Fragen & Antworten

Studenten helfen Bremerhavener Feuerwehr bei der Suche nach Nachwuchs

Ein Kamera-Team filmt Feuerwehrleute beim Einsatz an einem Auto.
Bild: Jacqueline Wolpmann

Als "Seestadtretter" möchte die Bremerhavener Feuerwehr in sozialen Netzwerken junge Menschen erreichen und begeistern. Die Kampagne stammt von Studierenden der Hochschule.

Stell dir vor es brennt und keiner kommt löschen. Damit es so weit nicht kommt, geht die Feuerwehr in Bremerhaven ungewöhnliche Wege. Der Berufsstand hat vielfach Probleme den Nachwuchs für ihre Arbeit zu interessieren. Bundesweit ist der Trend bei den Bewerbungszahlen rückläufig. So auch in der Seestadt, wo die Rettungskräfte vor der Herausforderung ausbleibenden Nachwuchses stehen. Erstmals hat die Feuerwehr dort Imagefilme produzieren lassen, die nun auf verschiedenen Plattformen online gegangen sind. Sie zeigen öffentlichkeitswirksam den Alltag zwischen Rettungsleitstelle und Schiffsbrandbekämpfung. Entstanden ist das Projekt in Kooperation mit jungen Medienschaffenden der Hochschule Bremerhaven.

Eine Collage zeigt unterschiedliche Feuerwehreinsätze.
Unter dem Titel "Seestadtretter" wirbt die Feuerwehr Bremerhaven um Nachwuchs. Bild: Ralf C. Schreier
Wie zeigt sich das Nachwuchsproblem in Bremerhaven?
Nachwuchssorgen gibt es definitiv auch bei der Feuerwehr Bremerhaven, sagt ihr Pressesprecher David Piesik. In diesem Jahr hätten noch alle Stellen besetzt werden können. "Aber die Bewerbungszahlen bei der Berufsfeuerwehr gehen seit Jahren zurück." Besonderer Bedarf besteht demnach bei den "klassischen Feuerwehrleuten" – also denjenigen, die täglich ausrücken und Brände löschen. Im sogenannten mittleren feuerwehrtechnischen Dienst ist die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber in Bremerhaven von 172 im Jahr 2017 kontinuierlich auf 79 in 2021 zurückgegangen.

Diese rückläufige Entwicklung sei kein Phänomen, das sich auf die Seestadt beschränke. "Es ist nicht leicht, potentielle Bewerberinnen und Bewerber zu erreichen", sagt Piesik. Die seien im Durchschnitt Anfang bis Mitte 20 und hätten eine abgeschlossene Berufsausbildung. Neben den derzeit etwa 350 Mitarbeitenden bei der Berufsfeuerwehr, gibt es rund 100 Aktive bei der Freiwilligen Feuerwehr. Auch hier bestehen laut des Sprechers Nachwuchssorgen. Das Problem: Immer weniger junge Menschen seien bereit, sich ehrenamtlich zu engagieren.

Im gesamten Bundesgebiet ist dieser Trend erkennbar. Hierzu gibt es in den bundesweiten Facharbeitskreisen und Gremien einen regen Austausch und unterschiedliche Lösungsansätze.

David Piesik, Sprecher Feuerwehr Bremerhaven
Worin werden Gründe für das Phänomen gesehen?
Die Gründe für die sinkenden Bewerbungszahlen sind laut Piesik vielfältig. Viele Nachwuchskräfte würden vor allem aus unterschiedlichen Handwerksberufen gewonnen. Dass auch dort ein Fachkräftemangel herrsche, wirke sich ungünstig auf die Berufsfeuerwehren aus. Hinzu komme, dass ausgebildete Bewerber bei der Berufsfeuerwehr von einem vollen auf ein Ausbildungsgehalt zurückfallen würden. Auch sei die Ausbildung zum Brandmeister und Notfallsanitäter bei der Berufsfeuerwehr mit einer Dauer von rund viereinhalb Jahren zeitintensiv und sehr fordernd. "Faktoren wie Standort, Wettbewerbssituation mit der freien Wirtschaft und der demografische Wandel tun ihr übriges", so Piesik.
Ein Kamerateam filmt Feuerwehrleute beim mit Spezialanzügen.
Die Studierenden bekamen bei den Dreharbeiten viele Einblicke in den Feuerwehr-Alltag. Bild: Jacqueline Wolpmann
Was soll helfen, personelle Engpässe zu vermeiden?
Um potentiellen Nachwuchs gezielt zu erreichen, sind nun mehrere Filme unter anderem bei Youtube und Instagram online gegangen. Sie zeigen verschiedene Bereiche der Feuerwehrarbeit, darunter die Rettungsleitstelle, Höhen- und Tiefenrettung oder die Schiffsbrandbekämpfung. So will sich die Feuerwehr als professioneller Dienstleister und fortschrittlicher Arbeitgeber mit Aufgaben wie Brandschutz, technischer Hilfeleistung oder Notfallrettung präsentieren. Für die Videos wurden unter anderem die Höhenrettungsgruppe bei einer Einsatzübung auf dem Hotel "Sail City" begleitet. Ebenso das Training der Sondereinsatzgruppe Schiffsbrandbekämpfung auf einem Behördenschiff auf der Weser und die demonstrierte Rettung einer eingeklemmten Person aus einem Unfallfahrzeug. Hinzu kommen Einblicke in die Feuerwehrakademie, die Regionalleitstelle Unterweser-Elbe und die ehrenamtliche Arbeit der Freiwilligen Feuerwehr.

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Wie sind die Filme entstanden?
Produziert wurden die Videos von Studierenden im Bachelorstudiengang "Digitale Medienproduktion". Die Idee einer Zusammenarbeit mit der Feuerwehr lag bei Lehrkraft Ralf C. Schreier bereits länger in der Schublade. Ein audiovisueller Medien-Vertiefungskurs bot nun die Gelegenheit. In der praxisarmen Corona-Zeit habe er sich besonders gefreut, den Studierenden ein so großes Praxisprojekt anbieten zu können, so Schreier. "Zudem ist es aktuell sehr schwer, Nachwuchs für die Feuerwehr zu rekrutieren und diese Videos können bei dieser Herausforderung unterstützen."

Insgesamt 20 Studierende haben an dem Projekt "Seestadtretter" in den Bereichen Konzeption, Kamera, Schnitt und Regie mit viel freier Hand gearbeitet. Innerhalb eines Semesters entstanden aus 68 Drehstunden, 2,5 Terrabyte Filmmaterial und 6.000 Bildern insgesamt sechs Recruiting- und Imagevideos sowie eine Projekthomepage und Social-Media-Kanäle. Zu den besonderen Herausforderungen zählten dabei auch die Corona-Bedingungen und die reduzierte Projektzeit. Eines der Videos begleitet die Feuerwehr einen ganzen Tag lang. "Beim 24 Stunden-Dreh sind wir bei den Einsätzen mitgefahren und haben Dinge erlebt, die man sonst niemals erlebt hätte", sagt Studentin Jacqueline Wolpmann.

Mit der Zusammenarbeit und dem Ergebnis sind nicht nur Schreier und seine Studierenden zufrieden, sondern auch der projektverantwortliche Piesik. "Wenn man sich die Ergebnisse ansieht, merkt man, dass von allen Seiten viel Herzblut in dieses Projekt gesteckt wurde. Sonst wäre dieses Projekt in dieser kurzen Zeit gar nicht möglich gewesen."

Wir wünschen uns Bewerbungen aus allen Bevölkerungsgruppen, wir möchten beispielsweise die kulturelle und sprachliche Vielfalt sowie das migrationsgesellschaftliche Wissen in der Feuerwehr Bremen fördern.

Christian Patzelt, Sprecher Feuerwehr Bremen
Wie ist die Lage bei Feuerwehren in Bremen?
Die Berufsfeuerwehr Bremen bekommt nach eigenen Angaben unterschiedlich viele Bewerbungen. Insgesamt sei die Zahl jedoch auch hier rückläufig. "Vor einigen Jahren lagen wir noch bei rund 400 Bewerbungen, heute liegen wir zwischen 150 und 200", sagt Feuerwehrsprecher Christian Patzelt. Ebenso schwankend sei die Zahl der geeigneten Bewerber. So seien im April 13 Plätze belegt worden und im Oktober 19. Derzeit werde ein Konzept entwickelt, auch um mehr Menschen aus unterrepräsentierten Gruppen anzusprechen.

In den nächsten Jahren brauche die Feuerwehr kontinuierlich neue Leute, da es jedes Jahr bis zu 20 altersbedingte Abgänge gebe. In den 19 Freiwilligen Feuerwehren Bremens ist die Lage laut Patzelt sehr unterschiedlich. An manchen Standorten sei der Zulauf auch ohne Mitgliederwerbung groß. Andernorts werde der demografische Wandel zum Problem, teilweise sei auch die bauliche Situation schwierig.

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Autor

  • Joschka Schmitt Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Vormittag, 26. Oktober 2021, 11:10 Uhr