Interview

Bremer Forscher Hajo Zeeb: Wir haben Pandemie und Endemie zugleich

Corona-Maßnahmen in Bremen verlängert.
Die Corona-Pandemie ist in der Bremer Gesellschaft sehr präsent. Es gilt als sicher, dass des Virus endemisch bei uns wird. Bild: DPA | Sina Schuldt

Viel ist von einem nahen Ende der Corona-Pandemie die Rede. Epidemiologe Zeeb aber sagt: Wir sollten uns nicht zu früh freuen. Er hält den Fortgang der Pandemie für offen.

Zwar schnellen die Corona-Zahlen weiter in die Höhe. Dennoch fallen mit dem 2. April vielerorts die meisten Schutzmaßnahmen weg. Baden-Württembergs Gesundheitsämter fordern Bund und Länder gar zu einem noch weiter reichenden Strategie-Wechsel im Umgang mit Corona auf.

In einem gemeinsamen Positionspapier empfehlen die Ämter, dass Politik und Gesellschaft mit Corona genauso umgehen sollten wie mit anderen Infektionskrankheiten. Insbesondere fordern sie das Ende ungezielter Coronatests sowie der Isolations- und Quarantäneregeln. Die Gesundheitsämter begründen Ihre Forderungen unter anderem damit, dass wir uns in einer Übergangsphase zwischen Corona-Pandemie und -Endemie befänden. Der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb schätzt die Lage etwas anders ein als die Gesundheitsämter in Baden-Württemberg.

Eine Flasche mit verschiedenen Impfstoffen.
Auf das Impfen kommt es an. Um Corona in den Griff zu kriegen, hält Epidemiologe Hajo Zeeb einen hohen Immunschutz für entscheidend. Bild: Imago | Lobeca
Herr Zeeb, mit dem 2. April fallen fast alle Corona-Schutzmaßnahmen in Bremen weg. Dabei fordern immer mehr Menschen, darunter Bremens Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard, Bremen analog zu Hamburg zum Corona-Hotspot zu erklären. Fänden Sie das richtig?
Wir haben hier in den letzten Tagen eine deutliche Dynamik nach oben erlebt, was die Infektionszahlen angeht, und mit der Erklärung zum Hotspot gibt es einfach mehr Handlungsmöglichkeiten. Mir scheint das durchaus sinnvoll zu sein.

Die Krankenhäuser in Bremen kommen mit der derzeitigen Situation zwar ganz gut klar. Trotzdem muss ich sagen, dass ich mir Sorgen mache: Wir haben wahnsinnig hohe Zahlen. Dass jetzt fast alle Schutzmaßnahmen wegfallen, wird das Infektionsgeschehen am Kochen halten.
Trotz der vielen Toten und der hohen Infektionszahlen sagen viele Experten, dass wir bereits den Übergang von der Pandemie zur Endemie erreicht hätten. Was ist der Unterschied zwischen einer Pandemie und einer Endemie? 
Unter einer Pandemie versteht man das unerwartet starke Ausbreiten einer Infektionskrankheit – und zwar in mehreren Ländern. Die Pandemie ist also eine Epidemie, die nicht nur in einem Land, sondern in mehreren Ländern stattfindet. 

Bei der Endemie dagegen haben wir eine beständige, aber niedrigere Zirkulation einer Infektionskrankheit. Das heißt nicht, dass eine Endemie unproblematisch ist! Sie ist nur eben ein "Dauergast" in einer bestimmten Region. Man kennt das weltweit etwa von Malaria oder von der Tuberkulose, die in einigen afrikanischen Ländern endemisch verbreitet sind. Sie verbreiten sich aber nicht mehr in so großen Wellen, wie es für eine Epidemie oder eben für eine Pandemie typisch ist. 
Würden Sie sagen, dass wir diesen Übergang von der Pandemie zur Endemie bei Corona in Deutschland schon erreicht haben oder zumindest kurz davor stehen?
Das ist schwer zu sagen. Dazu dürfte es nicht mehr zu so großen Wellen kommen. Auch müsste man die dauerhafte Verbreitung erst einmal über eine gewisse Zeit beobachten. Es müsste sicher sein, dass sich kein epidemischer Zustand wieder einstellen wird, bevor man von einer Endemie spräche. Aber da sind wir bei dem Thema Varianten. Neue Varianten, die wir immer wieder gesehen haben, haben bisher immer wieder neue Wellen gebracht. Was noch für Varianten entstehen werden, wissen wir einfach nicht. 

Andererseits können wir sagen, dass wir durchaus relativ beständig ein – leider ziemlich hohes – Infektionsgeschehen haben. Außerdem haben wir durch die vielen Krankheiten und durch die Impfungen ein insgesamt recht hohes Immunitätsniveau erreicht. Trotzdem ist nicht davon auszugehen, dass das Virus wieder komplett verschwinden wird. Daher würde ich eher sagen: Wir kommen in den endemischen Zustand. Aber wann das genau ist, da streiten sich die Geister.
Eine animierte Visualisierung der Omikron-Virusvariante
Der weitere Verlauf der Corona-Pandemie hängt auch davon ab, welche Varianten sich aus Omikron noch entwickeln. Bild: Imago | MiS
Kann man sagen, dass wir gerade beides haben: eine Pandemie und eine Endemie?
Ja. Zumal man eben nicht von einer "Pandemie in Deutschland" sprechen kann. Sie verbreitet sich weltweit in unterschiedlichen Ländern und Wellen. Man denke nur an China, wo gerade wieder neue Ausbrüche stattfinden. In anderen Ländern ist man schon im endemischen Zustand, beispielsweise in einigen Ländern im südlichen Afrika. Da hatte sich die Krankheit stark ausgebreitet. Viele Menschen haben sich in der Folge mehrfach infiziert, sodass die Bevölkerung dort insgesamt eine hohe Immunität aufgebaut hat. 

Auch bei der Endemie gibt es einen Flickenteppich, nicht nur bei den Corona-Regeln. Der endemische Zustand stellt sich nach und nach ein, und die unterschiedlichen Länder sind in einer unterschiedlichen Situation.
Trotz der offenbar noch unklaren pandemischen Lage bei uns und der sehr hohen Infektionszahlen sagen die Gesundheitsämter in Baden-Württemberg, dass wir auf ungezielte Corona-Tests wie durch die kostenlose Bürgertestung verzichten sollten. Die Tests seien nicht nur teuer, sondern hätten außerdem kaum einen Einfluss auf das Pandemiegeschehen. Zudem  sei der Kontrollaufwand zu hoch. Wegen der kurzen Inkubationszeit der Omikron-Variante kämen die Tests ohnehin meist zu spät. Wie sehen Sie das?
Da gehe ich mit den baden-württembergischen Gesundheitsämtern. Natürlich sind die Tests immer noch gut, um für sich persönlich zu klären: Habe ich Corona oder eine andere Erkrankung. Aber für das Management der Gesundheitsämter sind die kostenlose Tests nicht hilfreich. Sie haben auch keinen systematischen Einfluss mehr auf die Kontrolle des Ganzen, kosten aber natürlich viel Geld. Daher würde ich die kostenlosen Bürgertests für alle auch abschaffen. Nur diejenigen, die Symptome haben, sollten sie weiterhin bekommen.
Der Epidemiologe Hajo Zeeb im Studiogespräch bei buten un binnen.
Hält neue Corona-Varianten für denkbar: Epidemiologe Hajo Zeeb. Bild: Radio Bremen
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach möchte die Isolations- und Quarantäne-Zeiten verkürzen. Auch Bremens Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard hat sich dafür ausgesprochen. Die baden-württembergischen Gesundheitsämter gehen noch weiter: Sie wollen, wie in der Schweiz bereits geschehen, die Quarantäne- und Isolationspflicht ganz abschaffen. Sie sei aufgrund der mäßigen Belastung der Kliniken mit Corona-Patienten unverhältnismäßig, bringe zu große Freiheitsbeschränkungen mit sich und greife in der Regel zu spät, um Ansteckungen zu verhindern. Teilen Sie diese Einschätzung?
Das sehe ich ein bisschen anders. Ich finde es richtig, dass, wer von seiner infektiösen Erkrankung weiß, die Isolation einhält. Man kann natürlich darüber diskutieren, inwiefern man das gesetzlich regeln muss. Aber aus infektionsepidemiologischer Sicht ist es gut, wenn sich Infizierte isolieren, damit sich das Virus nicht unkontrolliert weiter verbreiten kann. Das hat auch etwas mit der Verantwortung zu tun, die wir für uns und für andere tragen. 

Was die Dauer der Isolation angeht: Da scheinen mir fünf Tage, wie gerade im Gespräch, allerdings auszureichen. Man geht zwar mit dieser Verkürzung ein kleines Risiko ein. Dieses Restrisiko halte ich aber für vertretbar. 
Apropos vertretbar: Sie haben eingangs dieses Gesprächs gesagt, dass Sie derzeit noch an einigen Schutzmaßnahmen festhalten würden. Welche erscheinen Ihnen besonders wichtig?
Die Masken in Innenräumen sind sehr wichtig, um das Infektionsgeschehen zu bremsen. Sorge bereitet mit auch, dass durch die Stoßrichtung der Diskussion um Schutzmaßnahmen die Aufmerksamkeit für das Thema Impfen verloren geht. Man hätte das anders aufbauen sollen. Man hätte den Leuten sagen müssen: Wir können es uns leisten, auf Schutzmaßnahmen zu verzichten, wenn wir unseren Impfschutz konsequent aufrecht erhalten und noch weiter entwickeln. Wie gesagt: Für Menschen mit schlechtem Impfschutz ist Corona immer noch sehr gefährlich, wie man an den vielen Toten sieht.

Darum will Claudia Bernhard Bremen zum Corona-Hotspot machen

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 1. April 2022, 19.30 Uhr