Kommentar

Neue Bußgelder: Reicht das gegen dreiste Radfahrer in Bremen?

Neuer Bußgeldkatalog – warum nicht auch für Fahrradfahrer in Bremen?

Ein Fahrradfahrer fährt an einem Schild vorbei, auf dem steht: "Radfahrer absteigen".
Bild: Imago | BARBARA GINDL
Bild: Imago | BARBARA GINDL

Verkehrsteilnehmern drohen nun höhere Bußgelder und mehr Punkte. Unserer Redakteurin Stephanie Giese reicht das nicht. Sie fordert, rücksichtslose Radfahrer noch strenger zu bestrafen.

110 Euro Strafe fürs Parken auf Geh- und Radwegen und Punkte für diejenigen, die damit andere Verkehrsteilnehmer gefährden? Toll. Warum denn erst jetzt? Ich bin leidenschaftliche Fahrradfahrerin verbinde mit dem neuen Bußgeldkatalog die wahrscheinlich naive Hoffnung, künftig mit etwas weniger Schweiß auf der Stirn zur Arbeit und zurück fahren zu können. Hoffnung wohlgemerkt. Und die ist womöglich wirklich sehr naiv.

Denn nach meiner Erfahrung sind – zumindest bei uns in Bremen – die mindestens zweitgrößte Gefahr für die Sicherheit der Fahrradfahrer … andere Fahrradfahrer. Ich nutze das Fahrrad täglich, seit ich dem Kinderwagen entstiegen bin. Mangelnde Übung kann man mir deshalb wahrscheinlich nicht unterstellen. Seit fast 20 Jahren lebe ich in Bremen – und in 15 davon habe ich täglich meinen Arbeitsweg aus dem Steintor-Viertel auf die andere Seite der Innenstadt mit dem Rad zurückgelegt. Das bedeutet: Kopfsteinpflaster, Glasscherben, Straßenbahnschienen. Und: ja – die Verkehrsführung für Radfahrer ist hier an vielen Stellen wirklich gefährlich.

Im Zweifel sind immer die anderen schuld

Dennoch ist es möglich, diese Strecke unfallfrei, ohne Nahtoderfahrungen oder gebrochenem Schlüsselbein zurückzulegen. Mit einem Mindestmaß an gegenseitiger Rücksicht und Einhaltung der geltenden Verkehrsregeln. In Bremen hat sich aber offenbar die Ansicht verfestigt, dass Fahrradfahrer alles dürfen.

Es wird gedrängelt, hauteng links und rechts überholt, ohne zu klingeln, Handzeichen vorm Abbiegen gelten scheinbar als uncool und wenn man in der Gegenrichtung auf einem einspurigen Rad- oder gar auf dem Fußweg fährt, ist im Zweifel erst einmal der andere schuld. Schnell muss es gehen, das Radfahren in Bremen. Und Rechthaben ist wichtig. Häufig um jeden Preis.

Fahre ich mal mit dem Auto durch eine verkehrsberuhigte Zone, bin ich froh, wenn mir nicht auf Verdacht ein wie auch immer überholender Radfahrer die Beifahrertür ein oder den Spiegel abtritt – selbst wenn ich mich an alle Verkehrsregeln halte.

Radfahren in Bremen ist kein Vergnügen – Radfahren ist Kampf. Und der Autofahrer ein willkommenes Feindbild.

Stephanie Giese

Strengerer Bußgeldkatalog auch für Radfahrer

Mittlerweile hat es mich in einen deutlich fahrradfreundlicheren Stadtteil verschlagen. Viele Radwege sind breit, viele Autofahrer rücksichtvoll: Das Verhalten der Radfahrer ist das gleiche. Es wird geschimpft, gedrängelt und geschnitten.

Selbst die Kleinsten auf dem Schulweg haben offenbar schon gelernt, dass für sie keine Regeln gelten. Man bewegt sich drängelnd im Tross, Ampelphasen sind lose Empfehlung, Schulterblicke überbewertet, lieber parallel zur Fahrt nochmal eine Nachricht auf dem Handy schreiben oder mit dem dicken Kopfhörer auf den Ohren telefonieren. Irgendjemand wird schon aufpassen. Im Zweifel die Autofahrer.

Deshalb frage ich mich, als leidenschaftliche Radfahrerin, ob ein neuer Bußgeldkatalog nicht auch empfindlichere Strafen für Geisterfahrer, Raser und Drängler auf zwei Rädern enthalten sollte.

Klar – das müsste jemand kontrollieren. Und dafür haben wir kein Geld. Und schöner wäre es natürlich, auf ein Mindestmaß an gegenseitiger Rücksichtnahme zu setzen. Dass das aber offenbar inzwischen ziemlich aus der Mode gekommen ist, wissen wir nicht erst seit Beginn der Corona-Pandemie.

Autorin

  • Stephanie Giese Redakteurin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 9. November 2021, 17:20 Uhr