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Corona-Lockerungen: Wieso Bremen es nicht wie Dänemark machen sollte

eine Gesichtsmaske liegt auf dem Boden
Dänemark lässt alle Masken fallen – die Corona-Maßnahmen werden aufgehoben. (Symbolbild) Bild: DPA | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres

Während Bremen vorsichtig über Lockerungen diskutiert, hat Dänemark die Maßnahmen gestrichen. Geht das auch hier? Nein, sagen die Forscher Dotzauer und Zeeb – noch nicht.

Die 7-Tage-Inzidenz der Neuinfizierten lag in Dänemark Ende Januar bei fast 5.500. Damit ist sie fast dreimal so hoch wie im Land Bremen und fast fünfmal so hoch wie in der Bundesrepublik. Doch während die Politik in Bremen, angetrieben von Regierungschef Andreas Bovenschulte (SPD), diese Woche wohl nur über kleinere Lockerungen sprechen wird, hat Dänemark zum 1. Februar fast alle Corona-Maßnahmen abgeschafft.

"Wir sagen Auf Wiedersehen zu Einschränkungen und Hallo zu dem Leben, das wir vor Corona kannten", sagte dazu Dänemarks sozialdemokratische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen am vergangenen Mittwoch – ein Satz, der derzeit weder dem Bremer Virologen Andreas Dotzauer noch dem Bremer Epidemiologen Hajo Zeeb über die Lippen käme. Sie mahnen weiter zur Vorsicht.

Wieso ist in der Bundesrepublik Deutschland und in Bremen nicht an solch’ einen radikalen Schritt im Umgang mit der Pandemie zu denken wie in Dänemark, wo doch viel mehr Menschen infiziert sind?
Für den Bremer Epidemiologen Hajo Zeeb gibt es dafür vor allem eine politische Erklärung:"In Dänemark war die Eigenverantwortung in der Pandemie von Beginn an ein großes Thema. Wir hatten aus guten Gründen ein ziemlich rigides Corona-Management." Zeeb verweist in diesem Zusammenhang auf die hohe Bevölkerungsdichte Deutschlands, auf das hohe Durchschnittsalter der Bevölkerung und auf die schleppend verlaufende Impfkampagne.
Der Epidemiologe Hajo Zeeb im Studiogespräch bei buten un binnen.
Kann sich "nach Prüfung" Lockerungen in naher Zukunft vorstellen: der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb. Bild: Radio Bremen
Bremen ist bundesweit weit vorn beim Impfen. Wo liegen dennoch entscheidende Unterschiede zu Dänemark?
Tatsächlich sieht Zeeb zwischen Bremen und Dänemark viele Parallelen. "Wir sind beim Impfen Dänemark näher als Sachsen", sagt der Wissenschaftler etwa. Tatsächlich lag die Quote für die Dreifach-Geimpften laut Robert Koch-Institut (RKI) in Bremen Ende Januar bei 59 Prozent und in Dänemark mit 61 Prozent nur um zwei Prozentpunkte höher. Bei den vollständig Geimpften übertraf Bremen Dänemark zum gleichen Zeitpunkt mit einer Quote von knapp 87 Prozent gegenüber 81 sogar.

Trotzdem mahnt Zeeb für Bremen zur Vorsicht: Leider seien noch viele ältere Menschen in Bremen nicht geboostert. Tatsächlich liegt die Booster-Quote bei den Über-60-jährigen in Bremen (Stand: 31. Januar) laut RKI bei 82,5 Prozent. In Dänemark, so der Infektionsmediziner Thomas Benfield in der Tagesschau, liegt die Booster-Quote bei der ältesten Bevölkerungsgruppe bei über 95 Prozent.
Der Bremer Virologe Andreas Dotzauer im Studio von buten un binnen  mit Sportblitz.
Warnt vor möglichen neuen Virusvarianten: der Bremer Virologe Andreas Dotzauer. Bild: Radio Bremen
Und wenn es Bremen trotzdem wie Dänemark machen und die Corona-Maßnahmen einfach weitgehend abschaffen würde?
"Die Infektionszahlen bei uns würden sofort in die Höhe schnellen. Das Risiko wäre viel zu groß", sagt der Bremer Virologe Andreas Dotzauer. Glücklicherweise seien die Infektionszahlen in Bremen derzeit nicht so hoch wie in Dänemark. Und das sei auch deshalb gut so, weil niemand mit Gewissheit sagen könne, was passieren würde, wenn die Zahlen in Bremen weiter stiegen.

Dotzauer denkt dabei vor allem an die Belastung der Krankenhäuser. Zwar sei festzustellen, dass diese Belastung bislang trotz steigender Infektionszahlen offenbar nicht größer geworden ist. Dotzauer sagt aber auch: "Die Zahlen aus den Krankenhäusern sind labil." Es sei angebracht, die Lage vor weitreichenden politischen Entscheidungen zunächst noch eine Weile zu beobachten und zu analysieren.
Welche Risiken sollte man neben der Belastung der Krankenhäuser vor möglichen Lockerungen ebenfalls im Blick behalten?
Der Epidemiologe Hajo Zeeb fände es sinnvoll, vorab genau zu analysieren, wie die gesamte kritische Infrastruktur derzeit aufgestellt ist, und in welchem Umfang sich Ausfälle kompensieren ließen – oder eben nicht.

Der Virologe Andreas Dotzauer gibt zu bedenken: "Delta ist auch noch da." Entsprechend könnten Lockerungen der Corona-Maßnahmen auch weitere Erkrankungen mit der Delta-Variante nach sich ziehen, die oft schwerer verliefen als jene mit der Omikron-Variante.

Zudem sagt der Virologe: "Je mehr Infektionen stattfinden, desto öfter bilden sich Virusvarianten." Darauf solle man es nicht anlegen. Schon gar nicht, so lange die Quote bei den Booster-Impfungen noch niedrig sei. "60 Prozent sind deutlich zu wenig", stellt Dotzauer klar.
Wenn Bremen es schon nicht so machen sollte wie Dänemark – wären nicht zumindest ein paar Lockerungen angebracht?
Andreas Dotzauer und Hajo Zeeb sind sich einig darin, dass Bremen die Lage insbesondere in den Krankenhäusern noch eine Weile beobachten sollte, bevor das Land über größere Lockerungsschritte diskutiert. Einige "Lockerungen mit Augenmaß" kann sich Zeeb aber für die nahe Zukunft "nach Prüfung" vorstellen.

Der Epidemiologe denkt dabei etwa daran, dass Bremen 2G-Plus- und 2G-Regeln kippen könnte. Auch die Kontaktnachverfolgung, die derzeit ohnehin kaum funktioniere, könnte das Land unter Umständen einstellen.

"An der Maskenpflicht aber würde ich erst einmal nichts ändern. Die Masken sind wichtig", betont Zeeb. Dass Dänemark die Masken gerade weitgehend fallen lässt, findet der Wissenschaftler "gewagt".

Wann kommen Corona-Lockerungen für Bremens Einzelhandel?

Bild: DPA | Peter Kneffel

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Dieses Thema im Programm: ARD-Morgenmagazin, Das Erste, 31. Januar, 5.30 Uhr