Corona-Demonstranten in Bremerhaven: Unzufrieden, verzweifelt, wütend

Erneute Proteste gegen Corona-Maßnahmen in Bremerhaven

Bild: Radio Bremen

Bei Demos in Bremerhaven treffen sich Gegner von Corona-Maßnahmen. Schwer emotionsgeladen, aber wenig faktenorientiert. Wer ist hier unterwegs? Ein Besuch.

"Wir lassen uns nicht verarschen", hallt es aus einer Lautsprecherbox im Demo-Zug. Einige Leute rufen "Friede, Freiheit, keine Diktatur." Ja, sie rufen das wirklich. Diktatur. Es wirkt skurril und geschichtsvergessen, völlig unangemessen. Doch immer mehr stimmen in den Ruf ein, an diesem Freitagabend in der Bremerhavener Innenstadt.

"Vielleicht merkt die Regierung ja mal, dass die Grenzen jetzt überschritten sind", sagt Ines aus Bremerhaven. Sie arbeitet als Pflegerin in einem Krankenhaus. Wie so einige ihrer Kolleginnen will sie sich jetzt arbeitssuchend melden, sagt sie – denn eine Impfpflicht könne und wolle sie nicht akzeptieren. Bei manchen, die heute mitlaufen, ist es Angst vor den Impfstoffen, weil sie zu unerforscht seien. Andere wollen sich einfach nicht unter Druck setzen lassen. Wieder andere haben das Vertrauen in die Politik verloren und sind der Überzeugung, dass die Pharma-Industrie alles steuere.

Aus Prinzip dagegen

Wir merken schnell, dass Fakten heute Abend nicht weiterführen. Vor uns stehen eben nicht die 61 Prozent der Bevölkerung, die nach aktuellen Erhebungen des Wissenschaftsbarometers hohes Vertrauen in Wissenschaft und Forschung haben. Hier stehen Menschen, die Corona nicht so schlimm finden, die irgendwie diesem Impfstoff nicht trauen und die glauben, dass der Staat sie bewusst unterdrücken will. Oder die schlichtweg aus Prinzip dagegen sind.

Vielleicht merkt die Regierung ja mal, dass die Grenzen jetzt überschritten sind.

Ines, Demo-Teilnehmerin aus Bremerhaven

Wir fragen uns, wie man ernsthaft solche Positionen vertreten kann? Der Impfstoff ist massenhaft angewendet worden, es gibt mittlerweile ebenso massenhaft Studien und Untersuchungen über Verträglichkeit und Wirkung der Impfstoffe.

Für viele ist das alles an den Haaren herbeigezogen, oder sie verweisen auf "alternative Fakten", die sie sich aus dem Internet organisiert haben. Dabei sind es im Wesentlichen Ungeimpfte, die die Pandemie am Leben halten. Bei der Übertragung des Coronavirus sind in acht bis neun von zehn Fällen Ungeimpfte beteiligt. Das zeigen mathematische Modelle der Humboldt-Universität. Und dass die Lage in diesem Winter deutlich entspannter hätte sein können, wenn die Impfquote höher gewesen wäre, das sorgt hier wahlweise für Kopfschütteln, müdes Lächeln oder aggressive Reaktion. Hier machen sich viele schlichtweg ihre eigene Wahrheit. Weil sie in ihrem Umfeld häufig isoliert sind, suchen sie den Kontakt zu Gleichgesinnten.

Mehrere Hundertschaften zusammengezogen

Von bis zu 2.000 Demonstranten war zuvor im Netz die Rede. 400 will letztlich die Polizei gezählt haben, de facto werden es wohl eher 600 bis 700. Die Polizei hat sich jedenfalls auf Größeres eingestellt. Mehrere Hundertschaften seien in der Stadt zusammengezogen worden, ist zu hören. Polizisten aus Bremen, Schleswig-Holstein und von der Bundespolizei. In den Seitenstraßen reiht sich ein Mannschaftswagen an den nächsten.

Demonstration in Bremerhaven gegen Corona-Maßnahmen.
Mit einem Großaufgebot sichert die Polizei die Demo in Bremerhaven ab. Bild: Radio Bremen | Dirk Bliedtner

Eigentlich sollen hier nur viele kleine Spaziergänge stattfinden. Das sieht die Polizei allerdings anders. Die Beamten richten ihren Lautsprecherwagen aus: "Sie werden durch die Polizei als eine Versammlung eingestuft. Damit stehen Sie unter dem Schutz des Versammlungsgesetzes und haben Rechte und Pflichten. Ich möchte Sie auffordern, einen Versammlungsleiter zu benennen." Erst mal regt sich nichts.

Was sind das für Menschen, die hier mitziehen?  

Derweil in der Menschenmenge: "Wir wollen nicht geimpft werden. Wir wollen keine Masken tragen. Wir wollen nicht ausgegrenzt werden aus dem ganzen Leben. Ich möchte nicht, dass meine Kinder von morgens bis abends mit Maske im Unterricht sitzen müssen“, sagt eine Teilnehmerin. Es ist eine sehr bunte Mischung von Leuten an diesem Abend. Viele von ihnen suchen hier Gleichgesinnte. Mal wieder unter Menschen sein, die ihre Ansichten teilen: "Wir sind nicht alleine", rufen sie.

Ich will nicht nur zu Hause rumsitzen und das Gefühl haben, ich kann nichts tun.

32-jährige Demo-Teilnehmerin

Verglichen mit anderen Demonstrationen wie im Osten oder zuletzt auch in Bremen spielen Rechte oder Nazis hier keine sichtbare Rolle, auch Corona-Leugner treffen wir an diesem Abend nicht an. Hier in Bremerhaven ist es eine Ansammlung von irgendwie Unzufriedenen, Verzweifelten und Wütenden. Das ist es, was sie eint. Wir sprechen an diesem Abend mit zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmern über ihre Beweggründe mitzulaufen. "Ich will nicht nur zu Hause rumsitzen und das Gefühl haben, ich kann nichts tun", meint eine 32-Jährige. Sie wolle endlich deutlich machen, dass sie das, was gerade in diesem Land passiere – diese ganzen Einschränkungen – nicht mehr länger mitmachen wolle.  

Polizei muss Streit schlichten

Tatsächlich hat sich schon nach kurzer Zeit jemand gefunden, der sich am Polizeiwagen meldet – und die Versammlungsleitung übernimmt. Er hat sich dazu offenbar spontan entschlossen. Nach Abstimmung mit der Polizei lässt diese über die Lautsprecher vermelden: "Der Versammlungsleiter möchte jetzt mit dem Aufzug beginnen." Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dürfen bis zum Theaterplatz am Weihnachtsmarkt ziehen. Es soll sogar der Verkehr auf dem Autobahnzubringer komplett gesperrt werden für die Demonstranten. Doch erst mal tut sich gar nichts.

Plötzlich ein Knall. Hinter dem Gebäude der Arbeitsagentur haben Demonstranten Böller gezündet. Qualm steigt auf. Einem Autofahrer an der gesperrten Kreuzung platzt der Kragen: "Ihr Idioten! Ich will meinen Job behalten. Wenn ihr so weitermacht, wird alles nur schlimmer." "Verpiss Dich", schreit ihm jemand von der anderen Seite zu. Schließlich müssen Polizisten dazwischengehen.

Ein Stück weiter schnallt sich ein Mann eine Lautsprecherbox auf den Rücken. Er sei Künstler und habe alles verloren, sagt er uns. Dem Staat gehe es doch nur darum, die Leute auszunehmen und zu verarschen, schimpft er. Wenig später dröhnt Musik aus seiner Box – "Zeit, dass wir wieder selber denken, wir können nicht mehr länger leise sein". Die Musikauswahl passt perfekt zu solch einem Protest, da hat sich einer Gedanken gemacht. Vom Schicksal gebeutelt, tief frustriert, jetzt mal Dampf ablassen – auch dazu dient diese Demo.

Angst vor Rechtsruck

Demonstration in Bremerhaven gegen Corona-Maßnahmen.
Mit einer Mahnwache wollen einige ein Zeichen gegen die Demonstration setzen. Bild: Radio Bremen | Dirk Bliedtner

Einige Hundert Meter weiter vom Versammlungsort stehen mehrere Dutzend Menschen, die mit einer Mahnwache protestieren. "Weil wir Angst haben vor einem Rechtsruck in Deutschland, der sich noch weiterverbreitet und wir einfach den Leuten keine Möglichkeit und keinen Platz bieten wollen", sagt eine Organisatorin. Auf einem Banner, an dem sie Kerzen aufstellen, steht: "Wir gedenken der Opfer der Pandemie."

Worüber wir an diesem Abend noch länger sprechen, das sind diejenigen, die einfach nur wollen, dass Schluss ist mit dem Corona-Spuk. "Ich will endlich meine Freiheit zurück, einfach normal Busfahren und ins Kino gehen können", sagt einer. Er drückt dieses Gefühl aus, das wohl mehr und mehr Menschen erfasst. Sie sind erschöpft und müde. Es reicht jetzt. Aber dann kommt die fünfte Welle. Schwer zu ertragen. Erleichternd wirkt das auf einige, wenn man sich da auf einer Corona-Demo mal Luft machen kann. Mal sehen, wie sich die Teilnehmerzahlen nach Weihnachten entwickeln, wenn neue Einschränkungen kommen – oder gar ein Lockdown.

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Autoren

  • Dirk Bliedtner
  • Frank Schulte

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 17. Dezember 2021, 19:30 Uhr