Landwirt im Bremer Umland: "Die Kosten fressen uns auf"

Welche Folgen hat die Düngerkrise für Bremerinnen und Bremer?

Bild: Imago | Martin Wagner

Bauern schlagen Alarm: Die Düngerpreise steigen wegen des Krieges in der Ukraine und den Sanktionen gegen Russland. Das werden auch Verbraucher zu spüren bekommen.

Der Raiffeisen-Landhandel Heidesand in Scheeßel, rund 1.200 Landwirte kaufen hier ein. Milchbauer Torsten Brockmann aus dem Landkreis Rotenburg ist einer von ihnen, sein Anhänger wird mit Mineraldünger beladen. Nicht 3.000 Euro wie im Frühjahr des Vorjahres muss er zahlen, sondern 7.500 Euro. 250 Milchkühe hat er im Stall, auch das Kraftfutter für seine Tiere verteuert sich mehr und mehr, dazu die stark gestiegenen Dieselkosten für seine Fahrzeuge. Wirtschaftlich arbeiten ist für ihn nicht mehr möglich. "Die Kosten fressen uns auf", sagt der Landwirt, "und da muss man gucken, wie man da das Gleichgewicht hält, um wirtschaftlich zu arbeiten." Im Klartext heißt das: Wirtschaftlich arbeiten kann er langfristig nur, wenn er mehr Geld für seine Produkte bekommt, mehr Geld von der Molkerei für seine Milch.

Ein Mann sitzt in einem Büro
Carsten Bahrenburg spricht über die Auswirkungen der Düngerkrise auf die Verbraucher. Bild: Radio Bremen

Möglich also, dass der Milchpreis im Supermarktregal steigt. Das wird passieren, aber nicht sofort, meint Carsten Bahrenburg. Er kauft für Heidesand Futtermittel oder Dünger ein und sagt aus Erfahrung, dass die Supermarktkunden es erst später spüren, was sich gerade im Landhandel abspielt: "Was wir heute hier haben, wird der Verbraucher erst in einem halben Jahr merken." Er geht davon aus, dass sich fast alle landwirtschaftlichen Produkte stark verteuern. Ebenso sehen es Agrarhändler und sprechen von einer Steigerung um 15 bis 20 Prozent, zumal auch die Futtermittel wie Getreide aus der Ukraine fehlen. Viele Landwirte stehen vor einer ungewissen Zukunft, weil niemand weiß, wann Importe aus dem Osten Europas wieder möglich sind.

Weniger Dünger, geringere Erträge

Die Bauern benötigen neben der Gülle Mineraldünger, damit die Pflanzen auf den Feldern gute Erträge abwerfen. Dabei geht es vor allem um Stickstoff, der das Wachstum deutlich fördert. Wollten die Landwirte also auf Dünger verzichten, würden sie das deutlich spüren. Milchbauern etwa hätten nicht genügend Futter für ihre Tiere und müssten dann die Herde verkleinern oder für viel Geld Futter dazukaufen. Milchbauern wie Torben Brockmann denken zwar darüber nach, den Mineraldüngereinsatz zu reduzieren, gehen damit aber ins Risiko.

Weniger Dünger bedeutet zwangsläufig weniger Erträge und letztendlich ist es das, wovon wir Landwirte leben, dass die Böden und Pflanzen Erträge bringen.

Jörn Ehlers, Vizepräsident des Landvolk Niedersachsen
Männer halten Düngemittel in den Händen
Düngermittel-Preise steigen aufgrund der Sanktionen gegen Russland stark an. Bild: Radio Bremen

Mineraldünger sind in der Herstellung sehr energieintensiv. Deshalb gehören Belarus und Russland, die über günstiges Gas verfügen, neben Ägypten und der Ukraine zu den Handelspartnern der Europäischen Union. Die Mineraldünger-Preise sind ohnehin wegen der steigenden Gaspreise stark angezogen, preistreibend kamen dann aber noch die Sanktionen gegen Russland hinzu. Die Düngerexporte hat Russland eingestellt. Seitdem reagieren Käufer und Verkäufer auf den Handelsplätzen sehr nervös, die Preissprünge sind mitunter heftig, was auch der Landhandel Heidesand in Scheeßel spürt. Der Wareneinkauf ist mit hohen Risiken verbunden, sagt Carsten Bahrenburg: "Das ist äußerst schwer, da wir nicht wissen, wann wir welche Ware zu welchem Preis nachziehen können. Die Angebote der Hersteller sind oftmals zeitlich begrenzt, dass man sagt, wir haben nur drei oder vier Stunden Zeit, eine gewisse Menge zu einem fixen Preis festzumachen."

Landwirte hoffen auf Hilfe seitens der Politik

Und die Bauern fragen sich, jetzt bestellen oder noch abwarten? Jetzt ist die Zeit, die Felder etwa für den Anbau von Winterroggen zu düngen. Da ist der Landwirt dem Preisspiel ausgeliefert. Er fühle sich, sagt der Schweinemäster Jörn Ehlers, mitunter wie ein Börsenmakler, der ständig die Preise und Börsennotierungen im Blick habe. Durch sehr niedrige Schweineschlachtpreise hat er ohnehin schwierige Zeiten hinter sich.

Wir können im Moment mit einem fehlenden Einkauf oder Verkauf mehr Geld verlieren, als wenn wir auf dem Acker einen schlechten Anbau machen.

Jörn Ehlers, Vizepräsident des Landvolk Niedersachsen
Ein Mann steht in enem Schweinestall
Jörn Ehlers sieht die Politik in der Verantwortung den Landwirten zu helfen. Bild: Radio Bremen

Er sieht die Politik gefordert und die EU-Agrarkommission hat angekündigt, die Agrarpolitik der EU auf den Prüfstand zu stellen. Flächen sollen eventuell wieder beackert werden, die aus ökologischen Gründen stillgelegt wurden. So hat Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) angekündigt, rund 1,2 Millionen Hektar dieser Flächen in Deutschland zu aktivieren, um Futtermittel anzubauen. Auch will er sich dafür einsetzen, dass Tiere im Ökolandbau nicht mehr ausschließlich mit ökologischem Futter gefüttert werden, weil das Ökofutter aus der Ukraine fehle. Einschnitte im Ökolandbau, Blumenrandstreifen für die Insekten werden umgepflügt - ein Spagat für den grünen Bundeslandwirtschaftsminister.

Die Ernährungssicherheit in Deutschland und in der EU stehen laut Landvolk-Vizepräsident Jörn Ehlers jedoch nicht auf dem Spiel. Er geht davon aus, dass einzelne Produkte eventuell fehlen, der Wert der Lebensmittel aber steige. Ehlers macht sich mehr Sorgen um die Lage in den Schwellen- und Entwicklungsländern, weil die auf die Exporte vor allem aus der Ukraine angewiesen sind. Ehlers: "Die müssen sich neue Lieferanten auf dem Weltmarkt suchen, was angesichts der Lage ausgesprochen schwierig ist."

Autor

  • Holger Baars Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 16. März 2022, 19:30 Uhr