Warum sich diese Bremerin mehr schwarze Lehrkräfte wünscht

Virginie Kamche
Virginie Kamche

Warum sich diese Bremerin mehr schwarze Lehrkräfte wünscht

Bild: Radio Bremen | Mario Neumann

Virginie Kamche begleitet Nichtregierungsorganisationen. Bei Bremen Zwei erzählt sie die Geschichte ihres Lebens: Ein Gespräch über Gerechtigkeit, Migration und Rassismus.

Virginie Kamche läuft schwer bepackt vom Supermarkt zu ihrem Büro in der Bremer Innenstadt, als sie auf Bremen Zwei Podcast-Host Mario Neumann trifft. "Eine Stunde reden?" steht auf seinem Schild. Virginie Kamche hat eigentlich nur fünf Minuten, nimmt sich aber später die Zeit und erzählt die Geschichte ihres Lebens.

Schon bevor die Aufzeichnung im Studio beginnt, passiert etwas ganz Entscheidendes: Beide sind sich einig, dass Virginie Kamche ihr Smartphone nicht komplett ausmachen muss. Es stört technisch nicht und so lässt sich besser nachvollziehen, wer wann versucht hat, die Fachpromotorin für Migration, Diaspora und Entwicklung, angestellt beim Afrika Netzwerk Bremen e.V., zu erreichen.

Kamches Aufgabe als Fachpromotorin ist es, sowohl migrantische Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zu unterstützen, als auch für eine Vernetzung zwischen Migranten- und Migrantinnenorganisationen sowie Entwicklungspolitikern zu sorgen.

Keine Trennung zwischen Arbeit und Privatleben

Ihr Telefon steht auf Vibrationsalarm und verkörpert gewissermaßen die Grundvibration von Virginie Kamches Leben. Sie ist immer in Kontakt mit Menschen, immer erreichbar, eigentlich auch immer am Arbeiten – da gibt es keine wirkliche Trennung, nur eine Handynummer.

"Ich möchte da sein für Menschen, die mich brauchen", sagt die 57-Jährige. Sie ist ständig im Einsatz, mag es überhaupt nicht, wenn Menschen um sie herum leiden. Zum Teil wegen Kleinigkeiten, weil sie ein Schreiben, das sie bekommen haben, nicht lesen können. Oder weil sie nicht wissen, wo sie einen Deutschkurs machen können. Oder weil sie vergeblich versuchen, Geld für Projekte zu bekommen, die sie in Afrika umsetzen wollen. Für sie alle ist Virginie Kamche Ansprechpartnerin.

Mein Handy klingelt immer, weil es immer Menschen gibt, die mich erreichen wollen, mit irgendwelchen Fragen. Ich versuche, immer da zu sein, um eine Antwort zu geben, wenn ich kann. Eine Freundin von mir nervt das, die versteht das nicht.

Virginie Kamche, Fachpromotorin für Migration, Diaspora und Entwicklung in Bremen

Aufgewachsen in wohlhabender Unternehmer-Familie

Konkret ist es Kamches Aufgabe, die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen durch unterschiedliche Projekte – insbesondere unter Migranten – bekannt zu machen. Gleichzeitig ist das Ziel, dass die Gesellschaft ein bisschen näher an sie herankommt. Armut besiegen, Hunger beenden, gemeinsam Leben und Feiern. Nähen, Kochen, Kommunizieren. Hören, wo die Menschen stehen, wo sie hinmöchten und welche Hilfe nötig ist.

Sie selbst, erzählt Virginie Kamche, stammt aus einer wohlhabenden Unternehmer-Familie mit Hauspersonal und Chauffeur. Sie ging schon als 16-Jährige nach Frankreich auf ein Internat, um ihr Abitur zu machen. Anschließend studiert sie Bauwesen. Weil ihr aber ihre Familie und die Wärme Kameruns fehlte, ging sie zurück.

Zerrissen zwischen zwei Kulturen

Dort lernt sie ihren Mann kennen, gemeinsam kommen sie vor über 30 Jahren nach Bremen, wo sie Mutter und Informatikstudentin wird. Sie war es durch ihre Zeit in Frankreich gewohnt, sich mit einfachen Nebenjobs wie putzen gehen über Wasser zu halten. Für ihren Mann, der schon in Kamerun als Anwalt gearbeitet hat, ist das zu viel.

Einerseits promoviert er in Jura, andererseits wird er krank und stirbt schließlich, nachdem die Beziehung schon länger auseinander gegangen war. "Es ist wirklich schwierig, in zwei verschiedenen Kulturen zu leben", sagt Virginie Kamche.

Man weiß nicht mehr, wo man richtig ist. Man ist geprägt von beiden Kulturen und es ist schwer, sich irgendwo 100-prozentig wohl zu fühlen.

Virginie Kamche, Fachpromotorin für Migration, Diaspora und Entwicklung in Bremen

Bis heute Kontakt zu den ersten Freunden in Bremen

So wie sich Virginie Kamche für andere engagiert, gab es auch in ihrem Leben Menschen, die für sie da waren. Elvira beispielsweise. Als Kamche nach Bremen kommt, kann sie kein Deutsch und ist schwanger. Die französischsprachige Hebamme hilft ihr sehr, das System zu verstehen und die Stadt kennen zu lernen.

Virginie Kamche hat bis heute mit ihr Kontakt: "Ich bin ihr wirklich dankbar, ich fühle mich hier wohl. Es gibt auch Momente, wo ich mich frage: Oh, was mache ich hier. Aber ich bin wirklich meiner lieben 'Schwester' Elvira dankbar."

Vorbehalte gegen eine schwarze Frau als Lehrerin?

Nach dem Informatik-Abschluss in Bremen macht Virginie Kamche ein zweijähriges Referendariat als Lehrerin. In Informatik besteht sie, im Fach Französisch fällt sie durch. Einer der schwersten Momente in ihrem Leben.

Sie versteht die Welt nicht mehr, ist sie doch mit Französisch aufgewachsen, in der Schule, im ersten Studium. "Ich möchte nicht sagen, dass, nur weil ich Französisch kann, heißt das, dass ich das unterrichten kann. Aber wenn man schon französische Kompetenz hat und diese Lehrprobe nicht besteht, da habe ich mich gefragt, was wirklich los ist. Aber ich weiß schon, was los war", sagt Virginie Kamche.

Da habe ich mich hilflos gefühlt. Aber der liebe Gott hat mir geholfen. Jetzt mache ich was anderes, was mir auch wirklich gut gefällt.

Virginie Kamche, Fachpromotorin für Migration, Diaspora und Entwicklung in Bremen

Was los war? Möglicherweise gab es Vorbehalte, eine Frau, die auch mal eine andere Hautfarbe hat, als Lehrerin in der Schule zu sehen. Offen spricht sie darüber mit den Prüferinnen und Prüfern 2012 nicht. Die werden sicherlich ihre eigene Sicht auf den Sachverhalt gehabt haben.

Vom Kopf her hat sie verstanden, dass sie eben nicht für den Job als Französischlehrerein geeignet sei. Vom Bauch her bleibt ein ungutes Gefühl. Ihr subjektives Fazit: "Rassismus, diese Diskriminierung: Wenn man nicht davon betroffen ist, dann kann man nicht verstehen, was das bedeutet. Was das mit einem Menschen macht, wie schmerzhaft das ist." Bis heute könne sie sich nicht erklären, warum sie diese Lehrprobe nicht bestanden habe.

Aber man fällt runter, man steht wieder auf und sagt: 'Ja, ich muss weiterkämpfen!'. Nicht nur für mich, aber vielleicht für die anderen.

Virginie Kamche, Fachpromotorin für Migration, Diaspora und Entwicklung in Bremen

Wunsch nach mehr schwarzen Lehrkräften

Virginie Kamche wünscht sich mehr Vielfalt in allen Bereichen. Bremen hat eine große, tolle afrikanische Community. Die aber ein bisschen am Rande der Gesellschaft steht, findet sie.

Allerdings wird es besser, sagt sie: "Ich war heute in einem Laden, habe da eine afrikanische Kassiererin gesehen und so. Es kommt langsam, peu à peu."

Aber was ich mir wünsche: viele schwarze Abgeordnete, viele, die bei der Bank arbeiten oder die in der Schule sind. Weil in der Schule, da sind so viele Probleme. Unglaublich – weil manche Lehrer diese Kultur auch nicht verstehen.

Virginie Kamche, Fachpromotorin für Migration, Diaspora und Entwicklung in Bremen

Virginie Kamche wünscht sich mehr schwarze Lehrkräfte, damit es gute Vorbilder gibt und Menschen, die Kinder aus schwarzen Familien verstehen. Nur ein Beispiel, woran es hapert: In schwarzen Familien darf ein Kind einen Erwachsenen nicht angucken, wenn er oder sie mit ihm oder ihr ein ernstes Wort spricht.

Virginies Kamches Sehnsucht nach Veränderung ist groß. Sie will noch ein Buch schreiben, um die Geschichte ihres Lebens festzuhalten.

Ich weiß, es gibt keine Gerechtigkeit, aber zumindest eine Tendenz.

Virginie Kamche, Fachpromotorin für Migration, Diaspora und Entwicklung in Bremen

Ein Leben geprägt von Liebe und der Überzeugung: Es gibt genug für alle, ist sie überzeugt: "Wir sollen einfach mal lernen, wirklich zu teilen und zu lieben und zu mögen. Zu akzeptieren, wie wir sind und den anderen auch so zu akzeptieren, wie er ist. Ich weiß nicht, warum das so schwer ist?"

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Autor

  • Mario Neumann Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Podcast "Eine Stunde Reden", 5. Mai 2022, 21:05 Uhr