Interview

Hat Bremen den Höhepunkt der Omikron-Coronawelle schon erreicht?

Ein junger Mann und eine junge Frau stehen Händchen haltend mit Maske vor Rathaus, Dom und Bürgerschaft Bremen.
Omikron birgt noch viele Rätsel, der Höhepunkt der Ausbreitung in Bremen ist unklar. (Symbolbild) Bild: DPA | Mohssen Assanimoghaddam

Dem Covid-Simulator zufolge könnte Bremen das Schlimmste schon überstanden haben. Doch ausgerechnet der Entwickler des Simulators warnt: Es könne auch kommen wie in Dänemark.

Die Corona-Infektionszahlen steigen bundesweit zügig an. In Bremen stagnieren sie dagegen seit Tagen auf hohem Niveau. Hat die Welle ihren Höhepunkt in Bremen schon erreicht? Gut möglich, aber ganz und gar nicht sicher, sagt Thorsten Lehr, der Entwickler des Covid-Simulators. Prognosen zum weiteren Verlauf der Pandemie seien derzeit kaum möglich. Omikron gebe der Wissenschaft noch viele Rätsel auf.

Herr Lehr, Gesundheitsminister Karl Lauterbach erwartet den Höhepunkt der Omikron-Welle in Deutschland für Mitte Februar. Wovon gehen Sie aus?
Mitte/Ende Februar erscheint mir realistisch. Man muss aber dazu sagen: Wir müssen wegen Omikron mit vielen Unbekannten rechnen. Da gibt es richtige Tretminen. Das macht es gerade sehr schwer, verlässliche Szenarien zu entwerfen.
Welche Unbekannten sind das?
Zum Beispiel ist die Datenlage aus den Krankenhäusern aus meiner Sicht nicht eindeutig: Wie viel schwächer ist Omikron wirklich als die Delta-Variante? Da beschreiben die Studien aus anderen Ländern andere Voraussetzungen als unsere. Beispielsweise andere Impfquoten. Dann berücksichtigen die einen noch keine Booster-Impfung, andere gehen von anderen Impfstoffen aus, als sie bei uns vorrangig eingesetzt werden. Daher lassen sich die Ergebnisse nur bedingt auf Deutschland übertragen. Uns fehlen auch noch Informationen zu den Untervarianten von Omikron.

Die größte Frage aber, auf die es in meinen Augen noch keine überzeugende Antwort gibt, ist: Wieso sind die hohen Infektionszahlen beispielsweise in England oder in Frankreich so schlagartig zurückgegangen? Eine Durchseuchung der Bevölkerung kann es dort nach meinen Berechnungen noch nicht gegeben haben.
Sie klingen gerade ein wenig so, als wollten Sie sich, der Entwickler des Covid-Simulators, gerade ein bisschen von der eigenen Arbeit distanzieren.
Nein, so ist es überhaupt nicht. Ich halte Modelle wie unseres auch jetzt für ganz wichtig, weil man damit verschiedene Szenarien durchspielen kann. Aber es stimmt schon, dass es seit Omikron so schwierig wie nie zuvor in der Pandemie ist, so etwas wie eine Prognose abzugeben. Da muss man einfach ehrlich sein: Die Pandemie ist ein bisschen schneller als die Wissenschaft. Sie entfleucht uns immer mal wieder, und dann holen wir wieder ein bisschen auf.

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Die Omikron-Welle hat das Land Bremen so früh erwischt wie kaum einen anderen Ort in Deutschland. Wird die Welle in Bremen auch früher abflauen als in der übrigen Bundesrepublik?
Ich weiß, dass unser Modell genau das gerade aussagt. Aber: Da muss man trotzdem vorsichtig sein. Im Moment verharrt Bremen bei den Infektionszahlen etwa konstant auf einem recht hohen Niveau, wie auf einem Plateau. Das könnte auf ein baldiges Ende der Welle hindeuten. Davon geht unser Szenario aus.

Aber: Auch in Dänemark gab es so eine Plateau-Phase von etwa zwei Wochen. Dann hat man plötzlich wieder einen starken Anstieg der Zahlen gesehen. In anderen Ländern gab es nach der Plateau-Phase ein Sinken der Zahlen.

Ich bin mir, ehrlich gesagt, nicht sicher, wie es in Bremen kommen wird. Da kann es in beide Richtungen gehen. Ich glaube jedenfalls nicht, dass in Bremen schon die ganze Bevölkerung durchseucht ist. Dann müsste es noch viel mehr asymptomatisch Infizierte gegeben haben, als wir bislang angenommen haben. Daran glaube ich nicht. Daher will ich es mal so formulieren: Ich würde in Bremen gerade keine Schutzmaßnahmen lockern!
Eine Frau mit Mundschutz sieht durch die Terassentür nach draußen
Möglicherweise sind in Bremer gerade besonders viele aktiv infizierte Personen in Quarantäne oder in Isolation. Bild: DPA | Joachim Bywaletz
Welche Unsicherheitsfaktoren muss man konkret im Hinterkopf haben, wenn man auf die schöne, nach unten weisende Kurve Bremens im Covid-Simulator blickt?
Was wir zum Beispiel nicht einberechnen konnten, ist, dass in Bremen wahrscheinlich gerade sehr viele Leute, auch aktiv Infizierte, in Quarantäne sind. Dadurch könnten sich die entscheidenden Kontakte sehr reduziert haben. Das wäre eine mögliche Erklärung für das momentan konstante Infektionsgeschehen. In diesem Fall wäre es aber natürlich möglich, dass das Infektionsgeschehen wieder Fahrt aufnimmt, sobald weniger Infizierte in Quarantäne oder Isolation sind.
Fällt Ihnen noch ein weiterer Unsicherheitsfaktor ein, der dazu beitragen könnte, dass die schöne Prognose aus Ihrem Covid-Simulator für Bremen am Ende nicht aufgehen wird?
Wir haben während der Pandemie immer wieder beobachtet, dass sich die Menschen, wenn die Zahlen über längere Zeit nicht ansteigen, zu sehr in Sicherheit wiegen und unvorsichtig werden. Das Infektionsgeschehen ist eng gekoppelt an das Verhalten der Menschen, an ihre Kontaktzahlen und ihre Kontaktzeiten. Das gilt natürlich gerade für die besonders ansteckende Omikron-Variante.
Sie haben schon das Thema Durchseuchung angeschnitten. Fürsprecher schärferer Corona-Maßnahmen werfen der Politik immer mal wieder vor, heimlich eine Durchseuchungs-Strategie zu fahren. Wie sehen Sie das?
Ich habe zumindest auch den Eindruck, dass seitens der Politik nur wenig gemacht wird, so lange die Intensivstationen nicht voll zu laufen drohen. Das unausgesprochene Ziel dahinter könnte durchaus die Durchseuchung der Bevölkerung sein. Die Bundesregierung könnte für meinen Geschmack ruhig mal sagen, ob sie das möchte, oder was sie überhaupt möchte.
Welche Strategie fänden Sie persönlich richtig?
Man muss im Auge behalten, dass Corona-Infektionen mit Long-Covid einhergehen können. Je früher wir lockern, desto weniger Leute können wir rechtzeitig impfen und schützen. Gerade die Schülerinnen und Schüler werden hart getroffen.

Ich glaube zwar, dass an einer langsamen Durchseuchung auch in Deutschland kein Weg vorbei führt. Aber das sollte wirklich langsam und möglichst geschützt geschehen, finde ich. Daher bin ich keine Freund von Lockerungen zum jetzigen Zeitpunkt.

Wenn wir das Ganze noch ein bisschen hinauszögern können, dann wird uns in ein paar Wochen, wenn der Frühling kommt, der saisonale Effekt zusätzlich helfen. Dann gewännen wir noch mehr Zeit, um uns zu schützen. Da keiner weiß, was uns im kommenden Herbst erwarten wird, sollten wir diese Zeit nutzen.

Bremens Weg aus der Omikronwelle: Diese drei Szenarien könnten helfen

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Nachrichten, 20. Januar 2022, 10:00 Uhr