Interview

Knigge-Expertin: "Unsere guten Manieren sind nicht weg, sie ruhen nur"

Ein Schild, das ein freundlich lächelndes Gesicht und zwei durchgestrichen Hände, die zum Gruß gereicht werden, zeigt, hängt an der Eingangstür eines Gymnasiums.
Laut der Deutschen-Knigge-Gesellschaft haben einige durch die Corona-Pandemie erlernten Regeln durchaus ihren Sinn und Zweck, wenn es zum Beispiel um Höflichkeit und Toleranz geht. Bild: DPA | Felix Kästle

Viele Vorwürfe, ein rauer Umgangston und Hamsterkäufe – Szenen einer Pandemie. Haben wir unsere guten Manieren verloren und was hätte Knigge wohl dazu gesagt?

Das Leben in einer Pandemie ist anstrengend. Seit fast zwei Jahren bestimmen immer neue Verhaltensregeln den Alltag von Bremerinnen und Bremern. Selbst der positivste Mensch ist mittlerweile genervt – zumindest manchmal. Was sich früher unbeschwert und leicht angefühlt hat, ist heute ungewiss. Es wird besser werden, doch wann, das weiß niemand so genau. Das zerrt an den Nerven, glaubt auch Knigge-Expertin Linda Kaiser. Doch haben wir durch die Pandemie wirklich all unsere guten Manieren über Bord geworfen?

Frau Kaiser, Adolph Freiherr Knigge ist vor rund 225 Jahre in Bremen gestorben und wurde im Bremer Dom beigesetzt. Inwiefern sind die typischen Knigge-Themen, wie Anstand, gutes Benehmen, höfliche Umgangsformen oder gute Manieren heute überhaupt noch aktuell?
Das einzige wirkliche Knigge-Thema in dieser Aufzählung ist der Anstand. Gutes Benehmen, höfliche Umgangsformen und gute Manieren waren zu Knigges Zeiten einfach eine Grundvoraussetzung. Unser Vorstandsvorsitzender hat einmal einen guten Satz formuliert: "Wir alle wollen gesehen, gehört und verstanden werden." Das fasst genau das zusammen, worum es uns allen geht und worum es auch Knigge ging, nämlich um Respekt und Wertschätzung. Deswegen sind Dinge wie Anstand, gute Umgangsformen oder Manieren auch heute noch aktuell und wichtig, weil das die Möglichkeit ist, diesen Respekt und die Wertschätzung auch auszudrücken, sichtbar und fühlbar zu machen. Das ist eine Sprache, die jeder versteht.
Also ist das bei vielen Menschen gängige Bild von Knigge-Empfehlungen gar nicht so zutreffend?
Ja, Knigge ging es weniger um Formalitäten. Es war ihm wichtig, die Empathie zwischen den Menschen zu fördern und dadurch das Miteinander zu stärken.
Gegenseitige Empathie in Zeiten von Corona: Wie passt das zusammen?
Die übergeordneten Knigge-Ziele, wie ein respektvoller Umgang, wertschätzendes Miteinander oder Toleranz sind gerade in Krisenzeiten ganz, ganz wichtig. Die Betonung sollte man hierbei auf das Wort "gut" legen, was ist der "gute" Umgang miteinander? Gut heißt eben, wohlwollend und wertschätzend im Miteinander, aber auch gut zu sich selber zu sein. Knigge hat selber gesagt: Nur, wenn es mir selber gut geht, kann ich auch gut mit anderen Menschen umgehen. Vielleicht kann man gerade hier in einer Zeit der Krise anfangen und schauen, dass es einem selbst gut geht, um dann mit mehr Entspannung und Ruhe auf andere zugehen zu können.
Das könnte vielen Menschen nicht gerade leicht fallen.
Man muss es immer situationsbedingt sehen. Es geht natürlich nicht um eine Horde an Gutmenschen, die alle nur noch lieb und nett zueinander sind und um das Impfzentrum tanzen. Aber eine positive Grundeinstellung hilft, unser Verhalten anzupassen – je nach Anlass. Es kann sein, dass wir mal einen Schritt zurücktreten und jemand anderem den Vortritt lassen. Wenn wir mal die Ellenbogen einsetzen müssen, sollten wir das lieber mit Umsicht machen.
Welche höflichen, respektvollen oder eingespielten Verhaltensweisen haben sich durch bestehende Corona-Regeln verändert?
Sämtliche Rituale, die mit Nähe und Körperkontakt zusammenhängen sind schwierig umzusetzen, solange man sich nicht innerhalb der Familie bewegt. Bei Begrüßungen ist es etwas paradox, aus dem Handschlag wurde in Zeiten von Corona die Faust oder der Ellenbogen. Damit ist man sich eigentlich genauso nah, wie beim Handschlag, wenn nicht sogar näher. Im gesellschaftlichen Kontext ist Berührung aber gar nicht so notwendig. Es reicht ja schon, sich einander zuzuwenden und miteinander zu sprechen oder auch vorausschauend höflich zu handeln.
Woran denken Sie hier?
Hier geht es zum Beispiel darum, die Türe aufzuhalten und dabei nicht im Weg zu stehen. Man kann hinter die Tür zurücktreten und sie gleichzeitig als Barriere nutzen. Vieles geht auch zu Corona-Zeiten sehr gut, man muss nur manche Details abändern. Dann murmelt man eben nicht nur im Vorbeigehen etwas über die Schulter, sondern bleibt tatsächlich stehen und wendet sich mit Abstand dem Gegenüber zu und schon ist man in Kontakt.
Haben die Veränderungen auch Vorteile?
In der klassischen Knigge-Vermittlung geht es auch immer um Distanz-Zonen und darum, dass wir dem Gegenüber Raum lassen. Das war übrigens auch schon vor Corona so. Von daher ist es für Menschen, die nach Knigges Ratschlägen leben, gar nicht so ungewöhnlich, eineinhalb oder zwei Meter Abstand zu halten, insbesondere im öffentlichen Bereich, wo wir einander ja gar nicht kennen. Man kann es derzeit also eigentlich genießen, seinen Raum zu haben. An der Kasse oder beim Einsteigen in den Bus wird nicht gedrängelt.
Wie sieht es mit den viel zitierten Tischmanieren aus?
Die sind in gewisser Weise wiederentdeckt worden. Man sitzt jetzt wieder öfter in den Familien zusammen und hat ein bisschen mehr Zeit füreinander. Man isst zusammen und legt darauf auch wieder mehr Wert.
"Wir haben in der Pandemie unsere guten Manieren verloren". Inwiefern stimmen Sie dieser Behauptung zu?
Ich bin da anderer Meinung. Die guten Manieren sind noch da, sie sind ja nicht plötzlich weg. Aber vielleicht ruhen sie im Moment ein wenig. Aber die seit zwei Jahren andauernde Lage, die uns mit Stress, Überforderung und Unsicherheit doch stark in Anspruch genommen hat, führt dazu, dass man ein bisschen dünnhäutiger ist. Ab und zu vergisst man dann die gute Kinderstube, weil man selber so angespannt ist.
Ein Gedankenspiel: Adolph Freiherr Knigge findet sich zum Höhepunkt der Hamsterkäufe in einem Bremer Supermarkt wieder. Welches Verhalten würde ihn verwundern und ihm wohl übel aufstoßen?
Er wäre nicht verwundert. Zu Knigges Lebzeiten waren die Umstände wahrscheinlich wesentlich unangenehmer, unattraktiver und schwieriger. Wenn wir heute dann mal die Lieblingsmarke beim Mehl nicht bekommen, dann kaufen wir eben ein Toastbrot. Es gibt ja für alles Alternativen. Ich denke, dass Knigge sich heutzutage sehr, sehr wohlfühlen würde. So viel Luxus und angenehme Möglichkeiten zu überleben gab es zu seiner Zeit gar nicht. Ich glaube, er wäre überrascht, wie gut die ständeübergreifende Interaktion tatsächlich funktioniert. Dafür ist er eingetreten, dass Menschen, egal, wo sie herkommen, gut miteinander interagieren können und respektvoll und wertschätzend behandelt werden. Uns ist oft nicht bewusst, dass das eine unglaubliche Errungenschaft ist, in der wir uns heute bewegen.
Was würde ihm sonst noch auffallen?
Ihm würde das nachlässige Auftreten und die schlechte Kleidung auffallen, in der die Menschen teilweise herumlaufen. Nicht nur im Home-Office, sondern auch auf der Straße. Hier geht es nicht um Mode, da darf sich jeder austoben. Mit nachlässig meine ich Menschen, die es nicht für nötig halten, ihre Sportkleidung abzulegen, wenn sie in die Stadt oder ins Restaurant gehen. Man macht sich so wenig Gedanken, wie man in der Gesellschaft auftritt. Aber dieses Phänomen gibt es schon sehr, sehr lange. Nicht jeder hat ein gutes Fingerspitzengefühl für den Punkt, wo Lässigkeit in Nachlässigkeit wechselt.
Welche neuen Verhaltensweisen aus der Corona-Pandemie werden womöglich für immer bleiben?
Das Händeschütteln wird auf jeden Fall wieder zurückkommen, sobald das "Go" dafür kommt. Ich hoffe, dass so etwas wie Abstand erhalten bleibt, dass wir festgestellt haben, dass es eben nicht schneller an der Kasse geht, wenn wir dem Anderen den Einkaufswagen in die Hacken rammen. Das Leben funktioniert auch so. Es gibt Menschen, und die gab es auch schon vor Corona, die nicht berührt werden möchten. Die keine Umarmung und auch keinen Handschlag haben möchten. Ich hoffe, dass wir gelernt haben, das in der Körpersprache zu lesen, zu akzeptieren und nicht mehr zu hinterfragen.

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Bild: Radio Bremen

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