun mit einem gelben Polizeisiegel verschlossen. Um den Türrahmen rankt sich eine grüne Weihnachtsgirlande.

Leichenfund in Fischerhude: Tatverdächtiger stellt sich

Bild: DPA | dpa/Nord-West-Media

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 29. Dezember 2021, 19:30 Uhr