Kommentar

Der Schrecken im Schifffahrtsmuseum ist noch lange nicht vorbei

Stiftungsrat des Bremerhavener Schifffahrtsmuseums zieht Konsequenzen

Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann

Die Leiterin geht – doch das bedeutet gar nichts, findet Bremerhaven-Reporter Boris Hellmers. Denn die alten Probleme werden auch die neuen Probleme sein.

Was ist eigentlich besser: Ein Ende mit Schrecken oder ein Schrecken ohne Ende? Beim Thema Deutsches Schifffahrtsmuseum (DSM) in Bremerhaven muss man sich gar nicht entscheiden – warum also oder? Heute tagte der Stiftungsrat, nachdem – um gleich noch mehr billige Sprichwörter zu bemühen – Pleiten, Pech und Pannen nochmal alle Register gezogen haben: Erst ein verheerendes Gutachten aus dem Inneren des Hauses, dann auch noch die Kündigung der Direktorin, die aber ohnehin pünktlich zum Krisen-Showdown ein Forschungsstipendium in den USA antritt. Was ist da eigentlich los?

Mit dem Abgang der Direktorin ist der Schrecken eben nicht zu Ende, im Gegenteil: Nichts ist anders als vorher. Die Museumsflotte verrottet im Alten Hafen, die Bauplanung für Bangert-Bau und Scharoun-Gebäude haken fest, die Finanzlöcher sind weiter riesig, die zugesagte Finanzierung für ein neues Museumsschiff, die "Najade", bröckelt schon wieder weg. Und vor allem: Für 2024 steht in diesem Bermuda-Dreieck offener Baustellen auch noch die nächste Evaluierung an. Fällt das Museum bei der Prüfung durch die Leibniz-Gemeinschaft durch, droht ein existentieller Teil der Finanzierung verloren zu gehen. Mit alledem darf und muss sich möglichst schnell eine neue Leitungsperson befassen.

Der Fehler: mit den Mängeln zu leben

Eine Frau blickt nachdenklich in die Ferne.
DSM-Chefin Sunhild Kleingärtner Bild: DPA | Ingo Wagner

Doch was könnte sie schon anders machen? Sie wird auf dieselben fundamentalen Probleme stoßen. Auf den Konflikt, dass die verschiedenen Beteiligten offenbar verschiedene Erwartungen an das Haus haben: Forschen oder ausstellen und vermitteln? Auf den Etat, der für die immensen technischen Lasten des Museums, Gebäude und Flotte, nicht ausgelegt ist. Auf eine kaufmännische Verwaltung, die offenbar nicht hilfreich dabei ist, diese Mängel wenigstens organisatorisch abzufedern.

Als größtes Defizit der Ära Kleingärtner dürfte in Erinnerung bleiben, dass sie mit den Mängeln gelebt hat und dass sie (zum Beispiel beim Stiftungsrat) mit diesem Laissez-faire durchgekommen ist. Ja, ihre wissenschaftlichen Leistungen werden oft gepriesen, auf diesen Auftrag hat sie selbst sich immer wieder berufen: Zu 85 Prozent sei das DSM ein Forschungsmuseum. Allerdings ist die promovierte Meeresarchäologin zu 100 Prozent verantwortlich für den Gesamtbetrieb – und damit auch für den nur scheinbar kleinen Rest von 15 Prozent Museumsanteil. Er ist für die Stadt, die Besucher und auch die Identität des Hauses viel zu wichtig, um ihn hinter der tatsächlich respektablen Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen verschwinden zu lassen.

Außen pfui, innen pfui

Ein Bagger zerstört den Schiffsrumpf.
Ein Symbol für den Niedergang der Museumsflotte: die "Seute Deern". Bild: Radio Bremen | Luca Laube

Der Schrecken wird weitergehen. Das Gutachten aus der Verwaltungs-Hölle hat nur gezeigt, dass es im Innern des Museums teilweise genauso aussieht wie davor, wo die "Seute Deern" offenbar ein Echtzeit-Indikator für das Gesamtkonstrukt DSM war: außen pfui, innen pfui. Allerdings ist das Gutachten auch ein Lichtblick. In seltener Klarheit und deutlichem Ton hat die neue Verwaltungschefin Katharina Horn aufgeführt, was nicht läuft – und klar gemacht, dass es so nicht weitergehen kann. Dass das nicht allen gefällt, ist klar. Doch wenn DSM-Mitarbeiter in einen anonymen Brief zum wohl ziemlich schonungslosen Regime Katharina Horns schreiben: "Wenn sich hier nicht schnell etwas ändert, kann das Folgen für das DSM haben", dann kann man eigentlich nur sagen: Hoffentlich!

So könnte die neue Verwaltungschefin sogar zum Rollenmodell für eine neue Gesamtleitung werden: Lauter sein, klarer werden, nichts mehr wegwarten und sagen, was geht und was nicht: Das wäre vielleicht der einzige Weg, das ganze DSM aus der Krise zu führen. Notfalls auch um den Preis, dass das Museum am Ende nicht mehr dasselbe ist wie heute.

Autor

  • Boris Hellmers

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 6. Januar 2022, 19.30 Uhr