Fragen & Antworten

Bringt die Ampelkoalition der Windkraft-Branche neuen Antrieb?

Zwei Windräder stehen im Meer, davor fliegen Möwen.
Bild: DPA | Sina Schuldt

Hoffnung auf ein Comeback der Windkraft-Industrie in Bremerhaven: Die Branche baut auf die Ausbauziele der neuen Regierung. Heute äußern sich Branchenvertreter zur Entwicklung.

Die Windkraft und andere Erneuerbare Energien sollen nach den Plänen der neuen Bundesregierung rasant ausgebaut werden. Dazu hat Klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne) zwei Klimaschutzpakete angekündigt. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat das Ziel nochmal bekräftigt.

Bremerhaven galt lange als einer der Hauptstandorte der neuen Industrie. Dann begrenzte die Bundesregierung den Ausbau – und die Branche brach fast zusammen. Jetzt setzt sie große Hoffnungen in die Ampelkoalition. Und auch Bremerhaven erhofft sich wieder deutlichen Aufschwung bei der Windkraft. Heute wollen die Windkraft-Verbände eine gemeinsame Erklärung abgeben.

Was genau erhofft sich die Windkraft-Branche jetzt?
Die Hoffnung ist, dass es endlich raus geht aus dem Tief, in dem sich weite Teile der Branche befinden. Vor Jahren herrschte auch in Bremerhaven regelrechte Goldgräberstimmung, zahlreiche neue Akteure wollten Windparks an Land und auf See schaffen. Laut dem Bremer Institut Windresearch sind bis zu 30 Prozent der Firmen in der Branche weggefallen, nachdem die Förderungen zusammengestrichen und der Ausbau begrenzt wurde. Die alte Bundesregierung wollte die Strompreise niedrig halten und hat die Ökostrom-Umlage um bis zu 43 Prozent gesenkt.
Nun will die neue Ampelkoalition im Bund den Hebel komplett umlegen – was ist zu erwarten?
Die Koalition hat große Ziele. Insbesondere die Windkraft an Land soll ausgebaut werden, sagt Bundesklimaschutzminister Habeck. Planverfahren sollen so angepasst und beschleunigt werden, dass aus Windkraft auf hoher See und an Land sowie Solarenergie und Biomasse die Energieversorgung Deutschlands sichergestellt werden kann. Das würde bedeuten, dass auch die Stromtrassen zum Beispiel von See ins Binnenland viel stärker ausgebaut werden müssen. Daran gab es bereits viel Kritik von Bürgerinitiativen. Die neue Bundesregierung sagt jedoch, dass die Mentalität ein Ende haben müsse, nach der viele den Ausbau vor der eigenen Haustür ablehnen.
Blick auf Bremerhaven: Wie steht es überhaupt um die Branche vor Ort?
Dort ist es um die Windkraft in den vergangenen Jahren ziemlich ruhig geworden. Produktionswerke wie Powerblades und Repower sind längst verschwunden. Unternehmen, die für Anlagen auf See gebaut haben, aber auch an Land. Der in Bremerhaven geplante Offshore-Hafen (OTB) für die Windkraft-Industrie ist sogar gerichtlich gestoppt worden – weil die Richter den Bedarf nicht mehr sahen. Dagegen klagt das Land noch. Für Heike Winkler vom Branchenverband Windenergieagentur WAB ist klar, dass Bremerhaven einen solchen Hafen braucht.

Wenn man wirklich mitspielen will, dann sollte man auch optimal aufgestellt sein, was die Infrastruktur angeht. Alle anderen Länder arbeiten daran, in Deutschland sehe ich da doch aktuell eine starke Zurückhaltung. Und von unserer Seite aus denke ich, hätte man sich noch deutlich stärker dafür einsetzen müssen.

Eine Frau mit Schwimmweste und Helm steht auf einem Schiff vor einem Windpark.
Heike Winkler, WAB
Welche Windkraft-Betriebe gibt es in Bremerhaven noch?
Einige Überbleibsel der Branche, einige wenige Windpark-Betreiber und Entwickler sowie Wissenschaftsinstitute wie das Fraunhofer Institut für Windenergiesysteme. Unterm Strich sind nur noch einige Hundert Arbeitsplätzen verblieben – von einmal rund 4.200. Das größte Produktionswerk für Windkraftanlagen in der Region hat sich im benachbarten Cuxhaven angesiedelt. Hier baut Siemens Gamesa die Anlagen – momentan hauptsächlich für den Weltmarkt, also auch für Windparks zum Beispiel in Asien. Siemens Gamesa hatte sich 2015 dafür entschieden, das Werk in Cuxhaven zu bauen, weil in Bremerhaven der Offshore-Hafen noch nicht fertig war.
Welche Chancen gibt es jetzt für die Windkraft-Industrie in der Region?
Die Windkraft-Branche in Bremerhaven setzt darauf, dass weitere Windparks in der deutschen Nordsee ausgeschrieben und mehr Flächen dafür ausgewiesen werden. Klimaschutzminister Habeck hat dies bereits signalisiert. Mit zusätzlichen Flächen könnten demnach perspektivisch knapp drei Millionen Haushalte mit Strom versorgt werden – also so viele Menschen wie die Bevölkerung von Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen zusammen. Das zumindest ist eine neue Perspektive und könnte für Aufschwung sorgen. Und dafür, dass sich neue Investoren in der Stadt niederlassen, um neue Windparks zu schaffen, aber auch alte Anlagen auszutauschen. Tatsächlich liegt es jetzt daran, welche Fördermöglichkeiten die neue Bundesregierung schafft und welche Standorte gestärkt werden sollen. Wenn die Klimaziele erreicht werden sollen, braucht es wohl alle Möglichkeiten.
Gerade hat die Bremerhavener Lloyd-Werft Insolvenz angemeldet – gibt es für die Beschäftigten möglicherweise in der Windkraft-Branche neue Perspektiven?
Das ist zumindest eine Hoffnung der Beteiligten, damit Fachpersonal in der Stadt gehalten werden kann – sollte es bei den Werften tatsächlich nicht weitergehen. Die Lloyd-Werft hat immerhin 300 Beschäftigte in der Stammbelegschaft, aber natürlich auch eine ganze Reihe Zuliefererfirmen aus der Region.

Trotz OTB-Aus will Senat an Windkraft in Bremerhaven festhalten

Bild: DPA | Zoonar | Oliver Foerstner

Mehr zum Thema:

Autoren

  • Dirk Bliedtner
  • Joschka Schmitt Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 13. Januar 2022, 7:10 Uhr