Bremer Pianist will wegen des Krieges seinen russischen Namen ablegen

Porträt von Evgeny Wenger
Der Pianist Evgeny Cherepanov tritt ab sofort unter dem Namen Evgeny Wenger auf. Bild: Yana Lukianenko

Evgeny Cherepanov will seinen Nachnamen ändern. Ausschlaggebend dafür war das Massaker von Butscha im Ukraine-Krieg, das die Familie des Bremers gespalten hat.

Evgeny Cherepanov ist Teil einer russisch-ukrainischen Familie: Er ist in Russland aufgewachsen, seine Frau stammt aus Kiew. Seit 2010 lebt der Pianist nun in Bremen und doch steht seine Geschichte wohl stellvertretend für das Schicksal von vielen Familien, die durch den Krieg zerbrechen. Nach dem Massaker von Butscha hat er den Kontakt zu seinen Eltern abgebrochen. Er will sogar seinen Familiennamen ändern. Als Pianist nimmt er jetzt schon den Künstlernamen "Evgeny Wenger" an, den Nachnamen der Großmutter seiner Frau.

Der Pianist nimmt den Anruf entgegen: "Cherepanov". Auf die Frage, wie er im Gespräch gerne angesprochen werden möchte sagt er: "Sie können mich auch gerne Wenger nennen, da muss ich mich ja langsam dran gewöhnen."

Der Krieg an sich war dabei nicht direkt der Grund für Wenger, mit seinen Eltern zu brechen. Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine hätten sie in der Familie selten über Politik gesprochen. Wenger bemerkt erst spät, wie seine Eltern wirklich über den Krieg denken: "Mit Beginn des Krieges schien es mir, dass meine Eltern eine neutrale Position hatten: 'Wir haben nichts damit zu tun, töten niemanden, das interessiert uns nicht'", erzählt der Pianist, "Sie haben sich nicht erkundigt und meine Verwandten aus der Ukraine nicht gefragt, wie es ihnen geht und was da los ist."

Verwandte haben direkt in Butscha gelebt

Die Familie von Evgenys Frau ist direkt vom Krieg betroffen. Enge Familienmitglieder sind inzwischen nach Bremen geflüchtet. Der Teil, der in der Ukraine geblieben ist, hat vor dem Krieg in Butscha gelebt, dem Vorort von Kiew, in dem die russische Armee mutmaßlich Hunderte Zivilistinnen und Zivilisten umgebracht hat. Sie sind innerhalb der Ukraine vor der russischen Armee geflohen.

Das Gespräch mit seinem Vater sei eskaliert, "weil ich ihm gesagt habe, dass ich diese neutrale, komische Position nicht in Ordnung finde", sagt Wenger. "Er hat mir gesagt, es sei normal, dass der Krieg läuft und dass man alle Nazis in der Ukraine töten müsse." Um ein Haar wäre Evgenys Frau mit den Kindern kurz vor Kriegsbeginn in die Ukraine gereist – seine Frau und seine Kinder wären direkt durch die Angriffe Russlands gefährdet gewesen. Und trotzdem lässt das Evgenys Vater im Gespräch kalt: "Was willst du denn, es ist doch Krieg!"

Das war der Punkt, an dem Evgeny beschlossen hat, dass er seinen Familiennamen ändern möchte.

Ich will nicht, dass meine Kinder den Namen der Leute tragen, denen das Leben der eigenen Enkel nicht ganz so wichtig ist.

Evgeny Cherepanov (Künstlername: Evgeny Wenger)

Putins Propaganda spaltet

Die Berichterstattung der russischen Staatsmedien ist aus Wengers Sicht ein Grund dafür, dass sich seine Eltern radikalisiert hätten. Er selbst verfolgt täglich die russischen Nachrichten, um sich klar zu machen, was die offizielle russische Position ist. "Das ist schon beängstigend, was da gesagt wird." Laut den Nachrichten sind alle anderen gegen Russland und Russland müsse den Feind bekämpfen, fasst Wenger die Berichterstattung zusammen. "Sie sagen dann in Talkshows Dinge wie: 'Erst war es nur eine kleine Gruppe von Nazis, jetzt stellt sich raus, dass fast alle Ukrainer Nazis sind'", erzählt Wenger.

Deshalb glaubt Wenger auch nicht daran, dass sich Russland und die Ukraine schnell aussöhnen werden – selbst wenn der Krieg enden würde. "Diese Spaltung und dieser Hass von Ukrainern und Russen, das wird lange dauern. Ich weiß nicht, wie viele Generationen man braucht, bis es zur Geschichte wird."

Offizielle Namensänderung wird noch dauern

Bis auf Evgenys Pass der Name "Wenger" steht, dauert es wohl noch einige Zeit, sagt der Pianist: "Ich habe mich darüber erkundigt, was man dafür machen muss und muss noch einiges erledigen." Das liegt auch daran, dass seine Frau und die Kinder noch ukrainische Staatsbürger sind. Evgeny Wenger und seine Frau haben geplant, dass sie als Familie gemeinsam zur gleichen Zeit den Namen ändern wollen. Das könnten sie allerdings nur, wenn die ganze Familie die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Den Antrag auf Einbürgerung hat seine Frau aber schon vor Kriegsbeginn gestellt.

Auch wenn die Namensänderung mit deutschem Pass im Schnitt nochmal anderthalb Jahre dauert, sollte dann trotzdem nur noch Formsache sein: Um den Name zu ändern, muss es einen triftigen Grund geben. Und den hat Wenger. Mit seiner Frau tritt der Pianist im Duo schon ab sofort unter dem Künstlernamen auf. Und der langwierige Prozess hat laut Wenger auch etwas Gutes: "Es zeigt, dass wir es mit der Namensänderung ernst meinen und die Entscheidung nicht einfach spontan aus dem Bauch heraus treffen."

So lebt ein russisch-ukrainisches Paar mit dem Krieg

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 02. März 2022, 19:30 Uhr