Kolumne

Ganz nüchtern attestiert: Wir werden das Corona-Horrorszenario erleben

Ein Konterfei von Jochen Grabler, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
buten-un-binnen-Redakteur Jochen Grabler stellt nüchtern fest: Alles spricht dafür, dass eine Triage in den Kliniken unausweichlich ist. Bild: Radio Bremen

Wegen der Impfverweigerer liegen dunkle Zeiten vor uns, meint unser Redakteur Jochen Grabler. Wer darf leben? Wer muss sterben? Ärztinnen und Ärzte werden entscheiden müssen.

Wir haben gelernt: Deutschland hat es wieder mal verbockt. Die aggressive Verweigerung einer Minderheit der Bevölkerung und die Angst des politischen Personals vor eben dieser Aggression haben dazu geführt, dass nun die ganze Bevölkerung von der vierten Welle der Pandemie getroffen wird. Und zwar mit voller Wucht. Das war absehbar. Wieder mal.

Keine Ahnung, wie es Ihnen damit geht. Ich jedenfalls stelle fest, dass ich kaum noch weiß, wohin mit meiner Wut. Aber es bringt ja nichts. Die Wut hilft nicht. Es hilft nur maximale Nüchternheit. Nüchterne Fragen. Nüchterne Szenarien. Was passiert gerade? Worauf müssen wir uns einstellen? Damit nicht wieder alle total überrascht aus der Wäsche gucken, wenn eintritt, wovor monatelang mit guten Argumenten gewarnt wurde. Und um das gleich zu sagen: Ich fürchte, wir werden schon ganz bald sehr furchtbare Fragen diskutieren müssen.

Was noch hilft ist Nüchternheit

Im Schnitt der vergangenen sieben Tage infizieren sich in Deutschland täglich mehr als 53.000 Menschen. Gegenwärtig sterben etwa 0,8 Prozent der Infizierten. Wir wissen, die Infektionsrate trifft die Krankenhäuser erst mit Zeitverzug. Heißt: In etwa zwei Wochen werden etwa 425 Menschen an den Folgen der Infektion sterben. Täglich! Zum Vergleich: Gegenwärtig versterben täglich 214 Menschen pro Tag.

Wir wissen, dass das deutsche Gesundheitswesen in besonders betroffenen Regionen schon jetzt überlastet ist. Dieser kaum aushaltbare Druck wird sich also mehr als verdoppeln! Und daran kann niemand was ändern.

Nach 20 Pandemie-Monaten stirbt der 100.000 Mensch

Wenn wir nun diese Zahlen hochrechnen, dann landen wir von jetzt an zum Frühlingsanfang am 20. März bei ungefähr 49.000 Corona-Toten. Zusätzlich. Zum Vergleich: Heute wird mutmaßlich der 100.000ste Coronatote versterben. Nach 20 Monaten Pandemie. 

Und weil wir gerade mal ganz nüchtern sind: Diese Horrorprognose ist hemmunglos optimistisch. Sie basiert ja darauf, dass die aktuellen Zahlen stabilisiert werden können. Von einer Reduktion würde ich gerne träumen, es gelingt nur nicht. In Wirklichkeit nämlich steigen die Infektionszahlen weiter an. Auch in den Hotspots Bayern und Sachsen, wo gerade harte politische Entscheidungen getroffen wurden. Und es soll sich niemand einbilden, dass die vierte Welle zwischen Brinkum und Huchting scharf abbremst und Bremen verschont.

2G ist nicht die Lösung

Jetzt könnte man einwenden, dass doch gerade 2G eingeführt wird und die Impfpflicht diskutiert und sich sogar Funktionsträger der FDP dazu hinreißen lassen, Fehler einzugestehen. Was ja hart am Gottesbeweis ist. Das ist schon richtig. Aber!

Abermals: Bleiben wir nüchtern! Alle ernstzunehmenden Fachleute sagen seit Wochen, dass 2G nicht ausreicht, die Welle zu brechen. Mal ganz davon abgesehen, dass solche Maßnahmen zwar stets wuchtig angesagt werden – aber wer glaubt noch daran, dass sie funktionieren? In Italien vielleicht, wo das Zugpersonal natürlich die Impfausweise kontrolliert. Bei uns setzt schon nach Millisekunden das Gejaule der Gewerkschaft ein.

Und die Impfpflicht hilft in der aktuellen Notlage gar nicht. Weil all das so ist und weil nirgendwo politische Entschlossenheit und Führung in Sicht ist, werden wir nach allen Erfahrungen der vergangenen 20 Monate einfach so weiterquasseln und weiterwurschteln wie bisher. Wetten? Was dem Virus ja herzlich egal ist, wie wir wissen.

Trotz Horrorszenarien steigt die Impfquote zu langsam

Jetzt könnten Sie einwenden, dass doch aber die Schlangen vor den eilends wieder aufgebauten Impfstellen irre lang sind, die Ärzte ausgebucht und "die Leute" sich jetzt doch impfen lassen. Endlich! Die Realität sieht so aus: Trotz aller Gruselreportagen aus Intensivstationen steigt die Quote der wenigstens einmal Geimpften pro Woche deutschlandweit um gerade mal 0,4 Prozentpunkte. Wenn das so anhält, würden wir die aktuelle Impfquote von Portugal schon erreichen. Jaja. Und zwar am 28. September.

Und auch das ist hemmungslos optimistisch. Mitte Oktober wurden die Ungeimpften befragt. Ergebnis: rund ein Viertel will sich absehbar "eher nicht" impfen lassen, 65 Prozent "auf gar keinen Fall". Helmut Schmidt sagte: "In der Krise zeigt sich der Charakter." Das stimmt wohl. In dieser Pandemie haben sich die Deutschen ganz gut kennengelernt. Ich hätte gerne darauf verzichtet.

Die Pandemie-Arschkarte bekommen jetzt alle

So, und jetzt kommt der noch ungemütlichere Teil: Wer wird diese Katastrophe ausbaden? Genau! Das werden erstens diejenigen sein, die schon die ganze Zeit die Arschkarte der Pandemie hatten. Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger. Und zweitens: Wir alle.

Rund 300.000 Menschen erleiden in Deutschland jährlich einen Herzinfarkt. Etwa 490.000 Menschen erkranken jährlich an Krebs, darunter sind rund 2.200 Kinder und Jugendliche. Ungefähr 327.000 Menschen werden bei Verkehrsunfällen verletzt. Etwa 266.000 Schlaganfälle jährlich sind registriert. Sie wissen schon, worauf ich rauswill.

Wer darf leben und wer wird sterben?

Stellen Sie sich vor, sie stecken in der Haut des wunderbaren Cihan Çelik, Oberarzt an der Corona-Isolierstation im Klinikum Darmstadt. Einer, der auch in der Öffentlichkeit von seiner Arbeit erzählt. Am Montag bei "Hart aber fair" zum Beispiel. Unsereins sitzt mit Tränen in den Augen davor und fragt sich, wie man es aushält, so lange so sehr am Limit zu arbeiten und täglich über Leben und Tod zu entscheiden. Jetzt schon. Natürlich würden Geimpfte und Ungeimpfte gleich behandelt, hat er am Montag gesagt. Er sei ja schließlich Arzt.

Noch sagt er das. Noch! Lieber Herr Çelik, liebes Pflegepersonal, wir müssen Ihnen leider mitteilen, was Sie natürlich längst wissen: Der Horror wird sich verdoppeln, mindestens. Und was dann?

Was tun, wenn die Intensivstationen voll sind?

Was muss Cihan Çelik, was müssen all die tapferen Ärztinnen und Ärzte tun, wenn absehbar die schwer Kranken der bereits jetzt schon Infizierten in die Kliniken kommen? Was müssen sie tun, wenn die Intensivstationen voll sind, wenn Personal aus allen Stationen abgezogen wird – draußen aber Menschen mit Herzinfarkt, Schlaganfall, akut OP-bedürftigen Krebsleiden oder mit schweren Verletzungen eigentlich versorgt werden müssten?

Na, wir ahnen alle dunkel, was dann passiert. Dann müssen Entscheidungen getroffen werden: Wer bekommt eine angemessene Behandlung? Und wer nicht? Zugespitzt: Wenn Sie mit einem Herzinfarkt im Krankenhaus landen, dann liegt da aber schon der ungeimpfte Corona-Kranke und verwickelt das erschöpfte Personal in Debatten über Sauerstoffgaben. Dann, tja, Pech gehabt, müssen Sie halt sterben. 

Rechtzeitig über kommende Probleme sprechen

Mit der vierten Wellen rollen genau diese furchtbaren Fragen auf uns zu. Wollen wir ernsthaft ausgerechnet die Heldinnen und Helden der Pandemie mit diesen Fragen alleine lassen? Haben die das verdient? Halten wir es aus, wenn in wenigen Wochen die Geschichten von abgewiesenen Notfällen erzählt werden?

Wir haben gelernt: Deutschland hat es wieder mal verbockt. Warum? Weil wieder mal nicht rechtzeitig auf absehbare Entwicklungen reagiert wurde. Die flächendeckende Triage ist so eine absehbare Entwicklung. Vielleicht reden wir mal rechtzeitig über diese letzten Fragen. Auf die es Antworten braucht.

Wie würden Sie entscheiden?

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Jochen Grabler Redakteur und Autor