Kommentar

Corona-Regeln: Was kann weg und was muss bleiben?

Ein Konterfei von Frank Schulte, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Bild: Radio Bremen

Bremens Bürgermeister will die Corona-Beschränkungen im März auslaufen lassen. Richtig so, meint Regionalchef Frank Schulte: Besser die Politik lockert, bevor es die Gerichte tun.

Bremen kann sich – anders als andere Bundesländer – mehr Lockerungen erlauben. Das liegt zum einen an einer extrem guten Impfquote. Es liegt aber auch daran, dass die Omikronwelle milder verläuft, als zunächst befürchtet. Die Lage in den Krankenhäusern ist eben nicht bedenklich, der weitaus größte Teil der Erkrankten kommt mit Kopfschmerzen, Halskratzen und Triefnase davon. Das alles sind gute Nachrichten. Aber das reicht nicht.

Was es jetzt zügig braucht, ist ein Maßnahmen-Check: Was kann weg, was soll (noch) bleiben? Einmal ausmisten bitte! Viele Menschen können ohnehin nicht mehr verlässlich sagen, was momentan gilt und was nicht. Es ist ein guter Zeitpunkt, transparent, nachvollziehbar und vor allem systematisch die geltende Corona-Verordnung zu überprüfen. Die Streichung von 2G im Einzelhandel und der Wegfall der Kontaktnachverfolgung kann da nur der Anfang sein. Besser es tut Politik selbst, bevor es Gerichte tun. In Niedersachsen hat das Oberverwaltungsgericht Lüneburg gerade die Obergrenze für die Teilnahme an Freiluftveranstaltungen für nicht mehr verhältnismäßig erklärt.

 "Ich blicke nicht mehr durch"

Wie wichtig dieser Schritt ist, zeigt ein Blick auf die Rückmeldungen, die wir aktuell wieder verstärkt von unserem Publikum bekommen. "Ich blicke nicht mehr durch" heißt es da, "Ich verstehe das nicht mehr" oder "Warum wird das jetzt so gemacht?" Wenn man das mal als Gradmesser nimmt für Rückhalt, Akzeptanz und Zustimmung zum aktuellen Corona-Kurs, dann muss man feststellen: Es war schon mal besser. Vieles deutet darauf hin, dass Menschen sich ausklinken und bereits jetzt ihr Ding machen, nach dem Motto: Ist doch alles nicht mehr so schlimm.

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Es geht nicht um die Abschaffung aller Maßnahmen. Es geht um Fragen wie: Sind die aktuellen Kontaktbeschränkungen noch angemessen? Hält sich überhaupt noch jemand an Abstandsregeln? Was ist mit den Vorgaben für Veranstaltungen? Ist es angemessen, so stark auf Schnelltests mit zweifelhafter Zuverlässigkeit zu setzen? Kann die Quarantäne weiter gelockert werden, da sie in weiten Teilen ohnehin schon von virologischen Notwendigkeiten entkoppelt ist, zum Beispiel in der Schule oder Kita? Ist 3G in der Straßenbahn noch angemessen oder reicht nicht eine FFP-Maske? Und wenn man schon einmal dabei ist, dann bitte auch gleich das bremische Warnstufen-System entrümpeln. Es gaukelt eine Exaktheit vor, die es nicht mehr ansatzweise hat.

Inzidenzwerte sind nicht mehr mit früheren vergleichbar

Leider ist auch in der Bevölkerung noch nicht bei jedem angekommen, dass die Bewertungsmaßstäbe der aktuellen Lage komplett andere sind, als in der Vergangenheit. Leider stecken in vielen Köpfen noch die alten 7-Tage-Neuinfektions-Inzidenzwerte. Damals war "50" schon hoch. Immer noch wird munter mit diesen Werten verglichen. Da wird es einem bei "1.000" oder "2.000" natürlich schwindelig. Nur ist das eben überhaupt nicht mehr vergleichbar. Jetzt gibt es Impfstoffe, Therapiemöglichkeiten, wir haben aktuell eine Virusmutation mit – Gott sei Dank – eher milden Auswirkungen. Hinzu kommt: Die aktuellen Neuinfektionszahlen unterschätzen die Lage ganz erheblich, denn es stehen weniger PCR-Tests zur Verfügung. Heißt: Obwohl es viel, viel mehr Infektionen geben dürfte, als in der Statistik abgebildet, kommt es im Krankenhaus nicht zur Katastrophe.

Was im Herbst passiert, muss man sehen

Das alles spricht aktuell für weitere Lockerungen. Und was dann Richtung Herbst passiert, das muss man sehen. Sobald die Lage wieder schlimmer zu werden droht, ist es schnell möglich in den Instrumentenkasten zu greifen und zu agieren. Es gibt ja mittlerweile einiges an Erfahrungen.

So denken Bremerinnen und Bremer über mögliche Corona-Lockerungen

Bild: DPA | Sina Schuldt

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Autor

  • Frank Schulte