Interview

Hatte ich Corona oder nicht? Der Bremer Virologe Dotzauer klärt auf

Eine Hand hält ein COVID-19 Antigen-Testkit

Corona gehabt und nichts gemerkt?

Bild: Imago | MiS

Angesichts zahlreicher Corona-Neuinfektionen stellen sich viele die Frage, ob sie schon unbemerkt betroffen waren. Wie man das testen kann und welche Faktoren eine Rolle spielen.

Seit mehr als zwei Jahren grassiert das Coronavirus auf der Welt und im Land Bremen. Viele blieben bislang verschont. Aber fast 190.000 Menschen im Land Bremen haben sich nachgewiesen bereits mit SARS-CoV-2 infiziert. Einige von ihnen sogar mehrmals. Zusätzlich haben sich einige auch so infiziert, dass sie es nicht gemerkt haben. Denn die Infektion mit dem Coronavirus kann symptomlos verlaufen. Welche Informationen ein Covid-19-Antikörpertest genau liefert? Das erklärt der Bremer Virologe Andreas Dotzauer von der Universität Bremen.

Herr Dotzauer, wie wahrscheinlich ist es, dass man schon mal eine Corona-Infektion hatte, ohne es gemerkt zu haben?
Die Wahrscheinlichkeit ist relativ hoch, dass man zu denjenigen gehört, die sich bereits infiziert haben, denn aktuell haben wir sehr viele Infektionen mit vielen symptomlosen Verläufen.
Wie kann man herausfinden, ob man schon mal Corona hatte?
Mit einem Covid-19-Antikörpertest kann man prüfen, ob man Antikörper gegen das Virus hat. Das Problem dabei ist, dass durch die Impfung auch Antikörper, nämlich gegen das Spike-Protein, gebildet werden. Deshalb muss man einen Antikörpertest wählen, der nicht nur Antikörper gegen das Spike-Protein entdeckt.
Ab wann kann man mit einem solchen Test Antikörper im Blut nachweisen?
Ungefähr zwei bis vier Wochen nach einer Infektion. Weil das Immunsystem eine gewisse Zeit braucht, bis eine für den Test ausreichende Menge an Antikörpern gebildet wird, sollte man frühestens zehn Tage nach der Infektion einen Antikörpertest durchführen lassen. Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass nur circa 85 Prozent der infizierten Personen nachweisbare Antikörper entwickeln. Das heißt nicht alle, die infiziert waren, bildeten Antikörper.
Und wie lange im Nachhinein kann man herausfinden, ob man sich mit dem Coronavirus infiziert hat?
Hier sind die Daten noch nicht ganz klar. Generell gilt: Je schwächer die Infektion, desto schwächer ist auch die Reaktion der Antikörperbildung. Bisherige Ergebnisse zeigen, dass ungefähr zehn Monate nach einer Infektion die ursprüngliche Antikörpermenge um mindestens 20 Prozent abnimmt. Manche Patienten haben schon nach zwei bis drei Monaten keine nachweisbaren Antikörper mehr. Wenn man während einer Infektion keine Symptome entwickelt hat, ist es sehr unwahrscheinlich, dass nach zehn Monaten noch Antikörper im Blut nachweisbar sind.
Wie sicher sind diese Covid-19-Antikörpertests denn eigentlich?
Alle Tests sind von bestimmten Antikörpermengen abhängig. Unterhalb bestimmter Antikörpermengen zeigen sie nichts an. Dann unterscheiden sich einige der Testsysteme. Die von Labors durchgeführten Tests, die sogenannten Elisa-Tests, sind sehr empfindlich, da kann man schon relativ geringe Antikörpermengen nachweisen. Es gibt aber auch Schnelltests für Antikörper, die sind beträchtlich unempfindlicher. Bei denen braucht man schon sehr hohe Antikörpertiter, also Antikörpermengen, damit man ein positives Testergebnis hat.
Kann man es von dem Ergebnis eines solchen Tests abhängig machen, ob man sich boostern lässt oder nicht?
Inzwischen weiß man, dass eine Infektion plus einer anschließenden Impfung im richtigen Zeitabstand eine hervorragende Immunantwort ergibt. Man kann den Zeitabstand zum Booster zum Teil davon abhängig machen, indem man bestimmt, welche Antikörper vorhanden sind. Zum Beispiel kann man mit solchen Tests auch prüfen, welche Art von Antikörpern man im Blut hat. Und da gibt es verschiedene Antikörper. Und je nachdem, welcher Antikörper im Blut nachweisbar ist, kann man sagen, ob jemand akut infiziert ist, sich in der Genesungsphase befindet oder zu einem unbestimmbaren Zeitpunkt in der Vergangenheit infiziert war. Abhängig von den Antikörpern, die man hat, kann man dann entscheiden, welche Wartezeit bis zu einer Boosterimpfung sinnvoll ist.
Für wen ist so ein Antikörpertest eigentlich wichtig beziehungsweise sinnvoll?
Es ist für diejenigen interessant, die wissen wollen, wie sieht es generell aus mit der Immunität in der Bevölkerung, also der sogenannten Seroprävalenz. Wie viele Personen waren tatsächlich möglicherweise infiziert? Die Covid-19-Anitkörpertests liefern genauere Daten, weil man auch diejenigen erfassen kann, die einen negativen Antigen-Schnelltest haben oder die sich gar nicht haben testen lassen, weil sie keine Symptome entwickelt haben. Die könnte man also innerhalb des Zeitfensters, während dem Antikörper nachgewiesen werden können, ausfindig machen. Solche Tests sind auch wichtig für Menschen, die für eine Infektion anfällig sind, also die Risikopatienten, und für Menschen, die Umgang mit Risikopersonen haben.
Generell: Wie viel Antikörper braucht man, um vor einer Infektion geschützt zu sein?
Das weiß man nicht. Es gibt verschiedene Formen der Schutzwirkung. Zum einen kann man vor einer Infektion mit dem Coronavirus geschützt sein. Hier braucht man Antikörper, die außerhalb oder in und auf den Schleimhäuten liegen und das Virus wegfangen, bevor es in den Körper eindringt.
Und dann wiederum gibt es andere Antikörper, die schützen einen vor einem schweren Krankheitsverlauf. Sie verhindern, dass sich das Virus, wenn es in den Körper eingedrungen ist, massiv ausbreitet und größeren Schaden anrichten kann.
Wie hoch die Anzahl an Antikörpern dabei sein muss, ist nicht ganz klar, weil die Antikörper unterschiedliche Qualität und Funktion haben. Der Mindestbereich liegt zwischen 40 und 100 Units pro Milliliter. Aber das ist kein verlässlicher Wert.
Gibt es auch Menschen, die sich nie mit dem Corona-Virus infizieren werden?
Ich denke schon, denn das hat man bei allen Infektionskrankheiten. Es gibt immer Personen, bei denen sich der Erreger nicht etablieren kann. Das kann verschiedene Gründe haben. Das können irgendwelche Strukturen der menschlichen Zelle sein, die mit dem Rezeptor zusammenhängen, an den sich das Virus bindet. Das Virus kann in diesem Fall nur schlecht oder gar nicht binden, solche Menschen gibt es. Und dann gibt es Menschen, deren Körper, aufgrund bestimmter Proteine innerhalb der infizierten Zellen, das Virus so attackieren, dass sie sich nicht zu einer Infektion ausbreiten oder dem Virus nicht erlauben, sich zu vermehren. Aber die Anzahl solcher Personen ist ausgesprochen gering.

Autorin

  • Necla Süre

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Nachmittag, 9. Mai 2022, 14:40 Uhr