Fragen & Antworten

EMA erlaubt Impfstoff für Kinder ab 5: Das müssen Bremer Eltern wissen

Symbolbild zeigt im Hintergrund ein Mädchen mit Maske, was gegen Covid geimpft wird
Kommen auch in Deutschland Impfungen für Fünf- bis Elfjährige? In den USA oder Israel ist dies bereits der Fall. Bild: DPA | Laci Perenyi

In der EU dürfen jetzt auch unter 12-Jährige gegen Corona geimpft werden. Während die Stiko das noch prüft, sind sich Bremer Experten uneinig über den Nutzen.

Nach den USA und Israel hat sich nun auch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) für das Impfen von Kindern zwischen fünf und elf Jahren ausgesprochen und die entsprechende Zulassung erteilt. Impfungen sind damit bereits jetzt möglich. Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat sich zu den Beschlüssen bislang noch nicht geäußert, ob – und zu wann – die Stiko eine entsprechende Empfehlung aussprechen wird, ist unklar. Zuletzt war von Mitte Dezember die Rede. Viele Bremerinnen und Bremer sind verunsichert: Sind Covid-Impfungen für unter 12-Jährige sinnvoll und ethisch vertretbar? Die wichtigsten Fragen, die insbesondere Eltern jetzt haben, im Überblick.

Sollten auch Kinder zwischen fünf und elf Jahren aus medizinischer Sicht gegen das Coronavirus geimpft werden?
Hier gibt es in Expertenkreisen bislang ein geteiltes Echo. Bernd Mühlbauer ist Direktor des Instituts für Pharmakologie am Klinikum Bremen-Mitte und spricht sich klar gegen eine Impfung von Kindern unter 12 Jahren aus. "Je jünger sie sind, desto unwahrscheinlicher ist für sie eine Erkrankung an Covid-19", sagt Mühlbauer. Man sehe keine Kinder auf den Intensivstationen und nur sehr selten welche auf den normalen Stationen. Kinder steckten diese Erkrankung allgemein gut weg, so Mühlbauer. Er sieht einer entsprechenden Impfung grundsätzlich skeptisch entgegen. "Wenn wir jetzt sagen, wir impfen fünf- bis elfjährige Kinder, verabreichen wir ihnen eine Impfung, deren Risiko wir nicht endgültig abschätzen können, um sie vor einer Infektion zu schützen, die sie nicht ernsthaft bedroht", sagt der Pharmakologe. Letzteres sei wissenschaftlich bewiesen.
Der Bremer Kinderarzt Stefan Trapp wartet zunächst die Einschätzung der Ständigen Impfkommission ab. "Wenn man gesund ist und das Kind in einem gesunden Umfeld lebt, würde ich dazu raten, entspannt abzuwarten, was die Stiko empfiehlt", sagt Trapp. Er befürwortet die Impfungen grundsätzlich, ist gleichzeitig aber zurückhaltend. "Ich glaube, dass wir Kinder gefahrlos impfen lassen können, aber wir wissen es natürlich erst, wenn wir Erfahrungen haben", sagt er. Trapp empfehle die Impfung für alle unter 12-Jährigen erst, wenn auch die Stiko diese empfehle.
Gibt es abseits der medizinischen eine ethische Verantwortung, Kinder jetzt auch zu impfen?
Pharmakologe Mühlbauer findet die Impfungen ethisch fragwürdig. Er habe keinesfalls den Eindruck, dass es sich um eine schädliche und nebenwirkungsbehaftete Impfung handele. "Aber aus vorbeugendem Gesundheitsschutz wissen wir über die Sicherheit dieser Impfung, insbesondere bei Kindern, sehr wenig", sagt Mühlbauer. Das rechtfertige nicht den breiten Einsatz, um sie vor etwas zu schützen, das sie gar nicht gefährde. Für Stefan Trapp ist neben einer sorgfältigen Abwägung wichtig, auch die Gesellschaft im Blick zu behalten. "Auch Kinder sind in einer sozialen Verantwortung für die Gesellschaft, um das Kursieren des Virus einigermaßen zu unterbinden", findet der Kinderarzt. Gleichzeitig sei der Anteil dieser Altersgruppe in der Bevölkerung sehr klein. "Sie machen relativ wenig aus im Vergleich zu den vielen Erwachsenen, die sich wider besseren Wissens aus Dummheit, Ignoranz oder irrationaler Angst nicht impfen lassen." Auch Pharmakologe Bernd Mühlbauer sieht vor allem Erwachsene in der Pflicht. "Kinder zu impfen, die persönlich nichts davon haben, damit sich die Lehrerin, die eine Impfgegnerin ist, nicht impfen lassen muss, das ist nicht in Ordnung", sagt er.
Viele Eltern haben Angst, dass ihr Kind nach einer Infektion an Long-Covid oder dem PIM-Syndrom (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome) erkranken könnte und möchten es allein aus diesem Grund impfen lassen. Ist eine Impfung aus dieser Sorge heraus sinnvoll?
Mit Blick auf Long-Covid gebe es gerade bei Kindern sehr wenige Daten, so Trapp. "Natürlich gibt es Kinder, die einen schwereren Verlauf haben und die eine Zeit brauchen, sich von der Lungenschädigung zu erholen", sagt der Arzt. Dass Long-Covid bei Kindern und Jugendlichen eine große Rolle spielt, könne man bisher nicht sagen. "Das ist so selten, dass hier noch keine guten Daten vorliegen. Es ist mehr eine Angst, die geschürt wird, als ein tatsächliches Problem", sagt Trapp. PIMS sei ein schweres Krankheitsbild, das sehr selten aber intensivmedizinisch sehr gut beherrschbar sei. Auch Bernd Mühlbauer sieht in PIMS keinen relevanten Grund in der Abwägung einer Impfung. "Ja, PIMS gibt es, aber extrem selten. Zu selten, um die Impfung zu rechtfertigen", sagt der Pharmakologe. "Diese Ängste vor Krankheitsverläufen im Kindesalter muss man nicht haben – nicht mehr, als bei anderen Erkrankungen auch", sagt Trapp.
Wie hoch ist die derzeitige Nachfrage für Impfungen für unter 12-Jährige und wie wären Kinderimpfungen logistisch machbar?
In der Huchtinger Gemeinschaftspraxis von Kinderarzt Stefan Trapp ist die mögliche Impfung ein Thema, jedoch "kein brennendes", so der Mediziner. Der aktuelle Fokus liege auf der aktuell heftigen saisonalen Infektwelle und darauf, die Corona-Impfungen für Jugendliche ab 12 Jahren zu organisieren. Das Bremer Gesundheitsressort gibt an, man werde das Vorgehen in Sachen Kinder-Impfungen weiterhin gemeinsam mit den impfenden Ärztinnen und Ärzten beraten. Wer im Falle einer Stiko-Empfehlung die Kinder impft, ist noch offen. "Noch ist nicht geklärt, ob die öffentlichen Impfstellen überhaupt Impfstoff für Kinder erhalten werden, oder ob nur die Niedergelassenen impfen können", sagt Behördensprecher Lukas Fuhrmann. Kinderarzt Trapp hofft schon jetzt auf eine Änderung bei der Impfstoff-Lieferung. "Sollte die Stiko-Empfehlung kommen, wäre es dringend nötig, dass die Hersteller den Impfstoff anders konfektionieren", sagt Trapp. Bei den Jugendlichen müsse man derzeit, wie bei Erwachsenen, pro Ampulle sieben Personen einbestellen, wenn kein Impfstoff weggeworfen werden soll. Bei den Kinder-Impfungen brauche man für eine Erwachsenen-Ampulle 20 Kinder – aufgrund der verringerten Dosis von einem Drittel der sonst üblichen Menge. Trapp und sein Team wünschen sich künftig Einzeldosen, die im Praxisalltag verimpft werden können.
Wie wird sich die Stiko positionieren?
Die Stiko arbeitet nach eigenen Angaben bereits seit dem 9. November an einer entsprechenden Empfehlung. Dies teilte der Vorsitzende der Stiko, Thomas Mertens, der Zeitung "Rheinische Post" mit. Der Impfstoff werde jedoch nicht vor Mitte Dezember 2021 zugelassen, heißt es weiter. Während es für Bernd Mühlbauer außer Frage stand, dass die EMA für eine Impfung von unter 12-Jährigen grünes Licht geben würde, bleibt er bei einer Prognose für die Entscheidung der Stiko vage. "Ich bin sehr gespannt, wie die Stiko reagiert. Dass die Stiko immer unter einem erheblichen politischen und administrativen Druck steht, ist klar. Aber mit der Empfehlung werden sie sich jetzt noch ein bisschen schwerer tun", glaubt Mühlbauer. Er vermutet, dass sich die Stiko zurecht "ein bisschen zurückhalten" und in ihrer Begründung auf den individuellen Einzelfall pochen werde. Stefan Trapp sieht unabhängig von der Entscheidung der Stiko vor allem die Politik in der Pflicht, konsequenter durchzugreifen. "Ich habe Angst, dass sobald wir jetzt die Kinder impfen dürfen, die Politik dann wieder Druck auf die Kinder und die Familien ausübt, sich impfen zu lassen – weil sie nicht in der Lage ist – nicht mal in der Medizin, nicht mal in der Altenpflege – die Leute zu zwingen, sich zu impfen, obwohl sie lebensgefährliche Risiken für die zu Pflegenden oder Patienten darstellen", sagt der Landesvorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Bremen.
Wie entscheidet die Stiko traditionell? Zögerlich oder schnell?
Bernd Mühlbauers Erfahrung ist: "Die medizinische Welt empfindet die Stiko normalerweise eher als extrem impffreundlich und impfbefürwortend". Stefan Trapp lobt die zuletzt zügigen Entscheidungen der Stiko. "Sie sind wirklich schnell, so etwas dauert ja sonst oft Jahre, bis es mal zu einer Stiko-Empfehlung kommt", sagt Trapp.
Welchen Stellenwert haben in Deutschland die Entscheidungen der EMA und was bedeutet die aktuelle Zulassung für besonders gefährdete Kinder oder deren Familienangehörige?
Für die Zulassung der Vermarktung eines Arzneimittels in Europa ist die EU zuständig. Dabei halte sich die Politik an die Fachleute innerhalb der EMA, sagt Pharmakologe Mühlbauer. Aber: "In den letzten zehn bis 15 Jahren hat sich innerhalb der Ärzteschaft das Ansehen der Zulassungsbehörden extrem verringert." Zu gering sei der zusätzliche Nutzen vieler in der Vergangenheit zugelassenen Arzneimittel. Haftungsrechtlich sind die Zulassungen für Ärzte aber wichtig: Substanzen seien dann "in label" und genügten damit dem therapeutischen Standard, so Mühlbauer. Stefan Trapp sieht in der EMA-Zulassung die Möglichkeit, Kinder mit schweren Vorerkrankungen zu ihrem eigenen Schutz oder dem Schutz von gefährdeten Familienmitgliedern bereits vor einer Empfehlung der Stiko zu impfen. "Es gibt Familien, in denen ein Elternteil zum Beispiel eine schwere Lungenerkrankung hat und die Angst haben, dass Kinder aus der Schule eine Infektion nach Hause tragen." Die Möglichkeit einer individuellen Entscheidung und nachfolgenden Impfung hänge nicht von einer Stiko-Empfehlung ab, so Trapp. Mit der Freigabe der EMA steht es also allen Eltern frei, den Kinderarzt um eine Impfung zu bitten.

Autorin

  • Angela Weiß Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 25. November 2021, 19:30 Uhr