Fragen & Antworten

Aale in Gefahr: Bremerhavener Institut fordert komplettes Fangverbot

Bremerhavener Meeresforscher empfehlen Aal-Fangverbot

Bild: Radio Bremen

Einen Aal zu Weihnachten – den wird es vielleicht bald nicht mehr geben. Wissenschaftler fordern ein Fangverbot. Aber auch ohne Verbot rät ein Experte vom Verzehr ab.

Sie sind lang, glitschig und sehen aus wie schwimmende Schlangen: Aale. In geräucherter Form sind sie gerade zur Weihnachtszeit eine Delikatesse. Aber werden wir sie in Zukunft noch essen können? Wissenschaftler fordern ein generelles Fangverbot.

Warum droht ein Fangstopp?
Aale sind bedroht. Heute gibt es nach Angaben des Thünen-Instituts in Bremerhaven im Bereich der Nordsee etwa 99 Prozent weniger Aale als noch in den 1960er- bis 1970er-Jahren. Deshalb fordert der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES), zu dem auch das Thünen-Institut gehört, ein europaweites Fangverbot für den Aal. Ob es das geben wird, darüber entscheiden aktuell die 27 europäischen Landwirtschafts- und Fischereiminister.
Ein Aal im Wasser.
So sieht ein europäischer Aal aus. Bild: Imago | imagebroker
Wovon ist der Aal bedroht?
Schadstoffe im Meer, Kraftwerksturbinen in Flüssen, Klimawandel, Überfischung: Die Gründe für den Rückgang sind vielfältig. Ein Kernproblem ist aber: Aale laichen ausschließlich im Westatlantik zwischen Florida und den Bermudas, in der sogenannten Sargassosee. Mit dem Golfstrom gelangen die Larven dann nach Europa, wo sie in Flüssen oder Seen aufwachsen. Nach 15 bis 20 Jahren schwimmen sie zum Laichen zurück.

"Wenn man zweimal in seinem Leben 5.000 bis 7.000 Kilometer wandern muss, ist man einfach unheimlich vielen Gefahren ausgesetzt", erklärt Reinhold Hanel, Leiter des Bremerhavener Thünen-Institut für Fischereiökologie. Jeder Aal, der stirbt, ist für den Bestand für immer verloren. Denn Aale lassen sich nicht züchten.
Warum lassen sich Aale nicht züchten?
Es ist noch immer unklar, was genau die Larven fressen. Es ist eines von vielen Rätseln, sagt Hanel: "Es sind viele Fragen zum Aal nach wie vor ungelöst. Niemals hat jemand ein Ei eines Aals in der Sargassosee gesehen, niemals hat jemand einen laichenden Aal in der Sargassosee gesehen. Das ist extrem faszinierend."
Werden Aale denn nicht geschützt?
Doch. Dass der Aal geschützt werden muss, hat die Europäische Union 2007 in einer Verordnung festgeschrieben. Seither werden junge Aale eingefangen und in spezielle Aal-Farmen gebracht. In diesen Farmen werden sie großgezogen. Im Gegensatz zu Larven klappt das bei Jungaalen. Die Farmen verkaufen die Tiere an Fischhändler. Ein anderer Teil der Jungfische wird in Flüssen und Seen ausgesetzt. Tatsächlich hat sich der Bestand seit 2011 stabilisiert. Angesichts des niedrigen Niveaus ist das für Forscher Hanel aber lange nicht genug. Er fordert ein komplettes Aal-Fangverbot im Jahr 2022.

Aus unserer Sicht wäre ein Fangverbot jetzt an der Zeit. Wenn sich die Politik nicht dazu durchringen kann, müssen wir sehen, wie wir damit klarkommen, aber es wird sich an der wissenschaftlichen Einschätzung in den nächsten Jahren nichts verändern.

Reinhold Hanel, Leiter des Bremerhavener Thünen-Instituts für Fischereiökologie

Anders sieht das Florian Stein, Fachbereichsleiter "Europaarbeit und Wissenschaft" beim Deutschen Anglerfischereiverband. "Aus unserer Sicht hat sich die Datenlage nicht in dem Maße geändert, dass eine Verschärfung der Maßnahmen gerechtfertigt wäre", so Stein, der den Spitzenverband der Anglerinnen und Angler in Deutschland mit 500.000 Mitgliedern vertritt. "Wenn man sich die Daten des ICES anguckt, ist es eigentlich eine Fortsetzung und keine Veränderung oder Verschlechterung, weswegen man ein komplettes Fangverbot verhängen müsste."

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass das generelle Verbot kommen wird?
Für ein komplettes Fangverbot fehle dem EU-Ministerrat die rechtliche Grundlage, sagt das Bundeslandwirtschaftsministerium. Stattdessen schlägt die EU-Kommission vor, das bereits jetzt geltende dreimonatige Fangverbot von November bis Januar 2022 fortzusetzen und im nächsten Jahr mit allen Beteiligten über das weitere Vorgehen zu beraten.
Sind auch andere Fischarten bedroht? Sollten wir auf Fisch verzichten?
"Gerade in EU-Gewässern haben sich viele Fischbestände positiv entwickelt", sagt Hanel. Auf Fischkonsum zu verzichten hält der Experte für nicht erforderlich. "Im Gegenteil", sagt er. "Fisch ist ein hochwertiges Nahrungsmittel." Auf Aal aber sollten wir verzichten, sagt Hanel. Er stehe nicht nur auf der roten Liste, sondern es seien auch viele Aale, die wir hier aus Wildfang kennen, mit Schadstoffen belastet.

Mehr zum Thema:

Autorinnen

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 13. Dezember 2021, 06:36 Uhr